Demenz – keine Unterstützung für Angehörige

„Monitor“ am 09.09.2010:

Immer mehr Menschen erkranken in Deutschland an Demenz. 1,2 Millionen Menschen sind es heute, bis 2050 soll sich ihre Zahl verdoppeln. Die meisten von ihnen müssen von ihren Angehörigen rund um die Uhr betreut werden. Dennoch erhalten viele nicht die nötige Pflegestufe, weil das Gesetz hauptsächlich körperliche Gebrechlichkeit als Maßstab der Hilfsbedürftigkeit ansieht. Körperlich sind viele Demenzkranke jedoch lange Zeit noch fit, ihre geistigen Schwächen werden dagegen nicht hinreichend erfasst. Abhilfe schaffen könnte ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff, über den seit 15 Jahren diskutiert wird. Doch die Politik schiebt die Reform der Pflege weiter vor sich her.

Sonia Seymour Mikich: „Ankleiden – acht Minuten. Entkleiden – vier Minuten. Kämmen – drei Minuten“. Am Tag. In Deutschland wird Pflege in Minuten gerechnet. Und wer nicht genug davon zusammen bekommt, erhält keine Pflegestufe. Willkommen, liebe Zuschauer. Wir reden jetzt über Demenzkranke, die von der Politik vergessen werden. Sie sind oft gar nicht so gebrechlich, brauchen aber eine Rundum-Betreuung. Die meisten von ihnen werden zu Hause versorgt. Und ich kann mir nichts Traurigeres vorstellen, als zu sehen, wie ein geliebter Mensch wegtaucht wie in eine andere Welt, und daraus ein Job bis zum Rande der Erschöpfung für die Angehörigen wird. Andrea Kathage-Miosga und Pagonis Pagonakis fragen: Bedeutet Pflege nur satt und sauber im Minutentakt? Hat sie nicht auch mit Würde zu tun?“

Klaus Münch: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich irgendwie überfordert bin. Dass ich denke, okay, jetzt musst du schon wieder da hinterherlaufen und musst da schon wieder das Licht ausmachen oder muss dann … sagen, dass sie dies machen soll oder jenes machen soll oder nicht lassen soll. Und dann reagieren die genau konträr. Und das führt natürlich an Grenzen, die … gehen an die Psyche.“

Klaus Münch lebt mit seiner demenzkranken Mutter in der Kleinstadt Wissen in Rheinland-Pfalz. Er betreut sie rund um die Uhr. Er liebt seine Mutter, doch oft ist er einfach gereizt. Die beiden leben von ihrer kleinen Rente und Hartz IV. Für einen neuen Job hätte Klaus Münch gar keine Zeit. Seine Mutter ist auf ihn angewiesen. Reporter: „Wie wichtig ist für Sie die Betreuung durch Ihren Sohn?“

Helene Münch: „Oh, oh, unheimlich wichtig. Unheimlich wichtig. Ohne den Klaus könnte ich ja viele Dinge auch gar nicht mehr machen. Unheimlich wichtig. Ich bin sehr, sehr angewiesen auf den Klaus.“

Klaus Münch braucht dringend professionelle Hilfe, von einem Pflegedienst. Doch dafür gibt es kein Geld. Der Antrag auf Pflegestufe 1 wurde schon dreimal abgelehnt. Er ist verzweifelt. Kathrin Bieler von der Pflegeberatung muss ihn immer wieder aufbauen. Sie weiß: Viele Demenzkranke bekommen keine Pflegestufe, eben wie Helene Münch. Die Angehörigen sind am Ende.

Kathrin Bieler, Pflegestützpunkt Hamm/Wissen: „Jemand, der demenziell erkrankt ist, braucht eine 24-Stunden-Pflege. Sie können ihren demenziell erkrankten Angehörigen nicht alleine lassen. Sie müssen immer dabei sein, Sie müssen immer gucken, dass nichts passiert. Sie können einen guten Tag haben, sie können aber auch einen so schlechten Tag haben, dass wirklich Sie ständig hinterherlaufen müssen.“

Und diese Belastung wird aber nicht anerkannt. Stattdessen haben Gutachter errechnet, wie lange Klaus Münch braucht, um seine Mutter zu waschen, anzuziehen – überhaupt zu versorgen. Ihr Ergebnis: 60 Minuten pro Tag. Pflegestufe 1 gibt es aber erst ab 90 Minuten. Klaus Münch will gegen die Entscheidung klagen – denn der wahre Aufwand ist viel größer.
Klaus Münch: „Körperliche Gebrechen, okay, die kann man in Minuten oder sonstige Schritte einteilen. Aber wenn einer Geistiges, der jetzt, was weiß ich … jetzt dummes Zeug macht und dummes Zeug redet, aber zehn Minuten später wieder vollkommen klar ist. Den kann man nicht in diese zeitlichen Rahmen hineinpressen, sage ich mal.“

Helene Münch fällt wie viele durch das Raster der Pflegeversicherung, weil sie körperlich zu fit ist. Laut Gutachten ist sie zwar erheblich eingeschränkt – das bedeutet aber nur Pflegestufe 0. Damit hat ihr Sohn ganze 100 Euro im Monat, um sich ein paar Stunden Hilfe zu holen. Bei Pflegestufe 1 hätten sie zusätzlich 440 Euro für einen Pflegedienst. Die Gutachten werden vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen erstellt. Die Gutachter haben durchaus Ermessensspielraum – auch bei Helene Münch. Doch beim Spitzenverband der Medizinischen Dienste verweist man auf das Gesetz. Das eigentliche Problem sei nämlich, wie der Gesetzgeber Pflegebedarf definiere.
Dr. Peter Pick, Medizinischer Dienst der Krankenkassen: „Bei Dementen hat man häufig Weglauftendenzen oder Selbstgefährdungstendenzen. Oder sie haben Angstzustände, dann ist ein Beruhigen erforderlich. Dies kann leider bei der Bemessung der Pflegezeiten und der Minutenaufwände nicht berücksichtigt werden.“

Helene Münch kann laufen. Sie kann aber nicht allein über die Straße gehen. Was bedeutet also Pflege? Darüber streitet man schon seit es die Pflegeversicherung gibt. Seit 1995 kritisieren Experten, der Pflegebegriff sei zu eng. Aber erst zehn Jahre später vereinbart die damalige große Koalition, das Problem anzugehen. Es dauert noch ein Jahr, bis das Bundesgesundheitsministerium eine Studie dazu in Auftrag gibt. Wieder vergehen drei Jahre, bis er entwickelt ist. Nach 14 Jahren gibt es endlich einen Pflegebegriff, der die Demenzkranken berücksichtigt. Doch statt ihn einzuführen, will ihn die jetzige Bundesregierung erneut prüfen. Wir fragen das Bundesgesundheitsministerium, wann Demenzkranke auf echte Hilfe vom Gesetzgeber hoffen können, wann Pflege endlich im Gesetz umdefiniert wird. Das kann das Ministerium uns nicht sagen. Schriftlich heißt es nur:

Zitat: „Die Arbeiten dazu sollen in dieser Legislaturperiode erfolgen.“ Die Arbeiten dazu – das heißt, mit einem fertigen Gesetz ist auch in dieser Legislaturperiode wohl nicht mehr zu rechnen. Die Regierung hat Zeit. Wieso eigentlich?

Dr. Peter Pick, Medizinischer Dienst der Krankenkassen: „Die Angst der Politik ist, dass wir eine unheimliche Ausweitung der Leistungsempfänger erhalten. Das ist, glaube ich, der Hauptgrund, warum Politik sich damit schwer tut. Wenn man ehrlich ist, muss man sagen, wer eine bessere Versorgungssituation an der Stelle erreichen will, muss auch bereit sein, hier zusätzliches Geld bereitzustellen.“

Ein neuer Pflegebegriff könnte ein bis drei Milliarden Euro im Jahr mehr kosten. Finanzierungsmodelle gibt es. Was ist ein würdiges Leben im Alter wert? Immer mehr Menschen werden betroffen sein. Heute schon sind 1,2 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, bis 2050 werden es mehr als zwei Millionen sein. Es kann jeden treffen. Klaus Münch weiß nicht, wie lange er es noch schafft – ohne Hilfe.

Eigentlich ist mit diesem Artikel alles gesagt.
Ich erlebe täglich, was es heißt, demenzkranke Menschen zu betreuen, und die Aussage, dass sie eine 24-Std-Betreuung benötigen, ist definitiv keine Übertreibung. Viele von ihnen haben Pflegestufe 1. Manche sagen „super, lauter leichte Pflegefälle, worüber beschwert ihr euch eigentlich?“
Leichte Pflegefälle? Solche Aussagen beweisen, dass es mit den Kenntnisse über die Demenzerkrankung noch nicht so weit her ist. Viele Bewohner schaffen es zum Beispiel noch, selbständig vom Bett zur Toilette zu laufen. Toll! Dass sie aber nicht immer wissen, wie man die Toilette benutzt, darf man nicht vergessen. Schnell ist so eine Toilette als Waschbecken, Mülleimer, oder Trinkfass erkannt, oder nicht die Toilette, sondern das ganze Badezimmer als Toilette benutzt worden.
Nur ein Beispiel von Unzähligen, das verdeutlichen soll, dass sich die Pflegebedürftigkeit von Demenzkranken nur mit einer kleinlichen Minutenliste weder korrekt noch menschenwürdig erfassen lässt.

2 Kommentare zu “Demenz – keine Unterstützung für Angehörige

  1. Ich finde diese minutenmäßige Abrechnung von Menschen einfach menschenunwürdig. Wenn ich mir vorstelle, dass ich später mal nach Minuten gewaschen würde – gräßlich.
    Pflegebedürftige müssen offenbar ihre Grund- und Menschenrechte aufgeben … gleich nach den Hartz IV Empfängern, für die ja auch einige Grundrechte mal eben außer Kraft gesetzt werden.
    Was ist das für eine Gesellschaft?

    • Ich kann Dir nur beipflichten – habe auch einen Fastpflegefall „Parkinsonmorbus mit Demenz“ im Haushalt!
      Es gibt zwar eine Pflegecharta Artikel Pflege, Betreuung und Behandlung …
      Wir haben doch alles an Regeln oder Gesetzen – aber was hilft uns das?
      Laut meiner Gesundheitskasse bekommt man eine Bewegungshilfe erst, wenn eine halbseitige Lähmung vorliegt, ist eigentlich schon zu spät!
      Was ist das für eine Politik die keine Menschlichkeit mehr vorsieht?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s