„Ich darf das als Vater“

Mißbrauchsdrama in Fluterschen

Schrecklicher Familienalltag

Prostitution und Peitschenhiebe: Beim Prozessauftakt um den mutmaßlichen Kindesmissbrauch im Westerwald schildert die Anklage die Gewaltexzesse des Angeklagten Detlef S. Der „deutsche Fritzl“ zeugte acht Kinder mit seiner Stieftochter.

Im Westerwälder Missbrauchsfall hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter vor dem Koblenzer Landgericht begonnen. Der 48 Jahre alte, arbeitslose Familienvater Detlef S. aus Fluterschen (Kreis Altenkirchen/Westerwald) soll über Jahrzehnte hinweg seine leibliche Tochter und zwei seiner Stiefkinder missbraucht und zum Teil zur Prostitution gezwungen haben.

Mit seiner inzwischen 28-jährigen Stieftochter soll Detlef S. ab dem Jahr 2000 acht Kinder gezeugt haben, eines davon ist noch als Säugling verstorben.

Neben den Töchtern soll der Angeklagte seinen Stiefsohn sexuell missbraucht haben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 48-Jährigen zudem vor, seine Tochter und Stieftochter in 35 Fällen zur Prostitution gezwungen zu haben.

Laut Gericht liegt ein DNS-Test vor, der die Vaterschaft der sieben Kinder der Stieftochter belegt. Der 48-Jährige ist mit deren 52 Jahre alten Mutter verheiratet. Gemeinsam haben sie vier Kinder.

Der Angeklagte, der zu Prozessbeginn im roten Sakko vor Gericht erschienen war, räumte ein, der Vater der Kinder seiner Stieftochter zu sein. In einer von seinem Verteidiger Thomas Düber verlesenen Erklärung bestritt Detlef S. aber zugleich die Vorwürfe der Anklage. Die Frage der Vaterschaft ist nicht Bestandteil der Anklage.

„Ich darf das als Vater“

Bei Prozessbeginn schilderte der Staatsanwalt schreckliche Szenen aus dem Familienalltag und wie sich die Kinder gegen die Übergriffe zu wehren versuchten.

Der Anklage zufolge begannen die Übergriffe auf die damals vier und fünf Jahre alten Stiefkinder im Jahr 1987. Der Missbrauch der leiblichen Tochter soll am Tag ihres zwölften Geburtstags begonnen haben. Nachdem die Kinder die Geburtstagsfeier verlassen hatten, zwang er das Mädchen, sich aufs Bett zu legen, heißt es in der Anklage. Als das Kind sich wehrte, soll er zu ihm gesagt haben, er dürfe das als Vater.

Die heute 18-jährige Tochter soll über mehrere Jahre hinweg etwa einmal die Woche von ihrem Vater missbraucht worden sein. Wenn sie ihre Periode hatte, zwang er sie zum Oralverkehr.

Die beiden Mädchen soll der Angeklagte ab 1995 zudem regelmäßig zwei Männern gegen Bezahlung zum Geschlechtsverkehr überlassen haben. Die Freier müssen sich ebenfalls vor Gerichten verantworten.

Der Staatsanwaltschaft zufolge wurden die Opfer mit Schnaps gefügig gemacht. Bei den Treffen soll sich der Angeklagte mehrmals selbst befriedigt haben.

„Für Außenstehende schwer zu verstehen“

Der 48-Jährige ist wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und der Förderung sexueller Handlungen von Minderjährigen angeklagt. Insgesamt werden ihm 350 Sexualstraftaten im Zeitraum von 1987 bis 2010 zur Last gelegt. Im Falle einer Verurteilung drohen dem Mann laut Gericht bis zu 15 Jahre Haft. Wegen der Schwere der Taten hat die Staatsanwaltschaft zudem die anschließende Sicherungsverwahrung beantragt.

In der Anklageschrift ist neben den sexuellen Vorwürfen auch von Gewaltexzessen des tyrannischen Vaters die Rede. So soll der 48-Jährige daheim mit einem Bundeswehrgürtel und einer selbstgebauten Peitsche geprügelt haben.

Detlef S. sitzt seit August 2010 in Untersuchungshaft. Seine Stieftochter war in der Vergangenheit selbst immer wieder vom Jugendamt zum Erzeuger ihrer vielen Kinder befragt worden. Sie hatte ihren Vater nie verraten. Doch dann schickte sie einen Brief ihrer Halbschwester an die Behörde und brachte die Ermittlungen ins Rollen.

Zur Frage, wie der Missbrauch über so lange Zeit möglich war, sagte die heute 28-Jährige im Vorfeld des Prozesses: „Das ist für Außenstehende schwer zu verstehen. Das hat mit der Psyche und den Zwanghaftigkeiten zu tun gehabt.“ Nach Einschätzung des Opferhilfe-Vereins Weißer Ring ist der psychische Druck eines Täters auf Opfer in der Familie enorm.

Medien nennen den mutmaßlichen Kinderschänder den „deutschen Fritzl“, weil der Fall an den Österreicher Josef Fritzl erinnert, der seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverlies vergewaltigte und dabei sieben Kinder zeugte. Der Österreicher verbüßt eine lebenslange Haftstrafe.

Jugendamt in der Kritik

Eines der Westerwälder Opfer ist laut Gericht bereits für den Prozessauftakt als Zeugin geladen. Die drei mutmaßlichen Missbrauchsopfer treten in dem Gerichtsverfahren als Nebenkläger auf. Ob sie tatsächlich aussagen müssen, hängt davon ab, ob der Angeklagte sein Schweigen bricht. Die Stieftochter sagte, sie hoffe auf ein Geständnis des Angeklagten, „um uns diesen Weg auch etwas zu erleichtern“.

Wegen des Falls steht auch das Jugendamt des Kreises Altenkirchen in der Kritik, das die Familie zwar über Jahre hinweg regelmäßig besucht hatte, aber nicht eingeschritten war. Das Jugendamt vermutete schon früher, dass der 48-Jährige auch Vater der Kinder seiner Stieftochter sein könnte, doch die habe dies früher stets abgestritten, hieß es bei der Behörde. Und: „Wir ahnten nichts von dem, was die Vorwürfe nun sagen“, sagte Jugendamtsleiter Hermann-Josef Greb.

Ein Ermittlungsverfahren gegen S. wegen sexueller und tätlicher Angriffe auf seine Kinder wurde 2002 eingestellt. Kinder und Mutter beriefen sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht. Andere Beweise gab es laut Staatsanwaltschaft damals nicht.

Die heute 52-jährige Ehefrau des Angeklagten will laut der Ermittlungsbehörde nichts vom Missbrauch bemerkt haben. Bislang wird nicht gegen sie ermittelt.

Für den Prozess sind insgesamt fünf Verhandlungstermine bis Ende Februar angesetzt.

Quelle: Süddeutsche

Manchmal fehlen einem die Worte…
Man kann nicht genug essen, wie man kotzen möchte.

8 Kommentare zu “„Ich darf das als Vater“

  1. Der Fall hat in der Tat grauenhafte Parallelen zum Fall Fritzl. Aber eines kann ich mir nicht vorstellen: Dass die Frau des Psychopathen nichts gewusst haben soll. Wie kann das sein? Dass sie nicht in der Lage war, einzugreifen – okay, vorstellbar. Dass sie es nicht einmal geahnt hat? Never. Vielleicht entging sie selbst der Gewalt, wenn er sich die Kinder „vornahm“. Möglich, so ist es in vielen anderen Fällen gewesen.
    Dass sie nicht eingriff oder wegging? Beweist die exorbitante Tyrannei und Gewalttätigkeit des Täters. Nach meinem Empfinden (ganz persönlich) hat sie sich dennoch mitschuldig gemacht. Aber er gehört lebenslänglich weggesperrt. Für mich hat er seine Freiheitsrechte in dieser Gesellschaft verloren (_nicht_ seine Menschenrechte).

    • @Piratenweib
      War das jetzt ne Anspielung auf die Äußerung eines gewissen Schauspielers? 😉
      Das mit den Freiheitsrechten sehe ich ganz genauso.

      Und auch wenn ich keine Traumaexpertin bin, ich glaube es kommt schon vor, dass die Frau „nichts mitbekommt“. Wobei das nicht so ist, dass sie gar nichts mitbekommt, sondern es nicht wahrnehmen will oder gleich wieder verdrängt. Weil es so undenkbar ist. Und so schwer vorstellbar. (und dann kommt noch die psychische Quälerei und evtl. eigene Gewalterfahrung dazu und die Scheuklappen sind perfekt)
      Ich finde jedoch, sie sollte auch angeklagt werden. Weil sie sich durch Unterlassen eben doch mitschuldig gemacht hat. Augen verschließen oder Nichtwissen ist rechtlich gesehen eben selten eine Entschuldigung.

    • Die Mutter hat ganz bestimmt etwas über die grausame Tat ihres Mannes gewusst, oder es zumindestens geahnt. Immerhin wurde im ganzen Dorf über den Inzestverdacht getratscht und getuschelt. Vor ein paar Tagen habe ich ein Bericht im Fernsehen gesehen, wo ein Reporter im Fluterschen unterwegs war und die Bewohner dort gefragt hat, warum sie nichts unternommen haben, wenn sie doch was geahnt haben. Da kamen ständig Antworten wie: „Was geht uns das an? Das ist doch deren Problem.“ Wie kann man nur so ignorant sein?

    • Sicher hat die Frau eines Täters nichts gemerkt und gewusst. Das ist aber sehr oft eine Schutzbehauptung. Alle wußten von nichts, fanden aber dies und das seltsam.

      Frauen von Tätern pauschal einen Freibrief, eine Kollektivunschuld zu erteilen, weil sie nach allgemeiner (feministisch blinder) Meinung ein Opfer sind, ist ein Schlag ins Gesicht jeglicher Opfer von sexueller Gewalt. Es verschleiert den Blick auf mögliche Mittäterschaft, die meiner Erfahrung nach viel zu wenig untersucht wird. Auch die Unterlassung von Hilfe ist eine Straftat. Das Zulassen von Gewalt und Leid ist mit nichts zu rechtfertigen.

      Was mir völlig unverständlich ist, dass 2002 niemand, weder Frau noch Kinder gegen den Tyrannen ausgesagt haben. Sie wären ihn losgeworden.
      Jetzt ist es doch auch nicht besser, denn jetzt wird es ohne Aussage vor Gericht auch nicht gehen. Wieso sollte der gestehen? Da geht es doch um Macht über Frau und Kinder, wenn er sie im Gericht noch terrorisieren könnte, warum sollte er nicht?
      Und wenn der frei kommt, können die Frau und die Kinder zittern bis ans Lebensende, der würde sich rächen. Da gäbe es keinerlei Schutz.

      Opfer sexueller Gewalt dürfen nicht nett sein, brav bleiben. Sie müssen sich wehren, auch zum Schaden der Täter_innen.

  2. Boah, ich dachte auch, ich muss platzen, als ich das gelesen habe!

    Was muss an einem Menschen kaputt sein, um so zu handeln/denken?
    Das ist mir einfach ein Rätsel… (und wenn der nicht Sicherheitsverwahrung bekommt, geh ich glaub auf die Straße!)

  3. Was solche Täter anbelangt, die vergewaltigen jahrelang, weil sie es können, weil sie die Macht haben, nicht weil sie irgendwie kaputt oder gestört sind.
    Warum Sicherungsverwahrung? Wegen Zwangsprostitution und langjähriger sexueller Nötigung der eigenen Kinder? Das wäre nun wirklich in der deutschen Rechtspraxis völlig unangemessen. Der bekommt 6 Jahre als Ersttäter. Er wird verständnisvolle Gutachter finden.
    Wenn Vergewaltiger Sicherungsverwahrung bekämen, wären die JVAs knackevoll.

    Zynisch? Ja. Weil ein Scheckbetrug mehr verfolgt wird als eine Vergewaltigung.
    Zynisch? Ja, weil Geschädigte vom System verarscht werden.

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