Über die Besonderheit von Vergewaltigungen

Patrick hat auf seinem Blog einen sehr guten Artikel geschrieben, der die „Besonderheit“ von Vergewaltigungen beleuchtet. Bei kaum einem anderen Verbrechen spalten sich die Gemüter mehr und auch bei kaum einem anderen Verbrechen werden Täter mehr zu Opfern und Opfer zu Tätern gemacht. Bei kaum einem anderen Verbrechen wird vordergründig mehr über eine mögliche eigene Schuld des Opfers spekuliert, oder diese gar von Vornherein einfach vorausgesetzt.
Das Problem, das Vergewaltigungen von anderen Verbrechen unterscheidet, ist die massive Schamgrenzüberschreitung. Und ein derart massiver Eingriff in die Intimsphäre eines Menschen und dessen Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit ist immer mit Scham verbunden, weil unsere tolle Gesellschaft dahingehend indoktriniert ist, einer Frau grundsätzlich eine Mitschuld zu geben, wenn ein Mann über sie herfällt. Wahrscheinlich war sie eben zu sexy und/oder hat provoziert. Und eine anständige Frau tut sowas eben nicht. Und diese Scham oder die Vorstellung dessen, was einer Frau blüht, die nicht schweigen will, hält so viele Betroffene davon ab, Anzeige zu erstatten. Das nicht nur in Frage stellen, sondern das regelrechte in Abrede stellen der Glaubwürdigkeit des Opfers und der Tat selbst, die Unterstellung der Mitschuld, der Vorwurf, sich nicht deutlich genug gewehrt oder klar genug „NEIN“ gesagt zu haben, das Nachforschen und Zurschaustellen des bisherigen Privat- und Intimlebens (bevorzugte Kleidung, Alkoholkonsum, Kontaktfreudigkeit, Anzahl der sexuellen Beziehungen,…) und sexueller Vorlieben, das höhnische Verreißen in den Medien und Internetplattformen, öffentliche Solidarisierungsbekundungen mit Tätern, verbale Ohrfeigen und lächerliche „Entschuldigungen“ und Rechtfertigungen wie „man sei halt auch nur ein Mann“, „sie habe es doch sicher so gewollt“, und schlußendlich die viel zu oft viel zu milden Urteile. All das trägt zur Zurückhaltung vieler Opfer und zur traurigen Besonderheit von Vergewaltigungen bei.

12 Kommentare zu “Über die Besonderheit von Vergewaltigungen

  1. Ich denke Vergewaltigung wird schon als das schwere Verbrechen wahrgenommen, dass es ist und Opfer erfahren einiges an Unterstützung.
    Andererseits sehen die Leute eben auch die Möglichkeit der Falschbeschuldigung und gerade wenn sie eine der Personen als sympathisch wahrnehmen sind sie eher geneigt, ihr so ein Verbrechen nicht zuzutrauen. Es sind ja gerade die Vergewaltigungen ohne Spuren und zwei sich entgegenstehenden Aussagen, die problematisch sind.

    Woher nimmst du denn die „viel zu milden Urteile?“ Da hatten wir ja schon mal eine Diskussion drüber, wenn ich mich richtig erinnere.

    • Ich denke nicht, dass die Schwere einer Vergewaltigung immer so gesehen wird. Und Opfer erfahren sicher einiges an Unterstützung, aber eben offenbar nicht genug, sonst gäbe es sicher nicht so viele Schweigende.
      Und es gibt Leute, die sehen nicht nur die Möglichkeit einer Falschbehauptung, sondern setzen diese einfach voraus. Die Unschuldsvermutung gilt dann nur für die Täter, nicht für die Opfer. Und sein Urteilsvermögen von Sympathien oder Antipathien abhängig zu machen, ist sicher menschlich, aber nicht professionell. Die perversesten Täter galten in der Nachbarschaft als „nett“ und „unauffällig“, bis raus kam, dass sie im Keller ihre Töchter gef*ckt und geschwängert haben.
      Die viel zu milden Urteile nehme ich aus Berichterstattungen. Freispruch oder ein paar Jährchen Bewährung sind keine Seltenheit.

    • „aber eben offenbar nicht genug, sonst gäbe es sicher nicht so viele Schweigende.“

      Das ist ja relativ. Vielleicht wollen einige auch einfach die Unterstützung und den Rummel nicht. Immerhin würde jeder dann „sie ist VERGEWALTIGT worden“ denken und sie entsprechend unterstützend behandeln.
      Oder sie wissen einfach, dass die Aufklärungschancen schlecht sind, weil Aussage gegen Aussage steht.

      „Und es gibt Leute, die sehen nicht nur die Möglichkeit einer Falschbehauptung, sondern setzen diese einfach voraus“

      Ich glaube nicht, dass das so weit verbreitet ist abseits der größeren Medienfälle. Es wird sich zudem die Waage mit denjenigen halten, die immer eine Vergewaltigung voraussetzen.

      „die Unschuldsvermutung gilt dann nur für die Täter, nicht für die Opfer. “

      Die Unschuldvermutung gilt zunächst erst einmal für den Beschuldigten. Wenn man sie einer Falschbeschuldigung verdächtigt, dann sollte man sie also beachten.

      „aber nicht professionell“

      Die Leute, die es professionell machen (Polizisten, Richter, Staatsanwälte) scheinen mir das durchaus professionell zu handhaben. Der Rest muss es ja auch nicht professionell sehen.

      „Die perversesten Täter galten in der Nachbarschaft als „nett“ und „unauffällig““

      Aber der geringste Anteil der netten Nachbarn hat im Keller seine Töchter gefickt und geschwängert. Könntest du einfach so umswitchen, wenn dein Vater, Bruder oder bester Freund einer Vergewaltigung beschuldigt werden würde? Warum soll es Leuten bei einem guten und freundschaftlichen Nachbarschaftsverhältnis anders gehen?

      „Die viel zu milden Urteile nehme ich aus Berichterstattungen. Freispruch oder ein paar Jährchen Bewährung sind keine Seltenheit.“

      Freispruch ist ein zu mildes Urteil? Wie sollte denn jemand bestraft werden, dem man die Tat nicht nachweisen kann?

      Da solltest du vielleicht ähnlich wie bei der Höchststrafe noch mal ins Gesetz gucken:

      § 56 StGB
      Strafaussetzung
      (1) Bei der Verurteilung zu Freiheitsstrafe von nicht mehr als einem Jahr setzt das Gericht die Vollstreckung der Strafe zur Bewährung aus, wenn zu erwarten ist, daß der Verurteilte sich schon die Verurteilung zur Warnung dienen lassen und künftig auch ohne die Einwirkung des Strafvollzugs keine Straftaten mehr begehen wird.

      Also nur bei Freiheitsstrafen unter einem Jahr. Die Mindeststrafe für eine Vergewaltigung bei der „der Beischlaf vollzogen wird“ (§ 177 StGB) ist 2 Jahre (mindest, die Höchststrafe ist nach wie vor 15 Jahre), sie kann daher nicht zur Bewährung ausgesetzt werden.

      Vielleicht hast du ja mal ein paar Beispiele für diese zu niedrigen Strafen?

    • Noch eine Korrektur:

      § 56 II STGB
      2) Das Gericht kann unter den Voraussetzungen des Absatzes 1 auch die Vollstreckung einer höheren Freiheitsstrafe, die zwei Jahre nicht übersteigt, zur Bewährung aussetzen, wenn nach der Gesamtwürdigung von Tat und Persönlichkeit des Verurteilten besondere Umstände vorliegen. Bei der Entscheidung ist namentlich auch das Bemühen des Verurteilten, den durch die Tat verursachten Schaden wiedergutzumachen, zu berücksichtigen.

      Dürfte aber auch nur auf sehr sehr wenige Vergewaltigungen zutreffen, bei denen die Mindeststrafe ausgesprochen wird und „besondere Umstände“ vorliegen.

    • „Ich denke Vergewaltigung wird schon als das schwere Verbrechen wahrgenommen, dass es ist und Opfer erfahren einiges an Unterstützung.“

      Du machst es dir ziemlich einfach. Kannst du das irgendwie belegen, dass Menschen das als schweres Verbrechen wahrnehmen können? Warum glaubst du dass eine Sensibilisierung für solche Straftaten vorliegt?

      „Es sind ja gerade die Vergewaltigungen ohne Spuren und zwei sich entgegenstehenden Aussagen, die problematisch sind.“

      Korrekt. Ohne Sperma wird es schwierig. Wer kein Sperma beim Eindringen absondert (Gummi, keine Ejakulation), ist aus dem Schneider. Und Zeugen haben die Geschädigten kaum, höchstens Zuschauer, die mitmachen (wollen).
      Und was das korrekte Spurensichern anbelangt, gibt es zu wenig Rechtsmediziner. Manche Zweigstellen wurden geschlossen, schließlich hat der Staat auch gespart. Wie sollen Geschädigte nachweisen, wenn die Forensiker fehlen? Zudem ist eine korrekte Spurensicherung teuer, fast 1000 EUR. Es liegt nicht immer an den bösen Opfern, die Spuren manipulieren/vernichten. Frag mal jemand von der Kripo.

  2. @ Christian

    Vielleicht wollen einige auch einfach die Unterstützung und den Rummel nicht.

    Das ist aber sehr einfach gedacht. Es muß natürlich jede Unterstützung angeboten werden. Wenn das Opfer das ablehnt, dann sicher nicht, weil schlicht kein Interesse besteht, sondern meist aus reiner Scham.

    Immerhin würde jeder dann „sie ist VERGEWALTIGT worden“ denken und sie entsprechend unterstützend behandeln.

    Das glaube ich nicht. Ein Vergewaltigungsopfer ist stigmatisiert. Wie ich schon erklärt habe, wird jedem Opfer direkt oder indirekt zumindest eine Mitschuld gegeben. Von „jedem“ wird da sicher keine Unterstützung kommen.

    Oder sie wissen einfach, dass die Aufklärungschancen schlecht sind, weil Aussage gegen Aussage steht.

    Schwierige Aufklärungschancen sind leider oft Grund genug für Opfer, nichts zu unternehmen. Das ist aber genau der falsche Weg. Schweigen schützt nur Täter, niemanden sonst.

    Die Unschuldvermutung gilt zunächst erst einmal für den Beschuldigten.

    Sag ich ja. Das Opfer darf fröhlich der Lüge und der Falschbeschuldigung bezichtigt und verleumdet und beschimpft werden, während sich der Täter auf Unschuldsvermutung stützen darf.

    Aber der geringste Anteil der netten Nachbarn hat im Keller seine Töchter gefickt und geschwängert.

    Ändert nichts daran, dass es nachher meistens heißt „aber der war immer so nett und freundlich, das hätte ich dem im Leben nie zugetraut“. Das zeigt doch sehr deutlich, dass es keine Beweiskraft hat, was man jemandem zutrauen würde oder nicht, weil er nach außen nett wirkt.

    Könntest du einfach so umswitchen, wenn dein Vater, Bruder oder bester Freund einer Vergewaltigung beschuldigt werden würde?

    Natürlich wäre ich zutiefst schockiert. Gerade bei Familienmitgliedern oder Menschen, die man lange zu kennen glaubt und mag oder liebt. Aber keinem kann man in den Kopf schauen. Und wenn sich das als Tatsache herausstellen sollte, wäre dieser Mensch für mich gestorben.

    Freispruch ist ein zu mildes Urteil? Wie sollte denn jemand bestraft werden, dem man die Tat nicht nachweisen kann?

    Ein Freispruch aus Mangel an Beweisen ist keineswegs ein Beweis dafür, dass die Tat nicht stattgefunden hat.

    Vielleicht hast du ja mal ein paar Beispiele für diese zu niedrigen Strafen?

    Bitte sehr:
    2 Jahre Bewährung für 2fachen Vergewaltiger

    2 Jahre Bewährung für Kindesvergewaltigung

    2 Jahre Bewährung für Vergewaltigung einer Prostituierten

    2 Jahre Bewährung für Vergewaltigung der Ex-Freundin

    Taxifahrer vergewaltigt Kundin – 2 Jahre Bewährung

    2 Jahre Bewährung für Vergewaltigung der Nichte und Mißbrauch der Tochter

    14 Monate Bewährung für Vergewaltigung eines Behinderten

    im Suff Ex-Frau vergewaltigt – 2 Jahre Bewährung

    2 Jahre Bewährung für Vergewaltigung im Schlafwagenabteil

    Reicht das? Falls nicht, such bei der Suchmaschine deiner Wahl unter Vergewaltigung und Bewährungsstrafe und du wirst dich wundern was dir da alles entgegenspringt.

    • Vergessen werden darf auch nicht, dass Mediziner_innen und Therapeut_innen im Rahmen ihrer „Arbeit“ vergewaltigen (PSM, Professional Sexual Misconduct). Da hilft kein Nein und auch keine Gegenwehr.
      Vielleicht wiederhole ich mich auch, aber Wer schweigt, schützt Täter_innen.
      Sowas fällt bei Diskussionen zu Vergewaltigung immer wieder hintenrüber, weil medizinisches/threpeutisches Fachpersonal ja sowas nicht tut, weil es helfen und heilen will.

  3. Der Mädchenblog greift genau das Thema auf, wie perfide Frauen schuldig gesprochen werden, den Täter durch „zwiedeutige Signale verwirrt“, und damit eine Vergewaltigung provoziert zu haben. Die sogenannten Argumente könnten nicht typischer sein: sexy Kleidung, Make up, klar da KANN Mann ja nur auf dumme Gedanken kommen…
    *kotz*

    Und darf ich mal raten? Wäre es eine unscheinbare Frau, nicht sexy gestylt, wäre es sicher nur eine frustrierte Emanze, die sich das Märchen nur ausgedacht hat, weil sie auch mal Aufmerksamkeit will. Schließlich werden häßliche Frauen ja nicht belästigt…

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