Das Alice-Schwarzer-Phänomen

Einen interessanten Artikel zum sogenannten „Alice Schwarzer-Phänomen“ habe ich bei Tapfer im Nirgendwo gefunden.

Das Alice-Schwarzer-Phänomen bezeichnet die Fixierung einer extremen aber für die Pluralität einer demokratischen Meinungsgesellschaft notwendigen anderen Meinung auf eine relativ bekannte Person, obwohl sie diese bestimmte Meinung niemals geäußert hat, sie aber zum Erhalt des bestimmten Diskurs als Trägerin der Meinung unbedingt notwendig ist.

In öffentlichen Debatten kommt es manchmal zum Ende eines spannenden Widerstreits, weil es keine öffentlich ausreichend bekannte Person gibt, die mit einer extremen anderen Meinung das Gespräch in Gang hält. In genau dieser Ermangelung eines Gegenübers kommt es nicht selten zum Alice-Schwarzer-Phänomen, also der unkontrollierten Ernennung einer bekannten Person zur Trägerin dieser notwendingen Meinung. Wie es zu dieser Ernennung kommt, ist eine sehr komplexe Angelegenheit und findet weder bewusst noch durch das Drängen einzelner Akteure statt, sondern durch gegenseitiges Abschreiben, Zitieren und Verweisen.

Die Benennung des Phänomens mit dem Namen Alice Schwarzer geht auf eine ganz besonderes Ereignis der letzten Monaten zurück: Alice Schwarzer erhielt in der Kachelmann-Debatte die Rolle der männerhassenden Feministin, die Jörg Kachelmann schon vor dem Urteil verurteilt haben soll.

Es gelang Alice Schwarzer nicht, diese Rolle abzuschütteln, trotz der vehementen und ständigen Betonung, dass der Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ selbstverständlich auch für Jörg Kachelmann gelte. Sie hat nie etwas anderes gesagt!

Wer sich die Chronologie der Berichterstattung um den Prozess genau anschaut wird sehen, dass sich Alice Schwarzer erst dann zu Wort gemeldet hatte, als in bedeutenden deutschen Medien die Unschuldsvermutung für Jörg Kachelmann zu einer Schuldvermutung des mutmaßlichen Opfers mutierte. Erst ab dieser Fehlinterpretation der Unschuldsvermutung schrieb Alice Schwarzer vehement gegen die Vorverurteilung des mutmaßlichen Opfers an und nahm allein schon deshalb konsequent die Position des mutmaßlichen Opfers ein, weil die Unschuldsvermutung für das Opfer in Deutschland zu kippen drohte, was einem gesellschaftlichen Klima Tür und Tor geöffnet hätte, das vergewaltigten Frauen den juristischen Weg unendlich erschwert hätte.

Alice Schwarzer nahm diese Position ein, “weil es mir in diesem Stadium einfach notwendig erschien, dass man die Sache auch vom mutmaßlichen Opfer her betrachtet”, so Alice Schwarzer. Das bedeute jedoch keineswegs, “dass man dem mutmaßlichen Opfer glaubt, sondern nur, dass man sagt, wie wäre es denn, wenn die Frau die Wahrheit sagt.” Deutlicher kann es nicht gesagt werden!

Alice Schwarzer betont lediglich, dass die Unschuldsvermutung für beide Seiten zu gelten habe und zeigt somit, dass die Unschuldsvermutung viel komplexer ist, als es manche Medien wahr haben wollten.

Die Unschuldsvermutung ist ein notwendiger Grundatz in der Rechtsprechung, aber er birgt dennoch ein Dilemma: Aus der Unschuldsvermutung für das mutmaßliche Opfer ergibt sich logischerweise die Möglichkeit der Schuldhaftigkeit des mutmaßlichen Täters. Daraus jetzt allerdings den Vorwurf einer Vorverurteilung ableiten zu wollen, ist so absurd, wie der Versuch, aus der Unschuldsvermutung für den mutmaßlichen Täter eine Vorveruteilung für das mutmaßliche Opfer zu kreieren.

Der vorsitzende Richter wird vermutlich genau diese gefährliche Fehlinterpretation der Unschuldsvernmutung in der öffentlichen Debatte vor Augen gehabt haben, als er dem Freispruch folgende ungewöhnliche Worte bei der Urteilsbegründung beifügte:

„Der heutige Freispruch beruht nicht darauf, dass die Kammer von der Unschuld des Angeklagten überzeugt ist und im Gegenzug von einer Falschbeschuldigung der Nebenklägerin (…) Wir entlassen den Angeklagten und die Nebenklägerin mit einem möglicherweise nie mehr aus der Welt zu schaffenden Verdacht, ihn als potenziellen Vergewaltiger, sie als potenziell rachsüchtige Lügnerin.“

Dennoch hält sich im Falle Alice Schwarzer der Glaube, sie habe Jörg Kachelmann vorverurteilt und nichts vermag, diesen Glauben durch Wissen zu tilgen. Alice Schwarzer wird halt von vielen Menschen als Männerhasserin gebraucht und da hilft es nichts, dass sie für Männerechte mindestens ebensoviel getan hat, wie für Frauenrechte, mag es nun ihr Kampf für die gleichen Rechte von Väter und Mütter in Erziehungsfragen sein oder der Kampf um die Gleichbehandlung aller Geschlechter auch in Wehrpflichtsfragen, wo sie die Ungleichbehandlung immer schon kritisierte!

Alice Schwarzer wird als Männerhasserin, die Kachelmann vorverurteilt, gebraucht. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie auch eine solche Männerhasserin ist.

Die angeblich männerhassende Alice Schwarzer ist schlicht ein Produkt des Alice Schwarzer-Phänomens und der Unfähig vieler Menschen im Feminismus einen Humanismus für die ganze Menschheit zu erkennen.

Der ganze Text, und besonders die von mir fett hervorgehobenen Abschnitte, sind Beobachtungen, die ich genau so ebenfalls gemacht habe. Die Vorwürfe gegen Alice Schwarzer kamen auch in der Sendung bei Maischberger. Ziemlich genau ab Minute 30 wird ihr da ganz konkret vorgeworfen, Kachelmann vorschnell verurteilt zu haben. Und genau das hat sie nie getan. Ich fand es sehr gut, dass sie sich da so deutlich positioniert hat.

Ein Kommentar zu “Das Alice-Schwarzer-Phänomen

  1. Selbstverstaendlich ist Frau Schwarzer eine Maennerhasserin. Jeder, egal ob Kommunist, Feminist, Maskulist oder sonstwas kann sich mit Leichtigkeit davon ueberzeugen, indem er/sie sich vergegenwaertigt, in welchem Kontext Maenner und Maennlichkeit in der Emma thematisiert wird. Wer das nicht wahrhaben oder wahrnehmen will, der ist schlicht und einfach nur ein Ignorant, dem seine Parteilichkeit einen unvoreingenommenen Blick verunmoeglicht.

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