Eine Chance gegen das Vergessen – Impfung gegen Alzheimer möglich?

Peter Falk, Helmut Zacharias, Ronald Reagan, Inge Meisel, Gunter Sachs, Margaret Thatcher, Harald Juhnke, und, wie kürzlich bekannt wurde, Rudi Assauer. (Die jüngsten Berichterstattungen zu Letzterem haben mich auch zu diesem Artikel bewogen)
All diese Prominenten haben, bzw. hatten eins gemeinsam. Sie leiden bzw litten an Demenz, einer neurologischen Krankheit, die allmählig zur Zerstörung des Gehirns führt.

Doch jetzt könnte sich eine Chance ergeben, dem bisher unaufhaltsamen Absterben von Nervenzellen Einhalt zu gebieten. Forschern ist jetzt in Tests an genetisch veränderten Mäusen gelungen, ein Serum zu entwickeln, das die Neubildung der Eiweißablagerungen, die Nervenzellen töten, verhindert.

Mehr Informationen:

Impfung gegen Alzheimer könnte die Krankheit aufhalten:

Für rund 35 Millionen Patienten auf der ganzen Welt kann diese Nachricht neue Hoffnung bedeuten: Forscher haben einen Impfstoff entwickelt, der Alzheimer aufhalten könnte. Was zunächst bei Mäusen tatsächlich erfolgreich war, könnte nach den Aussagen der Wissenschaftler auch auf Menschen übertragen werden.

Es gibt kaum einen Menschen, der keine Angst vor einer Erkrankung an Alzheimer hat, die häufigste Form von Demenzerkrankungen. Das Gehirn wird durch das Absterben von Nervenzellen immer weiter geschädigt. Die Ursache für die schwere Erkrankung ist umstritten. Viele Mediziner machen die sogenannten Plaques für die Krankheit verantwortlich. Dabei handelt es sich um Eiweißablagerungen, die im Gehirn für die Zerstörung der Nervenzellen und Synapsen sorgen und so Alzheimer auslösen. Doch bisher konnte nicht abschließend geklärt werden, ob diese Plaques tatsächlich Auslöser oder lediglich ein Symptom sind. Nun haben Wissenschaftler an der Universität Göttingen mit einem anderen Ansatz gearbeitet. Mäusen wurden Antikörper gegen ein bestimmtes Eiweiß gespritzt, das für Alzheimer bedeutsam sein könnte.

Ursache giftiges Eiweiß
Professor Thomas Bayer von der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Göttingen hat aus den Ergebnisse früherer Studien bereits seit längerem den Schluss gezogen, dass die Plaques gar nicht das Problem bei den Alzheimererkrankungen sind. Es ist vielmehr eine spezielle Molekülstruktur im Gehirn. Durch diese Struktur wird ein Eiweiß mit der Bezeichnung „Pyroglutamat-Abeta“ hergestellt. Im Grunde sei das der der Schädling, auf den man das Augenmerk richten müsse. Dieses Eiweiß verursacht die Bildung von „Oligomeren“, von schädlichen Verklumpungen, die sich an den Nervenzellen und Blutgefäßen im Gehirn festsetzen und so das Gehirn immer weiter schädigen.

Plaques nicht zwangsläufig schuldig
Zusätzlich hatte man bei den Studien festgestellt, dass die Auflösung und Zerstörung der Plaques sehr schwierig ist. Auch waren entsprechende Versuche immer mit fatalen Nebenwirkungen einhergegangen. Professor Bayer erklärt diese Probleme damit, dass die Plaques wohl eine Art Sammelstelle, eine Mülldeponie für giftige Eiweiße sind. Deshalb sei es besser, sie unberührt zu lassen. Ansonsten können die Ablagerungen austreten und größeren Schaden anrichten. Zudem belegen Studien, dass es nicht unbedingt einen ausschließlichen Zusammenhang zwischen der Menge der Ablagerungen und dem fortschreitenden Verlust geistiger Fähigkeiten gibt. Studienteilnehmer wiesen viele Plaques auf und konnten dennoch vorgegebene Aufgaben lösen.

Antikörper gegen Demenz
Deshalb haben die UMG-Wissenschaftler andere Ansatzpunkte gesucht. Sie haben ihre Anstrengungen drauf konzentriert, die Neubildung giftiger Eiweiße zu verhindern. Sie entwickelten Antikörper, die die gefährlichen Oligomere ausschalten können. Durch Injektionen mit diesen Antikörpern konnte die Zerstörungen im Gehirn bei Mäusen aufgehalten werden. „Mit dieser Form der passiven Impfung können wir vermutlich keine Heilung erreichen, aber unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass Antikörper offenbar das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit stoppen,“ so Professor Bayer. Bereits in zwei Jahren könnten die ersten klinischen Studien am Menschen starten. Die Studienergebnisse wurden im Fachmagazin „Journal of Biological Chemistry“ veröffentlicht.

Zurückhaltung statt Euphorie nötig
Auch wenn es bisher noch keine Heilung gibt, so sei die neue Studie ein wichtiger und interessanter Vorstoß, sagt auch Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charite in Berlin. „Schon das wäre angesichts der augenblicklichen Situation ein ungeheurer Fortschritt.“ Doch sie warnt auch vor übertriebener Euphorie oder davor, bereits von einem Durchbruch zu sprechen. „Nach all den Enttäuschungen, die nicht allein wir Ärzte, sondern auch die Betroffenen in den letzten zehn Jahren zu verkraften hatten, muss man jetzt erst einmal zurückhaltend sein.“

Impfung gegen Alzheimer:

Zu den typischen Merkmalen der Alzheimer-Krankheit zählen Ablagerungen von Amyloid in der Form von rundlichen Flecken (Plaques). Amyloid ist ein Eiweißbruchstück, das durch bestimmte Enzyme (Sekretasen) aus einem Vorläufermolekül herausgeschnitten wird. Mehrere Befunde legen nahe, dass die Amyloid-Ablagerungen maßgeblich am geistigen Verfall der betroffenen Patienten beteiligt sind. Zum einen betreffen sämtliche bekannten Mutationen (Veränderungen des Erbguts), die zu familiären Formen der Alzheimer-Krankheit führen, entweder das Amyloid-Vorläufermolekül selbst oder seinen Stoffwechselweg. Zum anderen steht die Zahl und Verteilung der Amyloid-Ablagerungen mit dem Schweregrad der Krankheit in Beziehung.
Nationale und internationale Forschungseinrichtungen suchen deshalb nach Möglichkeiten, die Amyloidbildung zu verhindern, aufzuhalten oder rückgängig zu machen. Eine zukunftsweisende Methode stellt in diesem Zusammenhang die Immunisierung (Impfung) mit Amyloid-Bruchstücken dar. Bei genetisch veränderten Mäusen, die im Alter von mehreren Monaten Alzheimertypische Amyloidablagerungen im Gehirn zeigen, ließ sich durch eine solche Immunisierung die Entstehung der Plaques verhindern. Bei Versuchstieren, die bereits Plaques entwickelt hatten, lösten sich diese wieder auf. Gleichzeitig konnte durch die Impfung die Gedächtnisleistung und die Lernfähigkeit der Versuchstiere deutlich verbessert werden.
Die spektakulären Ergebnisse der Amyloid-Immunisierung im Tierexperiment ließen sich allerdings bisher nicht auf den Menschen übertragen. Ein Impfstoff, bestehend aus einem synthetischen Amyloid-Fragment, sollte das Immunsystem von Patienten anregen, Abwehrstoffe (Antikörper) gegen das Amyloid zu bilden und so die Entstehung von Plaques einzudämmen. In einer Studie an 360 Patienten wurde nachgewiesen, dass bei einem Teil der Patienten tatsächlich Antikörper gegen Amyloid gebildet wurden und dass bei ihnen die Krankheitssymptome während eines Jahres langsamer voranschritten als bei Studienteilnehmern, die keine Antikörper erzeugt hatten.
Allerdings musste die Studie wegen schwerer Komplikationen abgebrochen werden. Bei mehreren Patienten trat während der Behandlung mit dem Impfstoff eine Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute auf. Als Ursache wird die Überreaktion eines zellulären Immunsystems vermutet. Trotz dieser Zwischenfälle stellt die Immunisierung gegen Amyloid eine vielversprechende Zukunftsstrategie in der Behandlung der Alzheimer-Krankheit dar. Gegenwärtig versucht man Impfstoffe zu entwickeln, die zwar die Immunreaktion gegen Amyloid auslösen, aber keine Schädigung anderer Hirnstrukturen bewirken. Diskutiert wird, ob an Stelle der Amyloid-Bruchstücke auch Antikörper gegen Amyloid zu einer passiven Immunisierung verwendet werden können.
Zusammenfassend ist in naher Zukunft kein Durchbruch in der AlzheimerTherapie durch eine Impfung zu erwarten. Problematisch erscheint nicht allein das Risiko schwerer Nebenwirkungen, sondern auch die Tatsache, das sich die
Strategie der Amyloid-Immunisierung nur gegen einen kleinen Ausschnitt eines sehr komplexen Krankheitsgeschehens richtet.

Christian Graz, Stefan J. Teipel,
Hans-Jürgen Möller, Harald Hampel,
Alzheimer Gedächtniszentrum, Klinik
und Poliklinik für Psychiatrie und
Psychotherapie, München

vitanet

2 Kommentare zu “Eine Chance gegen das Vergessen – Impfung gegen Alzheimer möglich?

  1. Das wäre ein echter Fortschritt, wenn es eine Impfung gegen Alzheimer geben würde. Ich als Schalker bin erschüttert darüber, dass Assauer jetzt an dieser Krankheit leidet, davor hatte er immer am meisten Angst gehabt. Es muss schlimm, wenn man seine Liebsten nicht mehr wiedererkennt 😦

    • Ja das stimmt, aber für die Liebsten ist das oft mindestens genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer.
      Es mag paradox klingen, aber wenn die Krankheit schon so weit fortgeschritten ist, dass der Betroffene völlig in seiner eigenen Welt lebt und mit „unserer Welt“, mit früher vertrauten Dingen, Orten oder Personen nichts mehr anzufangen weiß, ist er oft in sich zufriedener und ruhiger, als am Anfang, wo er zwar die ersten Symptome bekommt, aber noch klar genug ist, um zu merken, was mit ihm nicht stimmt und welche Folgen das haben wird. In diesem Stadium scheint sich Assauer gerade zu befinden. Das muß sehr schwer für ihn sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s