„Könnten Sie Ihr Kind töten, wenn es leidet?“

Nach seinem Skiunfall liegt der niederländische Prinz Friso im Koma und hängt an Maschinen. Die Königsfamilie muss eventuell bald eine schwere Entscheidung treffen.

Nein, es gebe keinen speziellen Gottesdienst für Prinz Friso, sagt der Küster der reformierten Gemeinde in Delft, dazu gebe es schließlich keinen Anlass, der Prinz sei schließlich nicht gestorben. Und dennoch haben die Gläubigen für Friso und die königliche Familie gebetet, in vielen Kirchen der Niederlande und natürlich auch in Delft, das eine besondere Beziehung zu Friso hat.

PRINZ FRISO ERLEIDET SCHWEREN HIRNSCHADEN
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Hier heiratete der Prinz 2004 die bürgerliche Mabel, obwohl er damit von der Thronfolge ausgeschlossen wurde und wohl auch gegen den Willen seiner Mutter, Königin Beatrix. Heute denke niemand mehr daran, sagt der Küster der Gemeinde, angesichts des Leids, das die königliche Familie getroffen habe, sei das zweitrangig.

50 Minuten reanimiert

Tatsächlich rückt das Land zusammen, nimmt großen Anteil am Schicksal des zweiten Sohnes von Königin Beatrix, der immer noch im Klinikum im österreichischen Innsbruck liegt, nachdem er beim Skifahren von einer Lawine verschüttet worden war. Friso musste 50 Minuten lang wiederbelebt werden.

Die Ärzte hatten schließlich nach einer Woche des Hoffens und Bangens erklärt, der 43-Jährige habe massive Hirnschäden erlitten. Es sei ungewiss, ob er je wieder zu Bewusstsein käme. Immer mehr Blumen und Grußkarten, auch aus Deutschland und Österreich, erreichen nun den königlichen Palast in Den Haag.

Derzeit wird nach einer Reha-Klinik für Friso gesucht. Königin Beatrix verbrachte das Wochenende in den Niederlanden, reiste am Montag aber schon wieder nach Lech. Bei einem offiziellen Termin, einer Gedenkveranstaltung für niederländische Kriegsveteranen, wurde sie von ihrem Sohn und Thronfolger Prinz Willem Alexander vertreten.

Königin Beatrix und Mabel wollen nun gemeinsam mit den Ärzten der Klinik Innsbruck das weitere Vorgehen besprechen.

Dabei wird es schwierig, Friso in den Niederlanden weiter zu behandeln. So gibt es zwar ein Rehabilitationszentrum in Tilburg, dies ist allerdings auf Patienten spezialisiert, die jünger als 25 Jahre sind. Alternativ käme auch in Frage, Friso im Ausland zu behandeln, etwa in London, wo er mit seiner Familie lebt.

Werden die Maschinen abgestellt?

Diskutiert wird in den Niederlanden auch eine Verlegung des Prinzen in das akademische Krankenhaus im belgischen Lüttich. Dort gibt es eine der wenigen auf Komapatienten spezialisierte Abteilungen in Europa. Eine Woche lang werden die Patienten hier einer langen Reihe Tests unterzogen.

„Oft kommen Patienten an, von denen es heißt, dass sie kein Bewusstsein mehr hätten und wir entdecken dann doch das Gegenteil“, zitiert die niederländische Tageszeitung „De Volkskrant“ den Neurologen des Lütticher Komateams Steven Laureys.

So liefere das Spezialistenteam oft wichtige Erkenntnisse für die Familie des Koma-Patienten. „Patienten, die mit dem Etikett „vegetativ“ zu uns kommen zeigen manchmal, dass sie doch noch Emotionen und Schmerzen erfahren können“, so Laureys. Doch selbst wenn dies im Fall des Prinzen nicht der Fall sein sollte, könne eine gründliche Diagnose, nach neuesten Erkenntnissen, helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Darunter auch die Entscheidung, ob man die Maschinen, die Friso im Moment am Leben halten, abstellt oder nicht. In den Niederlanden wird schon offen darüber diskutiert. „So ein Koma dauert im Allgemeinen nicht länger als drei Wochen.

Wenn in dieser Zeit keine Hirnaktivität auf dem EEG mehr erkennbar ist, gilt der Patient als hirntot, sagte etwa die Reha-Ärztin Pauline Hoenderdaal dem „Telegraaf“. In der Regel entscheiden die Ärzte dann, die Maschinen abzustellen.

Zu unterscheiden ist der Hirntod vom vegetativen Zustand eines Patienten. Hierbei schlägt das Herz spontan und der Patient atmet selbstständig, und es kann Monate oder Jahre dauern bis der Patient wieder das Bewusstsein erlangt.

Hier müssten die Angehörigen entscheiden, ob sie Sterbehilfe leisten oder nicht. Anders als in Deutschland ist in den Niederlanden aktive Sterbehilfe seit 2001 erlaubt.

Ärzte verteidigen medizinisches Vorgehen

Der Münchner Herzspezialist Professor Dr. Rüdiger Lange verteidigte die lange Reanimation des niederländischen Prinzen. „Ich habe in den Medien verfolgt, dass diskutiert wird, ob es falsch war, den Prinzen wiederzubeleben“, sagte Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie des Deutschen Herzzentrum München.

50 Minuten hat es gedauert, bis das Herz des Prinzen wieder schlug. Lange hält diese Diskussion für unsinnig. „Besonders bei einem so jungen Menschen wird man immer alles probieren, gerade weil die Ausgänge so variabel sind. Man würde natürlich immer versuchen, ihn wiederzubeleben“, sagte der Professor.

Das niederländische Parlament legte gestern eine Schweigeminute zu Ehren der königlichen Familie und Prinz Friso ein. Parlamentspräsident Gerdi Verbeet sagte, jeder in den Niederlanden hoffe, dass sich der Gesundheitszustand des Prinzen doch noch bessert. Diskutiert wird in den Niederlanden auch eine Absage der zentralen Feier zum „Koninginnedag“ am 30. April, wo die königliche Familie traditionell zwei Städte in einer Provinz besucht.

In Österreich dreht sich die Debatte auch um ein mögliches Skiverbot im Gelände. Die Tourismus-Verantwortlichen in Lech wollen das Fahren im freien Gelände jedoch trotz des Unfalls nicht einschränken. Man könne nicht „einen ganzen Berg sperren“, sagte Tourismusdirektor Hermann Fercher dem ORF.

Auch die Schuldfrage und der genaue Ablauf beim Lawinenunfall des niederländischen Prinzen Friso sind weiterhin ungeklärt. Die Untersuchung der Staatsanwaltschaft Feldkirch dauere noch mehrere Wochen, sagte ein Sprecher. Ein erster Bericht der Polizei liege zwar vor. Der Bericht eines Sachverständigen fehle aber noch. Es werde auch noch weitere Befragungen geben.

Quelle

Abgesehen von der Rechtslage, die in den Niederlanden anders aussieht als in Deutschland (dort ist die aktive und passive Sterbehilfe legal, in Deutschland nur die passive), geht es auch um die ethisch-moralische Frage der Sterbehilfe. Ist es moralisch vertretbar, einem Leben voller Leid ein Ende zu setzen, wenn keine Aussicht auf Besserung besteht? Dürfen wir selbst entscheiden, wann und wie wir sterben wollen? Gehört nicht auch das zur Menschenwürde? Soll der ärztliche Eid, Leben zu retten, wirklich um jeden Preis gelten? Ab wann gilt Leben als nicht mehr lebenswert? Und wer kann das entscheiden, außer der Patient selbst, der sich zwar nicht mehr äußern, aber dennoch eventuell noch Wahrnehmungen hat?
Mittels Patientenverfügungen ist es möglich, zu entscheiden, in welchen Situationen keine lebensrettenden Maßnahmen mehr ergriffen werden sollen, sollte man im Fall des Falles entscheidungsunfähig sein. Und diese Verfügung ist für Ärzte bindend. Das Problem dabei: Wird meine Entscheidung, die ich diesbezüglich heute treffe, auch zu der Zeit noch aktuell sein, wenn die Situation eintrifft?
Gott, oder wer auch immer, möge es verhindern. Aber angenommen, es beträfe einen Euch sehr nahestehenden Menschen. Wärt Ihr in der Lage, lebensverlängernde Maßnahmen abbrechen zu lassen?

Eine kleine Umfrage dazu. Ich habe nur 2 Antworten vorgeschlagen, obwohl man sicherlich wesentlich mehr Überlegungen dazu anstellen kann. Wem die Antworten zu kurz gegriffen sind, kann sich gern ausführlicher äußern.

Ein Kommentar zu “„Könnten Sie Ihr Kind töten, wenn es leidet?“

  1. Hmm. Ich finde die Antworten tatsächlich ein wenig zu kurz gegriffen.
    Ich habe grundsätzlich kein Recht Leben zu beenden. Wenn jedoch die Person ausdrücklich im Vorfeld angewiesen hat, das keine lebensverlängernden Maßnahmen durchgeführt werden sollen, dann würde ich mich wohl diesem Wunsch beugen. Das gilt aber nur dann, wenn die Person im Koma, o.ä. liegt, nicht bei Bewußtsein ist und ohne Maschinen nicht mehr am Leben erhalten werden kann. Aber wie gesagt: Das gilt nur dann, wenn die Person den Wunsch im Vorfeld ausdrücklich geäußert hat.
    Jede sonstige Sterbehilfe lehne ich ab, ansonsten müßte ich jeder/m, der/die keine Lust mehr hat zu leben bereit sein Sterbehilfe zu leisten. Und dazu bin ich ganz und gar nicht bereit.
    Und es steht weder mir noch sonst niemandem zu, zu beurteilen, ab wann ein Leben lebensunwert ist.
    Auch Ärzten sollte diese Entscheidung niemals zustehen, denn wenn es erst unter deren Entscheidungsbefugnis stehen würde, würden ganz schnell die Krankenkassen die Entscheidung über Leben und Tod aufgrund finanzieller Erwägungen treffen. Und das gehört dann schon mit in den Bereich des „sozialverträglichen Sterbens“.

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