Die TAZ über Führerkult in Frauenzeitschriften

FÜHRERKULT Frauenmagazine beraten nicht – sie entmündigen. Zeitschriften wie „Glamour“ oder „Jolie“ sind voll von menschen-verachtenden Tipps

VON MARGARETE STOKOWSKI

Jemand, der eine Frau anspricht, weil ihre Fußnägel nicht lackiert sind, der ihr sagt, ihr Körper sei eine Sünde, der ist vielleicht krank oder paranoid. Diese Krankheit, auf Hochglanzpapier gedruckt und mit vielen bunten Bildern versehen – das ist der Inhalt von deutschen Frauenzeitschriften im Jahr 2012.

Dass die Fotos in solchen Magazinen digital bearbeitet sind und unrealistische Schönheitsideale verbreiten, ist inzwischen ins kollektive Bewusstsein übergegangen. Und ja, deutsche Frauenzeitschriften zeigen fast nur europäische, weiße, dünne Frauen mit langen Haaren. Geschenkt, das ist keine Entdeckung.

Dass aber auch in den Texten der Frauenzeitschriften mit hinterhältiger Penetranz menschenfeindliche, letztlich faschistische Botschaften verkauft werden, wird kaum thematisiert – und wenn, dann eher belächelt. Es gebe schließlich Wichtigeres als Fußnägel, Wimpern und Cellulite. Für Frauen, die sich als emanzipiert verstehen, sind Glamour, Joy oder Jolie höchstens lockere Unterhaltung. Oder irrelevant, vor allem wenn die Frauen nicht heterosexuell sind.

Demütigende Botschaften

Irrelevant kann es aber nicht sein, wenn sich Millionen von Frauen kontinuierlich erklären lassen, dass sie hässlich, fett und eklig sind. Natürlich behaupten die meisten Frauenmagazine nicht, „feministisch“ zu sein. Dafür gibt es die Emma oder das Missy Magazine. Aber: Emma und Missy Magazine haben eine Auflage von rund 70.000 beziehungsweise 20.000 Exemplaren und erscheinen vierteljährlich. Glamour, InStyle, Joy, Jolie und Cosmopolitan verkaufen von jeder Ausgabe 300.000 bis 500.000 Exemplare – monatlich.

Das Perfide ist, dass diese Magazine ihren Leserinnen ein erfolgreicheres, erotischeres, selbstbewussteres Leben versprechen und dabei demütigende und gewalttätige Botschaften enthalten. Das Magazin Jolie wirbt mit dem Spruch „Alles, was das Leben schöner macht“, und trägt den Untertitel „The beautiful life guide“. In der Juni-Ausgabe findet sich ein „Blowjob-Guide“, der Fragen zu Oralsex beantwortet: Muss eine Frau stöhnen, wenn sie einem Mann einen bläst, auch wenn sie es nicht so toll findet? Muss sie auch die Hoden lecken? Was soll sie tun, wenn sie beim Blasen einen Würgereiz kriegt? Die Antwort ist nicht: „Lassen Sie es, Sie müssen das nicht machen.“ Sondern: „Üben, üben, üben!“ Der Tipp kommt von einer Julia, die in einem „Edelbordell“ arbeitet. Und „Pornostar“ Mia Magma erklärt: „Viele Männer stehen darauf, wenn es einem die Tränen in die Augen treibt.“

Was ist da los? Warum sollte eine Frau, die privat und zum Spaß Sex hat, gegen ihren Willen handeln? Dass Prostituierte und Pornodarstellerinnen so etwas tun, ist das eine. Aber es ist absurd, anderen Frauen zu sagen, sie sollten sich überwinden, weil „er“ ja drauf steht. Egal ob sie es ekelhaft finden. Wobei: Laut Jolie ist das gar kein Sex. Denn wenn eine Frau wirklich nicht blasen möchte und sich tatsächlich weigert, dann ist die Lösung: „Sex! Den gibt’s ja auch noch.“ Ach. Was ist Oralsex, wenn es kein Sex ist? Wenn nur vaginaler Geschlechtsverkehr Sex ist, haben dann Lesben und Schwule gar keinen Sex?

Aber Homosexuelle sind für Jolie sowieso komisch. Zum Thema Kleidung, die man an seinem Partner nicht mag, gibt das Magazin folgenden Ratschlag. Die Frau soll sagen: „Was für ein Zufall. Genau die gleiche Hose hatte unser neuer, schwuler Nachbar gestern Nachmittag auch an!“ Einige Seiten weiter erläutert ein Kolumnist, „warum sich Männer nicht küssen (sollten)“. Begründung: weil es eklig ist.

Dasselbe Heft erklärt unter dem Titel „Was uns erschreckt“, dass ein Viertel der deutschen Frauen mit unrasierten Beinen und unlackierten Fußnägeln herumläuft. „Derlei Beautysünden“ würde der Frühling aber aufdecken. Den Körper eines Menschen im natürlichen Zustand als „sündig“ zu bezeichnen – das kennt man sonst nur von religiösen FundamentalistInnen oder traumatisierten Menschen, die ihren eigenen Körper verabscheuen.

Führer über Führer

Es ist kein Zufall, dass in Frauenzeitschriften die Wörter „sollen“ oder „müssen“ häufig auftauchen und sich in nahezu jeder Ausgabe ein „Guide“ findet – ein Führer (fairerweise sei gesagt, dass es im Englischen die Wörter „leader“ und „guide“ gibt, wobei der „leader“ eher der persönliche Führer ist und „guide“ auch eine Orientierungshilfe sein kann). Die Jolie mit dem Blowjob-Guide enthält zusätzlich einen Festival-Guide, die Juli-Ausgabe der Cosmopolitan bietet einen Safe-Sun-Guide, das Joy-Heft für August einen Holiday-Guide.

Führer über Führer. Dieser Führerkult müsste in Deutschland einen üblen Beigeschmack haben. Aber auch sonst: Die ständigen Tipps, Tricks und Ratschläge suggerieren, dass die Frauen Hilfe nötig haben. Beratung ist eine tolle Sache. Wenn man sie aber nicht braucht, ist es Bevormundung.
Aber kann es sein, dass die Millionen von Frauen, die diese Magazine lesen, völlig fertig und hässlich durch die Welt irren und dankbar lächeln, wenn man ihnen erklärt, wie das denn geht mit dem Leben und so? Was ist dran an den Magazinen, dass sie so erfolgreich sind?

Die Titelseiten geben einen Hinweis. Die Joy erklärt „33 Dinge, die Sie in den Ferien unbedingt ausprobieren sollten“, und „Die 5 Säulen der Beziehung – und wo Sie ansetzen sollten!“. Das Juli/August-Heft von Women’s Health sagt: „Was Sie jetzt über die Pille wissen müssen“ und „Last Minute zum Strandbauch – mit diesen 8 Übungen schaffen Sie’s noch“.

Der einfache Trick ist, die Leserin auf ein Problem hinzuweisen, das sie womöglich hat, und zu erklären, wie sie es – in 5, 8 oder 33 Schritten – lösen kann. Die billigste Variante kapitalistischer Produktanpreisung. Allerdings mit einem speziellen Dreh: Hier fehlt nicht einfach etwas im Regal oder Kleiderschrank, hier wird die Leserin selbst für unzulänglich erklärt.

„Wir, die Frauen“

Genauso simpel ist das allgegenwärtige „Wir“ in den Zeitschriften, ein rhetorisches Mittel, das Boulevardmedien und KindergärtnerInnen gern nutzen. „Wir machen das so“ heißt: Wer es nicht so macht, gehört nicht dazu. „Wir“ stellt Gemeinschaft her. „Was wir durch Lästern lernen“, erklärt Joy. Women’s Health freut sich: „Viele Männer sind in ihrem Denken und Handeln einfach gestrickt – und genau das lieben wir an ihnen.“
Ein Kollektiv zu konstruieren („wir, die Frauen“), das einem anderen gegenübersteht („sie, die Männer“), die Mitglieder dieses Kollektivs für unmündig und unzulänglich zu erklären und Lösungen für ihre vermeintlichen Probleme anzubieten – das alles sind Elemente faschistischer Ideologie. Neu an dieser Art von Führerkult ist die zusätzliche Verknüpfung mit kapitalistischer Verkaufslogik. Faschismusvorwürfe haben freilich eine gewisse Tradition im Feuilleton. Die Ehe und die Kleinfamilie, Facebook und Google, Fleischesser und Fußballfans: alle sind mal dran. Frauenzeitschriften waren von dieser Kritik bisher ausgenommen – unberechtigterweise.

Quelle

12 Kommentare zu “Die TAZ über Führerkult in Frauenzeitschriften

  1. Sehr guter Artikel!
    Ich war immer schon der Ansicht, Frauenzeitschriften sind das Kopftuch der westlichen Frauen und ich frage mich, was das für eine Form des Masochismus ist, dass Frauen sich das andauernd antun.

    • Der Drang nach Anerkennung in einer Gesellschaft, in der nicht das Individumm zählt, sondern dir von klein auf aus allen Richtungen indoktriniert wird, wie du stereotypenkonform auszusehen und dich zu verhalten hast, um Anerkennung zu bekommen?

  2. Ja, da mag etwas dran sein. Aber es ist für mich immer schon mehr gewesen.

    In islamischen Kulturen werden Frauen von klein auf auf den Mann getrimmt. Hierzulande ist das zwar anders, aber nur an der Oberfläche! Alles, was Frau ansprechen soll zielt darauf ab, unterschwellig auf den Mann konditioniert zu werden.
    Und da haben wir den Grund warum es mit der Führungsetage nicht klappt. Solange Frauen sich die Nägel lackieren und fleißig „üben“ ist ihr Focus jedenfalls nicht darauf ausgerichtet, ihren Platz im Leben zu finden, sondern eher darauf zu gefallen. Sie werden also „Mädchen“ bleiben und damit abhängig in einer adrozentrisch geprägten Welt.
    Emanzipation ist für mich aber etwas anderes.

    • Maren, das bezog sich auf die Fokussierung der Frauenzeitschriften auf Make up, und etc.

    • *Solange Frauen sich die Nägel lackieren und fleißig “üben” ist ihr Focus jedenfalls nicht darauf ausgerichtet, ihren Platz im Leben zu finden, sondern eher darauf zu gefallen. Sie werden also “Mädchen” bleiben und damit abhängig in einer adrozentrisch geprägten Welt.
      Emanzipation ist für mich aber etwas anderes.*

      Ach so? Ich lackiere mir die Nägel, liebe schminke und lese Klatschzeitschriften. Und jetzt?

    • Du tust aber auch noch was anderes im Leben. Wer aber seinen Lebensinhalt nur mit „gefallen wollen“ füllt, hat keinen Platz mehr für eigene Persönlichkeit.

    • @onyx Ich tu das nicht um zu gefallen. Ist mein Hobby. Was meinst du wie oft ich schon gehört hab: „Grüne Fingernägel???“ oder „Hast du nix besseres zu tun?“ oder „Deine Omma wäre stolz auf dich so gut wie du dich in den Königshäusern auskennst“ Gefallen ist anders. 😀

      Glamour und Konsorten gehen das meiner Meinung nur scheiße an, indem sie mit Unsicherheiten spielen. Medienkompetenz ist das Zauberwort.

    • Ich tu das nicht um zu gefallen.

      Eben-t. Aber die Zielgruppe der „Guides“ sind genau die, bei denen das offenbar der Fall ist. Warum sonst stehen so viele hirnrissige „Tipps“ drin?

  3. Was ich sagen möchte ist, dass es nicht die Sache (Schminke etc.) an sich ist, die kacke ist (wie fritzbleibtreu sagt) sondern der Umgang damit in den Zeitschriften.

  4. Ich habe nicht gesagt, dass Schminke schlecht ist. Meine ganzes kommentieren bezieht sich ausschließlich auf den Inhalt des Artikels in der TAZ. Und da ich schon einige dieser Hefte in der Hand halten „durfte“, darf ich wohl annehmen, dass wenn die sich alle auf dem Markt halten können, wieviel der Frauen das Zeug kauft.

    Onyx, erinnerst Du Dich noch an die Zeit als wir unser Forum noch hatten, als die Maskus wie die Mücken zu dem Brigitte Forum gezogen sind, und den Frauen da versucht haben klar zu machen, was der brave Masku von einer Frau erwartet.

    Ich hätte mir manchmal die Haare raufen können, wie leicht es manche von denen es diesen Typen gemacht haben. Wir sahen hilflos zu und konnten nur mit den Schultern zucken.

    Wenn der Einfluss tatsächlich so groß ist, dann brauchen wir uns nicht wundern, wenn es keine Wende nimmt mit Frauen in Führungspositionen oder Frauen, die auch nach dem Studium irgendwas anderes machen als Kinder aufziehen.

    Ich finde an Kindern nichts schlechtes. Kinder sollten aber von Mutter und Vater erzogen werden, das ist für alle beteiliten besser.

    • Klar erinnere ich mich daran. *hach ja*
      Zum Haare raufen fand ich das allerdings nicht, da die üblichen Pappenheimer schnell ihre Maske fallen ließen und ihre Gesinnung zum Vorschein kam. Denjenigen Frauen, die dann immer noch nicht gerafft haben, wen sie da vor sich hatten, konnte man eh nicht helfen.

      Da finde ich die ganze Medienmanipulation wesentlich bedenklicher, da sie subtiler vorgeht. Da wird der größte Unsinn und die dümmsten Klischees breitenwirksam als Wissenschaft verkauft. Siehe bspw aktuell diesen SM-Pornoroman, der Diskussionen hervorgebracht hat, dass emanzipierte Frauen plötzlich ihre natürliche Devotion entdecken und sich unterwerfen wollen. Hallo? Gehts noch dümmer?

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