Aktiv gegen sexistische Werbung: Pinkstinks

Silke Burmester über eine der Gründungsmitlieder von Pinkstinks, Stevie Meriel Schmiedel und ihre Aktivität gegen sexistische Werbung:

Wut-Mütter, wehrt euch!

Eine Kolumne von Silke Burmester

Wenn ein Beauty-Salon in Deutschland fünfjährige Mädchen zu Schönheits-Sklavinnen erziehen will, dann stimmt was nicht mit unserem Frauenbild. Zum Glück gibt es Menschen, die gegen diesen sexistischen Schrott vorgehen – und vor allem gegen frauenfeindliche Werbung.

Liebe Frau Dr. Schmiedel,

Sie sehen so harmlos aus, so freundlich, mit großen Augen und mädchenhaft langen Haaren und haben doch den King of Außenwerbung in Deutschland, Ströer, das Fürchten gelehrt!
Weil es Ihnen nicht passt, dass Ihre Töchter morgens nicht die Schule erreichen, ohne dass sie an magersüchtigen, ihren recht nackten Körper und ein einseitiges Frauenbild vermittelnden Frauen auf Werbetafeln vorbeikommen, sind Sie vor ein paar Monaten mit Ihrer Wut an die Öffentlichkeit gegangen. Und haben den Hamburger Senat attackiert, der einem Außenwerbeanbieter wie Ströer nicht nur gestattet, die Stadt mit seinen Schildern vollzustellen, sondern auch die Hoheit über die Inhalte abgibt. Und die damit, wie Sie meinen, sich seiner Verantwortung im Sinne der Fürsorgepflicht entzieht. Sie werden wissen, wovon Sie reden, denn Sie haben etliche Jahre im Bereich „Gender“ geforscht und gelehrt und kennen die erschreckenden Zahlen magersüchtiger Mädchen und die Wirkung von sexualisierten und dünnen bis dürren Werbefiguren auf Mädchen und Frauen.

Die Vizepräsidentin der Hamburger Bürgerschaft und die Links-Fraktion haben in Folge Ihres Protestes zu einer Veranstaltung ins Rathaus geladen. Und? Wer ist nicht gekommen? Ströer. Der zunächst zugesagt hatte. Aber auch von C&A ist niemand erschienen, denen hatten Sie im Frühsommer ordentlich eingeheizt, indem Sie, schön vorn auf dem Titel der „Hamburger Morgenpost“, Ihren Unmut geäußert hatten. Oder bilde ich es mir nur ein, dass ein paar Bikini-Plakate ganz schnell nach der „Mopo“-Geschichte verschwunden waren? Wobei, das muss man auch mal sagen, Sie mit Ihrer Aktion dem Pressemenschen die Feier der Goldenen Hochzeit seiner Großeltern verhagelt haben, der vor lauter Krisentelefonaten gar nicht dazu kam anzustoßen. Was wahrlich nicht schön ist, Frau Schmiedel!

Das fachgerechte Frausein

Und während ich noch darüber grüble, ob Sie vielleicht einfach hätten nichts sagen sollen, oder C&A das nächste Mal seine Plakatkampagne nicht auf den Zeitpunkt einer Goldenen Hochzeitsfeier seiner Mitarbeiter legt, haben Sie „Pinkstinks Germany“ ins Leben gerufen. Beziehungsweise den deutschen Ableger einer britischen Wutbewegung, bei der angry mothers und vielleicht auch ein paar angry fathers der Industrie zusetzen, die mit ihrer Schmalspur-Denke zum Beispiel in Spielwarenkatalogen überholte Rollenbilder manifestiert. Jungs spielen mit Autos, Mädchen mit dem Herd. Jungs tragen Blau, Mädchen Rosa, Jungs machen krawumm, Mädchen heile-heile. Eine Organisation, die große Erfolge verbucht, wie etwa den, dass der Spielwarenanbieter „Early Learning Center“ seinen Katalog überarbeitet hat und Mädchen nicht länger nur als Prinzessin oder Fee zeigt, sondern jetzt auch als Polizistin und Feuerwehrfrau. Und auch sprachlich davon abrückt, Mädchen ununterbrochen das „hübsch sein“ nahezulegen. Tatsächlich werden ihnen nun andere, geschlechtsneutrale Attribute zugestanden.

Klar, dass Sie zu denen gehören, die sich aufregten, als Ferrero vor Kurzem mit dem rosafarbenen Überraschungs-Ei für Mädchen auf den Markt kam. Das noch dazu, wie so viele Produkte für Mädchen, ein extrem dünnes, sexy Feenwesen zeigt, mit riesigen Augen, verführerischem Augenaufschlag, Wespentaille und Haaren bis zu den Knien.

Sie, Dr. Schmiedel, kotzt es einfach an, dass Mädchen mit einem von der Industrie gesteuertem Frauenbild konfrontiert werden, mit dem die meisten erwachsenen Frauen nichts zu tun haben wollen: Die Frau als extrem dünnes Wesen, deren Körper einzig der Verführung dient und die, weil sie diesen Körper hat, das Hirn nicht braucht. Ein Frauenbild, in dem die Welt rosa ist, wo als Berufsperspektive Top-Model versprochen wird und Mädchen Kleidung tragen, auf der steht: „Ich bin zu hübsch für Mathematik“. Und die in München schräge Blüten treibt, wo ein Beauty-Salon für Fünf- bis Fünfzehnjährige eröffnet wurde. „Mädchen werden ständig mit dem Thema Frau-Sein konfrontiert“, sagte die Betreiberin der „Süddeutschen Zeitung“. „Wir müssen sie fachgerecht an das Thema heranführen.“ Was bedeutet, in einem rosafarbenen Zuckerwatte-Ambiente Maniküre, Pediküre und Schminktipps für Vorschulkinder anzubieten.

Weltweit gegen den Schönheitswahn

Und jetzt wollen Sie auch noch eine Petition beim Deutschen Werberat einreichen, wo Beschwerden gegen sexistische Werbung oft mit der Begründung abgetan werden, die Werbung würde mit „Augenzwinkern“ arbeiten und das würde man schon verstehen. Die Richtlinien, nach denen der Rat mögliche Beschwerden wegen Diskriminierung oder Sexismus beurteilt, sind aus dem Jahr 2004. Bei der Überprüfung möglicher Beschwerden legt er den „Eindruck des verständigen Durchschnittsverbrauchers“ zugrunde, nicht aber den Eindruck, der bei Kindern entsteht.

So wurde auch Kritik über die äußerst dämliche Werbung für die ARD-„Sportschau“, bei der eine Knetgummi-Steinzeitfrau im Fußball-BH vor ihrem Knetgummi-Steinzeit-Mann steht, dem die Augen übergehen und die den Slogan trug „Männer waren schon immer so“, mit dem Argument vom Tisch gewischt, das sei ironisch. Doch das, was Erwachsene eventuell als „ironisch“ wahrnehmen, sehen Kinder unvermittelt und direkt: Eine Frau, die sich ihrem Mann im sexy Fußball-BH präsentieren muss, damit er aufhört, „Sportschau“ zu gucken.

Deshalb fordern Sie, der Werberat müsse die Sicht von Kindern, die schließlich unablässig mit Werbung konfrontiert sind, berücksichtigen. Zur Realisierung der Petition hoffen Sie auf die finanzielle Unterstützung einer Stiftung, die Aussichten dafür sind gut. Schon jetzt haben sich der Deutsche Frauenrat, Mädchenmannschaft, der Verein Dolle Deerns der Forderung angeschlossen. Und die Initiative AnyBody, die Susie Orbach initiierte, die Therapeutin, die Lady Di wegen ihrer Essstörung behandelte, und die sich für die Akzeptanz des weiblichen Körpers einsetzt.
All das machen Sie Frau Schmiedel, unablässig. Und wer weiß, was noch kommt. Auch in Spanien und Italien planen Frauen, Initiativen wie „Pinkstinks“ zu initiieren. Und mittlerweile haben Sie aus wohl allen lateinamerikanischen Ländern Zuschriften, in denen Sie um Unterstützung gebeten werden, weil der Wahn, jung, dünn und operiert zu sein, die Mädchen in immer größerer Zahl krank macht.

Da sieht man mal, was so eine wütende Mutter bewirken kann! Ich bin begeistert! Vor allem begeistert mich, dass Sie so viel Unterstützung erfahren und immer mehr Leute sich anschließen. Außer der Dame natürlich, die den Beatuy-Salon für Kinder eröffnet hat. „Monaco Princesse“ heißt er und steht in München. Da sieht man mal, wohin es führt, wenn Kinder „fachgerecht“ an das Frausein herangeführt werden.

Ein Kommentar zu “Aktiv gegen sexistische Werbung: Pinkstinks

  1. Reblogged this on Pantherpinte und kommentierte:
    Neulich brachte meine Mutter Ü-Eier mit. Ich sah die Verpackung nicht, vielleicht war die rosa, aber darin waren zwei Plaste-Feen, die so dünn waren, dass nicht mit ihnen gespielt werden konnte, weil sie ständig in Mitte auseinander brachen. Meine vollschlanke Mutter, die eigentlich kein Problem mehr mit Rosa, Kitsch und Pink hat, ließ sich zu der Äußerung verleiten, die Feen seien ja so unrealistisch wespentaillig-dürr, dass gebe es in Echt nicht und sie hatte so einen seltsamen Wehklang in der Stimme, .. wie auch immer, es gibt eine Petition an Ferrero, sich das mit den Eiern „nur für Mädchen“ noch mal zu überlegen. Ich möchte auch darauf aufmerksam machen, weil es mich seit jeher nervt, wenn Handlungen/Spiele/Klamotten/Dinge/Orte nur für ein Geschlecht sind. Mag ja sein, dass die meisten Jungs/Mädels bestimmte Dinge eher mögen, aber ich habe eben auch immer gern ein Herz für die 10% abseits der Normalverteilung. Außerdem verstehe ich nicht, warum fliegende Fabelwesen Stöckelschuhe tragen.

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