Ja? Nein? Scheißegal.

Im Freitag ist ein Artikel erschienen, in dem es grob gesagt darum geht, dass wir Menschen nicht rational genug sind, um auf erotischer Ebene wirklich klar darüber entscheiden zu können, was wir wirklich wollen. Wenn wir uns nur nach logischen Argumenten richten, werden wir uns immer dafür entscheiden, nichts zu wollen und eben auch nichts wagen und nichts zulassen.

Als Kinder schrieben wir Zettel, auf denen Fragen standen wie „Willst du meine Freundin sein?“ Allerdings stellte sich schnell heraus, dass eher diejenigen positive Antworten auf solche Fragen bekamen, die gar nicht erst fragten, sondern handelten. Und woher sollte die Angebetete auch wissen, ob sie es wollte, bevor sie nicht wusste, wie es sich anfühlt?

Ja klar, weil Mädchen nicht wissen können, was sie wollen, müssen sie eben Grenzüberschreitungen zulassen, damit sie das erfahren. Sie können von sich selbst aus nicht wissen, ob sie den pickligen Nerd, den Oberaufreißer oder den schüchternen Streber mögen oder nicht. Is klar.

Das waren die ersten Erfahrungen mit der Kraft der Erotik, und an denen hat sich im Laufe der Jahre nicht viel geändert.

Ich weiß ja nicht, welche Erfahrungen der Autor so gemacht hat, aber ich gehe mal davon aus, dass sich die allermeisten Menschen im Laufe ihres Lebens weiterentwickeln und aus ihren Erfahrungen lernen. Warum sollte eine erwachsene Frau also Grenzüberschreitungen zulassen, damit sie erfährt, was sie will?

Das Spiel der Erotik ist immer eine Grenzverletzung, die Intimsphäre kann nicht gefahrlos betreten werden, egal, ob die Tür geöffnet war oder nicht.

So kann ja eigentlich nur jemand reden, für den Grenzverletzungen zur Norm gehören. Für den es normal ist, Grenzen zu ignorieren. Der kann sich dann leicht rechtfertigen und sagen „es geht ja nicht anders“. Natürlich geht es anders. Sich der Zustimmung des jeweils anderen zu vergewissern, ist kein Erotikkiller, so wie es uns immer wieder weisgemacht werden soll. Kommt halt drauf an, wie es rübergebracht wird.

Das Problem ist ja nicht nur, dass wir zu oft „Nein“ sagen, sondern auch, dass ein hin und wieder geäußertes „Ja“ kein Garant für ein schönes Erlebnis ist. Nur ein „Vielleicht“ und ein „Probier’s doch mal“ hilft da weiter. „Versuch macht klug“ – das heißt, man muss die Grenzverletzung wagen und auch zulassen.

Ach so. Ein „Vielleicht“ und ein „probier mal“ hilft eher weiter als ein deutliches „ja“? Natürlich ist es keine Garantie, dass es jedesmal toll wird, auch nach klar geäußerter Zustimmung. Aber noch weniger Garantie gibt es, wenn einer der beiden nicht sicher ist, ob er überhaupt will. Da stimmt es doch schon von Anfang an nicht.
Ich verstehe nicht, was so unerträglich schwer daran ist, miteinander zu reden, bevor es zu körperlichen Annäherungen kommt.

Der ganze Artikel ist nicht sonderlich lesenswert. Er enthält nur die üblichen Behauptungen, bewegt sich sehr an den Grenzen zur „Nein heißt nicht Nein“-Ideologie. Der Autor fordert dazu auf, Grenzen zu verletzen, weil man nur so ans Ziel kommt. Ein ziemliches Armutszeugnis, wenn man auf diese Art zugibt, mit Kommunikation nicht weiter zu kommen.

7 Kommentare zu “Ja? Nein? Scheißegal.

  1. Yo,habe deinen Blog via maedchenmannschaft gefunden.
    Ich geh‘ 100% d’accord mit deiner Analyse,da redet sich jemand sein verkrachtes Weltbild/Beziehungsmodell schön.Macht wütend und traurig zugleich,zumal Opfer von Beziehungsgewalt (psychisch/physisch/sexualisiert;Erziehung/Partnerschaft) oft wirklich überzeugt sind,ihre Situation sei normal (im Sinne von gut und richtig und so zu akzeptieren).Aus dem Skript kommen sie seltenst allein raus,reproduzieren es stattdessen in anderen Beziehungen (oder solchen weisen Artikeln,lol-schluchz!) und tragen die ganze K*cksch#?sse so mit.
    Sch#?ssspiel!

  2. „“Als Kinder schrieben wir Zettel, auf denen Fragen standen wie “Willst du meine Freundin sein?” Allerdings stellte sich schnell heraus, dass eher diejenigen positive Antworten auf solche Fragen bekamen, die gar nicht erst fragten, sondern handelten. Und woher sollte die Angebetete auch wissen, ob sie es wollte, bevor sie nicht wusste, wie es sich anfühlt?““

    Tze, in der 6. Klasse hat mal ein Junge überall rumerzählt, dass wir zusammen wären, obwohl ich mit ihm nichts zu tun haben wollte. Das hat mir natürlich ein super Gefühl dafür vermittelt, wie es sich anfühlt, eine Beziehung zu haben.
    „Einfach machen“ – wie passt das bitte in diesem blöden Beispiel? Offensichtlich gar nicht.

  3. Wie ich jung war, war ich eher unsicher, was damals nicht dem männlichen Rollenbild entsprach und daher begann öfters das weibliche Wesen mit der Intimität. Heute empfinde ich meine damalige Unsicherheit als keine rein positive Charaktereigenschaft. Gut, dass ich älter wurde. Allerdings scheint es mir, als wäre in der heutigen Zeit so eine unsichere abwartende Eigenschaft für junge männliche Wesen sehr vorteilhaft. Denn dann sind somit verbale Fehlinterpretationen ausgeschlossen und es ist klar was Sache und Wille des weiblichen Wesens ist.

  4. Ich kann an dem Artikel (noch) nicht wirklich viel „schlimmes“ erkennen, halte ihn aber auch für unlesenswert trivial. Eigene Grenzen zu überschreiten bzw dies gemeinsam mit einem Menschen zu tun, für den man sich interessiert ist doch fundamentaler Bestandteil von Erotik.
    Genau genommen ist doch jeder (potentielle) neue Sexualgegenüber eine Grenze, bzw deren Überschreitung (sofern nicht nur potentiell).

    • Eigene Grenzen zu überschreiten bzw dies gemeinsam mit einem Menschen zu tun, für den man sich interessiert ist doch fundamentaler Bestandteil von Erotik.

      Der Autor redet aber davon, die Grenzen des anderen zu überschreiten. Und dass der Andere das zulassen muß, weil er ja sonst nicht weiß, was er mag und damit niemalsnich irgendeine Annäherung passieren wird. Der Autor ist sehr einseitig. Einer muß was tun und der Andere muß es zulassen. Kein Wort davon, miteinander etwas zu probieren und (verbal) gegenseitig abzutasten, wie weit man gehen möchte.

  5. „Das Spiel der Erotik ist immer eine Grenzverletzung, die Intimsphäre kann nicht gefahrlos betreten werden, egal, ob die Tür geöffnet war oder nicht.“
    Genau dem stimme ich im Grunde erstmal zu, mit der Prämisse, dass beide Seiten sich respektieren und (wie beim Wandern) die langsamere Person das Tempo vorgibt. (Warum sind wir nervös und schütten geschlechtsübergreifend bei einer erotischen Annäherung das Gefahr!-Hormon Adrenalin aus?) Jemandem z.B. gesprochen verbal (oder über des Autors jugendliche Briefchen) Interesse zu bekunden in einer Situation in der damit nicht gerechnet wird ist bereits eine Grenzverletzung. Es nötigt demder Gegenüber nicht nur zur Auseinandersetzung mit der Frage, sondern auch zu einer intime Reaktion (evtl. sogar noch eine recht schwierige, vorausgesetzt, derdie Gegenüber will Körbe so schonend und unverletzend wie möglich verteilen.) Ein bisschen verhält es sich wie mit einem Grundstück, dessen Grenze man „verletzen“ muss, und Türklingel oder Briefkasten zu erreichen.
    Ich lese immer wieder die Frage, was daran so schwierig sein soll, vorher zu reden. Daran ist zumeist nichts schwierig. Die Forderung nach verbaler Klärung ist im Hinblick auf die Berufung auf bekannte tautologische Nein-heisst-Nein-Regel verständlich. Dennoch verfügen wir Menschen über weitaus mehr Kommunikationswege als nur verbaler Sprache. Irgendwo auf der Welt werden sich auch gerade bestimmt 2 Menschen finden, die keine gemeinsame verbale Sprache sprechen.
    Der Satz: „Junge red nich, mach! ich beschwere mich schon, wenn mir was nicht passt“ macht einem klar, dass manches auch zerredbar ist. Doch wann kommt es zu einem solchen Satz? Sicher nicht, wenn Person A aus dem nichts angestürmt kommt und B die Türe einrennt, an den Arsch grapscht und dergleichen. Dazu kommt es viel eher, wenn „Grenzverletzungen“ so minimal wie möglich begangen werden und mensch nicht nur einem verbalem Ja/Nein/Vielleicht „lauscht“ (und lauschen will), sondern auch einem taktilen, körpersprachlichen, und mimischen. Im erfolgreichen humanen Paarungsspiel geschieht dies auch nicht nur einmal anfangs, sondern fortwährend. Ich halte Nein-heisst-Nein daher für eine genauso wahre wie viel zu simple Regel um einen respektvollen Umgang miteinander als sinnvoll zu beschreiben. Vielmehr muss insbesondere der progressivere Part (völlig unabhängig des jeweiligen Geschlechts) die Bedürfnisse des Gegenübers über die eigenen stellen und eben eine fortwährende Bereitschaft zeigen, geduldig zu „lauschen“ und entsprechend zu handeln (oder ein solches bei negativen Signalen zu unterlassen).
    Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass ein indifferentes „vielleicht“ nicht bedeutet, dass schon von Anfang an was nicht stimmt. Auch ich habe durchaus schon auf Angebote mit „vielleicht“ reagiert (und muss auch kein junges Mädchen sein, um (noch) nicht zu wissen, was ich will). Vielleicht heißt doch: „Erstmal nicht undenkbar, ich bin jetzt zu überrascht, für eine eindeutige Antwort, es bestünde Bedarf nach $generischeVertrauensaufbausituation.“ Ein „vielleicht“ schützt einen zunächst auch bei bestehenden Interesse vor der Gefühl einer Bringschuld. Letztendlich kann daraus alles mögliche erwachen, von getrennte Wege gehen, „nur“ Freunde sein, sich ab und zu zum F***en verabreden, bis zu Repoduktion mit Häuslebau und Jägerzaun drumherum.
    Vielleicht bin ich in der ganzen Betrachtung des Artikels auch zu naiv, und gehe von meiner Umwelt, Erfahrung und Alltag aus, die einen Begriff wie Rape Culture bisher nicht widerspiegelt. (Letzter Satz ist nicht ironisch/polemisch!)

    Anmerkung: Paarung inkludiert in obigen Text jedwede erotische Kontakte zwischen Menschen welchen Geschlechts auch immer mit oder ohne Reproduktionspotential.

    @onyx
    zu guter letzt, ja, der Autor redet von Grenzüberschreitungen. Ein ambivalentes Wort, von einem publizistisch erfahrenen Menschen vermutlich in Kauf genommen oder beabsichtigt. Wie ich beschrieben habe: Ja, ich würde Grenzüberschreitungen für mich und meinen gegenüber durchaus in Kauf nehmen und betrachte diese zwar in Assoziationsverwandheit mit Übergriffigkeit, aber keineswegs als synonym. Der Autor sagt letztendlich nur aus: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ein „sich Trauen“ im Sinne einer Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung vermag ich zunächst in dem Text kaum zu erkennen, sofern mir der Autor nicht schon entsprechend negativ aufgefallen wäre, was bisher nicht der Fall ist.

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