„Recht“sprechung in Graz: An den Hintern grabschen ist keine sexuelle Belästigung

Ist Pograbschen sexuelle Belästigung?

Ein Mann fasst einer Frau in Graz am hellichten Tag auf das Gesäß und wird angezeigt. Die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren ein. Begründung: Eine geschlechtliche Handlung habe nicht stattgefunden.

Wien. Graz, 25. Oktober 2012. Die 43-jährige Eva Maria Hofstätter fährt am helllichten Tag mit dem Fahrrad durch die Innenstadt, als sie von dem 37-jährigen A. Y., der ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs ist, von hinten angefahren und zum Anhalten gezwungen wird. „Oh, Frau mit knackigem Hintern, darf ich mal anfassen?“, fragt der Afghane. „Sicher nicht“, entgegnet die Bankangestellte.

Er macht es trotzdem und fängt sich eine Ohrfeige ein. Der Mann flippt aus, schreit, bezeichnet die Grazerin als Schlampe. Er sei noch nie von einer Frau geschlagen worden. Auch Hofstätter ist außer sich, will einfach nur weiterfahren. Da holt der 37-Jährige aus, schlägt ihr mit der Faust ins Gesicht und flieht. Glücklicherweise trifft er nur den Helm, sie wird nicht verletzt.

Zahlreiche Passanten beobachten den Vorfall. Sie erstattet sofort Anzeige wegen sexueller Belästigung. Bald darauf kommt es zur Gegenüberstellung und Identifizierung des mutmaßlichen Täters.

Keine geschlechtliche Handlung

Einige Wochen später bekommt Hofstätter einen Brief von der Bezirksstaatsanwaltschaft, in dem steht, dass das Verfahren gegen A. Y. „mangels Vorliegens des objektiven Tatbestandes“ eingestellt wurde. Schließlich habe keine geschlechtliche Handlung stattgefunden. Konkret heißt es in dem Schreiben: „Eine geschlechtliche Handlung an einer Person nimmt vor, wer diese (sei es über der Kleidung) intensiv im Bereich des Geschlechtsorgans oder der (weiblichen) Brust (vom Opfer sinnfällig als Eingriff in die sexuelle Integrität empfunden und vom Ausprägungsstadium unabhängig) berührt oder wer sein Geschlechtsteil derart mit dem Körper des Opfers kontaktiert. Der immer wieder kolportierte seitliche Griff an die Gesäßbacke einer Person fällt jedenfalls nicht darunter.“

Hansjörg Bacher von der Staatsanwaltschaft Graz versucht zu erklären: „Der Hintern ist kein Geschlechtsorgan, daher liegt der Tatbestand der sexuellen Belästigung hier nicht vor.“ Das Fassen auf den Po sei allenfalls eine Anstandsverletzung, für die die Polizei als Verwaltungsstrafbehörde eine Strafe verhängen könne. Die Polizei wiederum weiß gar nichts von der Einstellung des Verfahrens. „Wir haben damals die Anzeige aufgenommen und an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Wenn sie das Verfahren einstellt und uns nicht benachrichtigt, können wir nichts unternehmen“, sagt Herbert Mattersdorfer, Leiter des Strafamts. „Was wir brauchen, ist eine erneute Anzeige des Opfers, um Ermittlungen aufzunehmen. Wir werden Frau Hofstätter kontaktieren.“

Hofstätter versteht unterdessen die Welt nicht mehr. „Mein Körper gehört mir. Ich fühle mich sehr wohl sexuell belästigt“, macht sie ihrem Ärger Luft. Der Vorfall habe sie derart traumatisiert, dass sie sich seither in psychologischer Behandlung befinde. „Zudem ist dieser Mann kein unbeschriebenes Blatt. Die Polizei hat mir mitgeteilt, dass ich nicht die Einzige bin, die von ihm belästigt wurde.“

In der Tat liegt der Staatsanwaltschaft Graz eine weitere Anzeige vom November 2011 vor – ebenfalls wegen sexueller Belästigung. Damals warf ihm eine Frau vor, „obszöne Bewegungen“ gemacht und ihr „Ich will ficken, ich will ficken“ zugerufen zu haben. Auch dieses Verfahren wurde eingestellt, weil er keine geschlechtlichen Handlungen vorgenommen habe. „Zu hören, dass schon einmal ein Verfahren gegen A. Y. eingestellt wurde, macht mich fassungslos“, sagt Hofstätter. „Und dass ich jetzt erneut zur Polizei gehen muss, um Anzeige zu erstatten, wusste ich auch nicht.“ Aber sie werde diese Option in Erwägung ziehen. „Zudem habe ich vor, auch zivilrechtlich gegen den Mann vorzugehen“, kündigt sie an. „Schließlich war ich nach der Attacke vier Wochen im Krankenstand.“

Wie sachverhaltsbezogen Anschuldigungen dieser Art vor Gericht behandelt werden, erklärt Leo Levnaic-Iwanski, Richter am Oberlandesgericht Wien, anhand eines anderen Beispiels. Obwohl ein Mann einer Frau auf den nackten Po fasste, wurde er vom Obersten Gerichtshof vom Vorwurf der sexuellen Belästigung freigesprochen, weil ihm ein sexuelles Motiv nicht nachgewiesen werden konnte. Levnaic-Iwanski: „Auch wenn Grabschen in jeder Form natürlich abzulehnen ist, zieht nun einmal nicht jede Tat eine strafrechtliche Konsequenz nach sich.“

Frauenberger: „Grenzverletzung“

Eine eindeutige Meinung dazu hat hingegen Sandra Frauenberger (SPÖ), Wiener Stadträtin für Frauenfragen, die Übergriffe wie jenen in Graz als „Grenzverletzung“ bezeichnet. „Die weibliche Sphäre ist zu respektieren, Frauen sollten sich durch diese Entscheidung nicht entmutigen lassen, solche Belästigungen anzuzeigen.“

Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) fordert sogar eine gesetzliche Nachjustierung. „Einen ähnlichen Fall gab es schon vor einigen Jahren – auch damals habe ich die Justizministerin (Bandion-Ortner, Anm.) aufgefordert, gesetzlich nachzuschärfen“, sagt Heinisch-Hosek. „Es muss endlich Schluss sein mit der Verharmlosung. Sexuelle Belästigung ist Gewalt an Frauen. Es braucht eine klare Definition, wo sexuelle Belästigung beginnt.“

An den Hintern fassen ist keine geschlechtliche Handlung? Der Hintern ist kein Geschlechtsorgan?

Dass heterosexuelle Männer sich gerne sexy Frauenhintern anschauen, hat dann sicher auch keine geschlechtlichen, geschweige denn, sexuellen Hintergründe. Ist reiner Zufall, dass sie sexy Männerhintern eher weniger nachschauen und sie sich sexuell provoziert fühlen, wenn eine Frau ihren Hintern sexy präsentiert. Der Hintern gehört ja nicht zum Intimbereich eines Körpers…

Mir scheint, da haben einige Menschen eine gehörige Portion Aufklärung nötig.

Der menschliche Körper ist in unserem Kulturbereich in verschiedene Zonen unterteilt, die individuell variieren, und es gibt auch verschiedene Theorien dazu, in denen die Körperregionen verschieden unterteilt werden, aber es gibt ein gewisses Grundgerüst.

Man unterscheidet in
1. öffentliche oder Sozialzonen, d.h. an diesen Körperbereichen sind Berührungen im allgemeinen Verständnis gestattet. Dazu gehören die Hände, Arme, Schultern oder Rücken.
2. teilöffentliche Zonen. Das heißt, Berührungen sollten nicht ohne Zustimmung stattfinden. Dazu zählen Gesicht, Beine, Handgelenke, Hals und Körperfront.
3. Private oder Intimzone. Hier sollten Berührungen ein intimes Vertrauenverhältnis voraussetzen und sind daher im allgemeinen Umfeld nicht gestattet. Hierzu zählt der Genitalbereich.

In einer zweiten Theorie wird die teilöffentliche Zone noch mal unterteilt in Übereinstimmungs- (Gesicht, Beine, Handgelenk) und Verletzbarkeitszone (Hals, Körperfront)

Diese Auflistung ist natürlich so nicht starr auf alle Menschen übertragbar. Nicht jeder möchte sich am Rücken berühren lassen, und anderen machen Berührungen an der Körperfront oder Gesicht gar nichts aus. Die weibliche Brust zählt auch zur Körperfront und ist dennoch eine Intimzone. Für mich ist zB der Hals ebenfalls eine Intimzone. Preisfrage: Zu welcher Zone wird wohl der Hintern gezählt, der mit so einer enormen sexuellen Komponente verknüpft ist? Nach Logik der Grazer Staatsanwaltschaft müßte er zur öffentlichen oder mindestens zur teilöffentlichen Zone gehören, wenn Berührungen ohne Zustimmung dort keine sanktionswürdige Handlung ist.

10 Kommentare zu “„Recht“sprechung in Graz: An den Hintern grabschen ist keine sexuelle Belästigung

  1. Das ist wirklich ein Drecksurteil. Kann man da nicht eine Petition starten oder sowas? Wieso interessieren sich nur Frauen für Frauenfragen oder weibliche Frauenministerinnen für sowas? Finden alle anderen Menschen in der Polotik das ok? WTF!

  2. Ein interessanter Artikel dazu im Freitag zum Thema Street Harassment.

    Hier ein Auszug speziell zum Thema Po- oder Brustgrabschen in der Öffentlichkeit, der das Problem klar verdeutlicht:

    …Zu sexueller Belästigung am Arbeits- oder Ausbildungsplatz gibt es in Deutschland gesetzliche Regelungen. Belästigungen im öffentlichen Raum werden dagegen nur unzureichend erfasst. In der Schweiz erfüllt das Grabschen an Brust oder Po den Tatbestand der sexuellen Nötigung, in Schweden wird es mit einer Geldstrafe oder Gefängnis bis zu zwei Jahren geahndet. Hierzulande muss der Übergriff „erheblich“ sein: Eine einfache Berührung gegen den Willen der Frau zählt nicht dazu. Möglich ist eine Anzeige wegen Beleidigung. Das setzt aber nicht nur voraus, dass der Täter die Ehre der Betroffenen verletzt, sondern, dass er dies auch beabsichtigt hat. Schwer nachvollziehbar: Wer den Mittelfinger zeigt, kann wegen Beleidigung belangt werden – wer körperlich zudringlich wird, geht oft straffrei aus….

  3. @onyx

    Man braucht bei der Beleidigung einen Vorsatz, da reicht aber bereits das billigende in kauf nehmen, dass sie sich dadurch beleidigt fühlt.
    wenn er also sagt “vielleicht will sie es nicht, aber darauf lasse ich es ankommen“ kann er verurteilt werden.

    • Sie wollte das nicht nur vielleicht nicht, sondern definitiv nicht. Es gab vorher eine deutliche verbale Ablehnung.
      Er hat sich also bewußt über ihre Ablehnung hinweggesetzt und ist körperlich zudringlich geworden.

      Was sagst du zur Urteilsbegründung? Stimmst du dem zu, dass Pograbschen keine geschlechtliche Handlung ist und deswegen keine sexuelle Belästigung darstellt?

      Vielleicht gilt ja anale Vergewaltigung demnächst auch nicht mehr als Vergewaltigung, weil der Po ja kein Geschlechtsteil ist…

      Die Absurdität der Justiz bei Sexualdelikten scheint keine Grenzen zu kennen.

    • @onyx

      Ich kenne mich mit den Grazer Gesetzen nicht aus. Aber immerhin steht da ja: „Fassen auf den Po sei allenfalls eine Anstandsverletzung, für die die Polizei als Verwaltungsstrafbehörde eine Strafe verhängen könne.“

      Also scheint er ja durchaus bestraft werden zu können.

      „Sie wollte das nicht nur vielleicht nicht, sondern definitiv nicht. Es gab vorher eine deutliche verbale Ablehnung.“

      Ich wollte nur auf die deutsche Rechtslage hinweisen, die da günstiger ist.

      „Stimmst du dem zu, dass Pograbschen keine geschlechtliche Handlung ist und deswegen keine sexuelle Belästigung darstellt?“

      Ich nehme an, dass „geschlechtliche Handlung“ im Gesetz definiert ist und insofern in der Tat die Politiker bzw hier Politikerinnen handeln müssen.

      „Vielleicht gilt ja anale Vergewaltigung demnächst auch nicht mehr als Vergewaltigung, weil der Po ja kein Geschlechtsteil ist…“

      Das ist eine polemische Spekulation.

      „Die Absurdität der Justiz bei Sexualdelikten scheint keine Grenzen zu kennen.“

      Was schließt du daraus? Das die Justizministerin aktiv die Rape Culture verteidigt?

      auch in Deutschland hatten wir übrigens eine reine von Justizministerinnen. Und wir haben genug Frauen im Parlament, die jederzeit Gesetze einreichen können.

    • Also scheint er ja durchaus bestraft werden zu können.

      Wurde er aber nicht. Das Verfahren wurde eingestellt.

      Das ist eine polemische Spekulation.

      Natürlich ist es Spekulation. Aber warum polemisch? Es ist die logisch weitergedachte Konsequenz aus der beschrieben Gesetzeslage. Wo liegt genau der Unterschied zwischen Pograbscherei und analer Penetration, wenn beides gegen den Willen der betroffenen Person geschieht? Warum ist das eine eine sexualisierte Tat und das andere nicht?
      Abgesehen davon, seit wann hast du ein Problem mit Polemik?

      Was schließt du daraus?

      Dass die Gesetzeslage bezüglich Sexualdelikten gründlich reformiert gehört.

  4. @Christian:“Was schließt du daraus? Das die Justizministerin aktiv die Rape Culture verteidigt?

    auch in Deutschland hatten wir übrigens eine reine von Justizministerinnen. Und wir haben genug Frauen im Parlament, die jederzeit Gesetze einreichen können.“

    Das zeigt doch nu, wie tief rape coulture in den Köpfen verankert ist, wenn selbst die Vertreterinnen viel häufiger betroffenen Geschlechts nichts dagegen tun. Oder werden solche Gesetzte systematisch abgelehnt? Habendie Frauen Angst, von ihren KollegInnen als Feministinnen angesehen zu werden? Bitte erkläre, was du damit ausdrücken wolltest, ehe ich da weiter wild interpretiere.

    @Onyx: „Dass die Gesetzeslage bezüglich Sexualdelikten gründlich reformiert gehört.“

    Definitiv!

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