Wurzelbehandlung oder Hass?

Menschen, die einen festen Standpunkt vertreten, der von der breiten Masse abweicht, werden oft als radikal bezeichnet. Dies ist im allgemeinen Sprachgebrauch meist abwertend gemeint in der Form, eine zu extreme Meinung zu haben. Wenn die Rede vom Radikalfeminismus ist, geschieht das in 99,9% der Fälle im direkten Zusammenhang mit dem Vorwurf des Männerhasses. Hass ist schließlich auch eine zu extreme Meinung.

Was vergessen wird, ist die eigentliche Bedeutung des Wortes radikal. Das heißt nicht „zu extrem“ oder „hassend“. Das heißt nur unnachgiebig, konsequent oder hart. Die lateinische Wortherkunft ist „Ursprung“ oder „Wurzel“.
Es hat also rein vom Wortsinn her nichts mit Hass zu tun, eine radikale Meinung zu haben. Es heißt lediglich, Dinge von der Wurzel her zu betrachten, Probleme an ihrem Ursprung zu sehen und ein gesamtgesellschaftliches Umdenken zu erstreben. Und sich davon nicht abbringen zu lassen. Eine gesellschaftliche Wurzelbehandlung sozusagen. Schmerzhaft für die, die von bestehenden Zuständen profitieren oder zumindest keine Probleme sehen, aber nötig, weil der gesellschaftliche Zahn an der Wurzel verfault ist, Mißstände eben so tief verwurzelt sind, dass man sie nur radikal betrachten kann, wenn man sie ändern will.

Wobei natürlich die Meinungen darüber, was radikal ist, lediglich subjektiver Natur sind. Es ist halt ein leicht greifbares Totschlagargument, unbequeme Ansichten als radikal, also hasserfüllt und damit gesellschaftlich untragbar zu bezeichnen. Die Bezeichnung Radikalität synonym für Hass, und umgekehrt Hass für Radikalität zu verwenden, ist daher nicht korrekt und verwirrend. Zum Beispiel wird das, was allgemein als Rechtsradikalität verstanden wird, bei jenen Menschen selbst oft nur als Konservativismus betrachtet, nach allgemeinem Verständnis aber oft als Hass und Gewaltbereitschaft.
Deswegen ist der Begriff der Radikalität dafür, was eigentlich gemeint ist, oft falsch. Er verwässert die eigentliche Aussage.

Was schließe ich nun daraus für mich? Dass ich es nicht als Beleidigung betrachte, wenn ich radikal genannt werde. Zu manchen Dingen habe ich vielleicht eine radikale Meinung, die nichts mit Hass zu tun hat. Eine Meinung, bei der mich andere zunächst mit großen Augen anschauen, oder den Kopf schütteln, bevor sie anfangen nachzudenken (oder auch nicht). Damit muß man leben, wenn man nicht den Mainstream nachplappert, sondern seinen eigenen Kopf hat. Eine Meinung, von der ich mich nicht so leicht abbringen lasse. Eine Meinung, die nicht ohne Grund entstanden ist.
Wenn man also radikal ist, wenn man lieber Ursachen sucht als nur Symptome zu lindern, sich nicht von jedem Windhauch umdrehen lässt und sich nicht mit halbgaren Erklärungen/Entschuldigungen/Vertröstungen zufrieden gibt, dann bin ich das gern. Bei Zahnschmerzen geht man auch besser zum Zahnarzt als ständig Tabletten zu schlucken.

12 Kommentare zu “Wurzelbehandlung oder Hass?

  1. Ich finde es gut, dass du hier die Unterschiede zwischen Radikalität und Hass erklärst, allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass es etwas an den Meinungen der Leute ändert. Wer das Hass-Argument bringen will, der tut das einfach und lässt die Radikalität eben raus, wenn sie nicht ins Feindbild passt. Trotzdem kann man nicht oft genug betonen, dass radikale Ansichten nichts damit zu tun haben, die Gesellschaft oder bestimmte Gruppen zu hassen. Für Gruppen, die Dinge oder Menschen hassen, gibt es schließlich andere Namen. Ich finde dein Fazit in den letzten beiden Absetzen auch sehr gut und nachahmenswert.

    • Es ist weder meine Aufgabe, noch meine Intention, die Meinung von Menschen zu ändern, die ohnehin nur Hass sehen, weil sie nichts anderes sehen wollen wollen. Da ist eh Hopfen und Malz verloren. Überhaupt schreibe ich nicht für andere. Natürlich werden die Begriffe weiterhin mißverständlich und falsch verwendet werden, und sei es nur zum bashen. Aber vielleicht denkt ja der eine oder andere doch mal drüber nach. Schließlich lesen ja hier auch etliche andere mit, die weniger verbohrt sind und verstehen, was ich sagen möchte.

    • „Es ist weder meine Aufgabe, noch meine Intention…“

      Das hab ich auch gar nicht sagen wollen. Wenn ich den Satz jetzt noch mal lese, finde ich ihn auch ziemlich daneben. Eigentlich wollte ich mich eher darüber auskotzen, dass es diese Art Leute gibt. Das ist allerdings ziemlich daneben gegangen. Ich kann mein 10:36-Uhr-Ich da auch nicht mehr nachvollziehen.

  2. „Das heißt nur unnachgiebig, konsequent oder hart.“
    Also verknöchert, unreflektiert, unflexibel und keinerlei Argumenten (mehr) zugänglich.
    Das deckt sich mit meinem Eindruck

    • Also ist jeder, der von seinen eigenen Argumenten überzeugt ist und Dinge nicht nur oberflächlich betrachtet, unreflektiert und verknöchert? Interessante Hypothese.

    • @Marcie: Wieso hört sich dein Kommentar so nach Vorwurf an? Klingt als ob zu nach der zitierten Stelle aufgehört hättest zu lesen, denn Onyx stellt heraus, dass Radikalität eben nicht unreflektiert ist, sondern sehr reflektiert.

  3. Hihi, ich freu mich immer wenn jemand sagt: „Das ist aber ganz schön radikal!“ Gute Vorlage, das. Natürlich bin ich radikal. Wahrscheinlich ist jeglicher feministischer Ansatz radikal (deiner Wurzel-Definition zufolge, die ich nicht kannte, die aber gefällt).

    Wenn man mal genau nachdenkt leben wir in einer Gesellschaft, in einer Welt, die radikale Ideen braucht. Einfach weil alle Wissenschaftler, die den Status Quo hochrechnen, in, was weiß ich 20 – 100 Jahren auf apokalyptische Probleme stoßen, für die es (noch) keine Lösung gibt.

  4. Radikal bedeutet, wie du richtig festgestellt hast, an die Wurzel zu gehen, die Ursachen eines Problems zu beseitigen, anstatt es nur zu lindern, weshalb z. B. anders als TischTisch meint, fast kein feministischer Ansatz radikal ist. Deshalb verstehe ich nicht, wieso du es mit unnachgiebig, konsequent oder hart zusammenbringst. Man kann doch alles unnachgiebig, konsequent und hart fordern, unabhängig davon wie grundlegend man ansetzt.

  5. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Wurzelbehandlung und Menstruation – Die Blogschau

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