One Way Ticket – von der letzten Reise des Lebens, von der es kein Zurück gibt

Wie sicher einige wissen, arbeite ich in einem Bereich, in dem ich tagtäglich mit Krankheit, geistiger Verwirrung, Schmerzen, Leiden, Tod und Trauer konfrontiert werde. Ich begleite Menschen auf ihrem letzten Weg und versuche mein menschenmöglichstes, diesen Weg würdevoll zu gestalten. Dass das alles andere als leicht ist, ist kein Geheimnis, aber ich möchte mal einen persönlichen Einblick vermitteln.

Eine Schwierigkeit, der ich mich häufiger zu stellen habe, ist die richtige Balance zwischen fachlicher Professionalität und Menschlichkeit zu finden.

Wenn ein Mensch im Sterben liegt, versucht man alles, um sein Leiden so gering wie nur irgend möglich zu halten. D.h. oft werden alle Medikamente abgesetzt (bringen eh nichts mehr), wenn es sein muß, nur etwas gegen Schmerzen. Vielleicht ein bisschen Flüssigkeit per Infusion, um ein Austrocknen zu vermeiden. Ansonsten lässt man ihn in Ruhe. Er hat genug mit sich zu kämpfen. Seine Haut ist gelb/grau, die Atmung flach und kurz, die Augen entweder geschlossen oder der Blick stumpf und unverwandt in die Luft, als ob er den Tunnel schon vor sich sieht. Alles was wir tun können, ist hoffen, dass er es schnell und schmerzlos schafft. Mehr steht nicht in unserer Macht. Dieses nichtsmehrtunkönnen ist mitunter schwerer als es sich anhört, es stellt alle Beteiligten auf eine harte Probe. Man ist machtlos, kann nur dabei zusehen, wie ein Mensch langsam aus dem Leben scheidet.

Manche Sterbende möchten beim sterben allein sein. Sie kämpfen den ganzen Tag und schließen dann abends endgültig die Augen, wenn Ruhe ins Haus eingekehrt ist. Andere scheinen darauf zu warten, dass ihre Lieben Abschied nehmen können.

Wenn ein Mensch stirbt, hat vielleicht das Leiden dieses Menschen ein Ende. Nicht aber das Leiden der Menschen, die ihn geliebt haben. Die leiden weiter und und trauern um ihre/n Ehefrau/-mann, Vater/Mutter. Den richtigen Weg zu finden zwischen der Erlösung, dass ein Mensch von seinem Leid befreit wurde, und der Trauerbegleitung seiner Lieben, die mir mit tränengefüllten Augen gegenüberstehen und sich für die liebevolle und herzliche Betreuung bedanken, ist ein Balanceakt. Früher dachte ich, persönliche Befindlichkeiten gehören da nicht hin, ich muß meine Tränen verbergen, ich muß funktionieren. Heute weiß ich, dass das Unsinn ist. Auch wenn ich einen weißen Kittel trage und Formulare ausfüllen und Telefonate führen, mit Ärzten, Notdiensten und Betreuern reden muß, darf ich Mensch sein, darf mitfühlen und darf eine Träne vergießen. Ich habe mit einem unserer Ärzte ein Gespräch gehabt, der ähnlich empfindet. Als eine langjährige Patientin von ihm verstorben ist, stand er 10 Minuten im Badezimmer am Waschbecken und hat geweint. Wir sind alle nur Menschen. Manchmal vergisst man das unter der Maske des Alltags, der Hektik und der Papierberge.

Ich erlebe leider häufiger, wie alte Menschen einsam vor sich hinvegetieren, die nie Besuch bekommen, obwohl sie Kinder haben. Das gibt es öfter als man denkt. Da gibt es irgendeinen amtlichen Berufsbetreuer, der sich um Formalien kümmert, und das auch nur des Geldes wegen tut. Der für jede Kleinigkeit um Erlaubnis gefragt werden muß, dem letztlich alles egal ist, solange er nur nicht weiter belästigt wird. Und der sich 2x im Jahr blicken lässt, um sich von dem Wohl seines „Betreuten“ zu überzeugen. Und der dann auch noch Empörung laut werden lässt, weil die Frisur nicht perfekt sitzt, das Bett nicht faltenfrei geschlagen ist, oder warum der/die „Betreute“ denn so apathisch dasitzt, ob denn keine Beschäftigung angeboten würde.
Wenn ich sowas sehe, möchte ich ihm ins Gesicht schreien, dass er die Realität besser einschätzen könnte, wenn er sich nicht nur alle Jubeljahre mal herbequemen würde, und wenn er sich bewußt machen würde, dass hier keine Roboter leben und arbeiten, sondern Menschen. Aber man ist ja immer freundlich und professionell und setzt sein schönstes Perlweiß-Lächeln auf. Entschuldigt sich für die Umstände und nimmt alle Schuld auf sich. Damit sich der feine Herr Betreuer als unser Kunde auch ja als König fühlen darf.
Verdammt nochmal, hier geht es nicht um Computer oder Aktenordner, die nach Feierabend einfach abgestaubt, ausgeschaltet oder im Schrank eingeschlossen werden, oder bei Nichtmehrgebrauchtwerden auf dem Müll landen. Wir reden hier immer noch von Menschen. Versteht ihr? MENSCHEN!

Wenn so ein Bewohner schließlich die Augen schließt, fällt es mir weniger schwer, den lieblosen Angehörigen die Wahrheit mitzuteilen. Ich sterbe nicht immer mit. Natürlich tut es einem immer leid, aber wer sich zu deren Lebzeiten nicht gekümmert hat, erweckt bei mir kein gesteigertes Mitgefühl, wenn er den Tod des Menschen beweint, den er in den vergangenen Jahren so oft besucht hat, dass man es an beiden Händen abzählen kann.

Aber es gibt auch die anderen. Die Ehepartner und Familien, die fast täglich ein- und ausgehen. Die sich kümmern. Die uns in alle Probleme einbeziehen. Die uns spüren lassen, wie froh und dankbar sie sind. Die liebevoll für denjenigen da sind. Die mit ihm reden, auch wenn er nur noch präfinal daliegt und keine Reaktion mehr zeigt. Die die fahle graue Haut so liebevoll streicheln, dass die Liebe, die zwischen ihnen existiert, förmlich im Raum spürbar ist.
Ich sehe sowas sehr gern, so traurig die Situation auch ist. Ich freue mich, dass ich etwas dazu beitragen konnte, dass ein Mensch in Würde gelebt hat und in Würde gehen kann. Dass meine Arbeit einen Sinn hat.

Desweiteren habe ich die Angewohnheit, ganz für mich allein im Stillen ein Gebet für den Verstorbenen zu sprechen. Obwohl ich nicht religiös bin, ist es mir ein inneres Bedürfnis, ihm auf diese Weise meine letzte Ehrerbietung zu geben. Ich rede darüber mit niemandem, das tue ich nur für mich.

6 Kommentare zu “One Way Ticket – von der letzten Reise des Lebens, von der es kein Zurück gibt

  1. Ich kann verstehen, dass du „lieblose Angehörige“ sagst. Bitte versteh auch, dass es Angehörige gibt, die aus besonderen Gründen (Krankheit, Gewalterfahrungen etc.) nicht in der Lage sind, jemand zu besuchen. Liebe und Bindung entsteht, nicht weil Eltern alt werden.
    Und es gibt Angehörige, die jemand hassen, weil diese Person kein Normleben nach ihren Wünschen geführt hat.

    • Lieblos war vielleicht zu hart und unglücklich formuliert. „Scheinbar lieblos“ oder „teilnahmslos“ würde es vielleicht eher treffen. Natürlich weiß ich, dass es auch Gründe haben kann, wenn Kinder sich von ihren Eltern distanzieren. Aber solche Fälle habe ich jetzt außen vor gelassen. Ich mache wirklich zum Teil die Beobachtung, dass sehr selten Besuche kommen für ein paar Minuten, es wird sich kurz über Kleinigkeiten beschwert und dann ab durch die Tür.
      Ich kann mich an eine Dame erinnern, die konnte nicht mehr sprechen, saß im Rollstuhl, wurde künstlich ernährt, hat aber immer Blickkontakt gesucht und war an ihrer Umgebung interessiert. Wenn Musik lief, haben die Beine gewippt und sie hat gern mit Buntstiften gemalt.
      Als sie Geburtstag hatte, kamen ihr Sohn und ihre Schwiegertochter vorbei, standen links und rechts von ihr, haben über ihren Kopf hinweg miteinander geredet, und die arme Frau schaute immer fragend nach oben von dem einen zum anderen, als wollte sie rufen „Halllloooo, hier, ich bin auch noch da!“ Nach 5 Minuten haben sich die Kinder dann entschieden, Klamotten kaufen zu gehen und haben die Mutter wieder allein gelassen. Mal ehrlich, dann sollen sie lieber gleich wegbleiben.
      Es gibt auch Angehörige, die zwar nicht lieblos sind, sondern sich eher einfach überfordert fühlen, und froh sind, von der Verantwortung befreit zu sein. Es ist einfach naiv zu glauben, wenn man Kinder hat, ist man im Alter und bei Krankheit automatisch liebevoll betreut.

      Aber es ist ein interessanter Punkt, den man nicht ignorieren sollte.

  2. Ich finde es unsagbar toll, dass du Sterbebegleitung machst, nicht falsch verstehen.
    Dass irgendjeamand da ist, respektvoll, liebevoll begleitet, wenn eine stirbt, das gibt es seltener.
    Danke. 🙂

    • Hey das freut mich 🙂
      Und danke für den Link. Einiges davon kommt mir tatsächlich bekannt vor.

  3. Pingback: “Und Gott sagte zu mir: Deine Zeit ist noch nicht gekommen” | Gedankensalat...

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