Gauck hält Sexismus-Diskussion für nötig

Die Wellen um Gaucks Äußerung zur #Aufschrei-Debatte, die er als „Tugendfuror“ bezeichnet hat, schlugen hoch. Viele Kritiken gab es dazu. Die Piratin Marina Weisband sagt dazu:

“Ich empfand seine Äußerung als sehr von oben herab. Wenn viele Frauen sagen, dass es in diesem Land ein Sexismus-Problem gibt, dann hat auch der Bundespräsident das zu respektieren”, kommentierte Weisband in der “Bild am Sonntag” Gaucks Warnungen vor einem “Tugendfuror”.

“Da kann er 10.000 Mal das Staatsoberhaupt sein. Doch Gauck mangelt es offenbar an Respekt vor den jungen Frauen, die sich an der `Aufschrei`-Aktion beteiligt haben.”

Die Piraten-Politikerin weiter: “Er sollte sein Verhalten als Staatsoberhaupt überdenken.”

Desweiteren folgte ein offener Brief, in dem Gauck dazu aufgefordert wird, „sich reflektiert zu gesellschaftlichen Debatten Position zu beziehen und sich umfassend mit ihnen auseinanderzusetzen“.

Auch die Welt fordert: „Reden Sie mit den Frauen, Herr Bundespräsident!“

Die vielfältigen Kritiken schienen nicht wirkungslos an Gauck vorbeigeschossen zu sein, denn jetzt räumt Gauck ein: „Auch in unserer Gesellschaft gibt es Sexismus“

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Debatte über Sexismus in der Gesellschaft für notwendig. Bei der Verleihung des Verdienstordens an 33 Bürgerinnen anlässlich des Weltfrauentags am 8. März sagte Gauck am Donnerstag: „Auch in unserer Gesellschaft, die uns allen so entwickelt und reif erscheint, gibt es noch Benachteiligung, auch Diskriminierung und alltäglichen Sexismus.“ Darüber sollte von Frauen und Männern gleichermaßen eine engagierte Debatte geführt werden. So könnten Missstände benannt und aufgedeckt werden, sagte Gauck.

Der Bundespräsident reagiert damit auf Vorwürfe, in der Sexismus-Debatte falsche Signale gegeben zu haben. In einem Interview mit dem Spiegel war er gefragt worden, ob er den Umgang mit FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle wegen dessen als sexistisch bewerteten Äußerungen als unfair empfunden habe.

Offener Brief nach „Tugendfuror“
Darauf sagte er: „Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde.“ Eine Gruppe von Netzaktivistinnen hatte Gauck daraufhin in einem offenen Brief auf der Internetseite alltagssexismus.de vorgeworfen, die Debatte zu bagatellisieren. Zu den Unterzeichnerinnen gehört auch Anne Wizorek, die Ende Januar die „Aufschrei-Aktion“ auf Twitter initiiert hatte, bei der Betroffene ihre Erfahrungen mit Sexismus schildern.

In dem Brief forderten sie Gauck dazu auf, mit Frauen in seinem Umfeld zu reden und auf Twitter die Geschichten zu lesen, die unter #Aufschrei beschrieben werden. „Lesen Sie, hören Sie zu und sagen Sie dann noch einmal, es handele sich hier lediglich um einen nicht ernst zu nehmenden ‚Tugendfuror‘.“

Auch SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles meldete sich am Donnerstag mit kritischen Tönen zu Wort. Viele Frauen, gerade jüngere, könnten Gaucks Bemerkung nicht nachvollziehen: „Ich glaube, dass es da eine Diskrepanz gibt, die lebensbiografisch begründet ist.“ Nahles will Gauck nun einen Brief schreiben und ihn zu einer Diskussion mit weiblichen SPD-Mitgliedern der Internetplatform femnet.de einladen.

4 Kommentare zu “Gauck hält Sexismus-Diskussion für nötig

  1. Interessant finde ich gerade in dem Zusammenhang mit Sexismusdebatten auch den immer wieder gern vorgebrachten Vorwurf, dass es sich seitens derer, die die Steine ins Rollen bringen, diskutieren und Diskussionen anregen, lediglich um die Erhaschung von Aufmerksamkeit handle, und ob es denn keine größeren Probleme gäbe. Natürlich geht es um Aufmerksamkeit. Wie soll man diskussionswürdige Themen, die sonst gern verschwiegen werden, an die Öffentlichkeit bringen, wenn sie keine Aufmerksamkeit bekommen? Das mag manchen nicht schmecken, aber so funktionieren öffentliche Debatten nun mal. Und sorry, Sexismus IST ein großes Problem.
    Vergessen wir mal nicht, dass all das nicht grundlos geschieht. Es geht hier nicht lediglich um das Füllen eines Sommerlochs, indem möglichst reißerische Themen publiziert werden, um zu provozieren und damit der Langeweile keine Chance zu geben, sondern es geht um ein ernstes Thema. Mir wäre es auch lieber, wenn es nicht nötig wäre, aber da wir diese Zustände nun mal haben, muß auch darüber diskutiert werden können.

  2. Birgit Kelle ist für mich keinen eigenen Blogpost wert, da fehlt es schlicht an argumentativer Substanz, aber ich will es mir dennoch nicht nehmen lassen, ihren aktuellen Artikel auseinanderzunehmen.

    Es geht um den jüngsten Artikel besagter Dame, die einfach nicht darüber hinwegzukommen scheint, dass sich junge Frauen nicht mehr davon abhalten lassen, das Thema Sexismus in die Öffentlichkeit zu tragen. Um dieses offensichtliche Defizit zu verschleiern, bedient sie sich einer Sprache, in der man wenig Argumente findet, dafür viel Polemik, primitives Feminismus-Bashing und noch mehr Strohmänner. Er reiht sich damit nahtlos in ihre letzten Ergüsse zum #Aufschrei-Thema, als sie Frauen, die über sexuelle Belästigung reden, hochintelligent riet, doch „einfach die Bluse zuzumachen“

    Frauenthemen, das klingt anstrengend, zäh und unerbittlich.

    Ja, ganz schrecklich, dass Frauen mehr sein wollen als nur liebreizende, dekorative Bespaßerinnen. Sondern dass auch die öffentlichen Diskurse bestimmen wollen, mit Themen, die ihnen wichtig sind.

    Ganz im Gegenteil zu Männerthemen. Wenn die zur Sprache kommen, dann fallen mir als Frau immer erst einmal die üblichen Spaßthemen ein: Autos, Baumarkt, Playboy und natürlich Fußball. Also Männlichkeit in Höchstform.

    Liegt vielleicht daran, dass sich der Großteil der Männer nicht über Sexismus beklagt. Einfach, weil die allermeisten nicht betroffen sind. Jedenfalls nur ein Bruchteil der betroffenen Frauen. Man kann ernste Themen leicht abwinken, wenn sie einen selbst nicht betreffen. Aber man schaue mal spaßeshalber in antifeministische Diskussionen, wenn sich die Akteure dort als Opfer von Sexismus fühlen. Hui wie spaßig mit diesen Themen dort umgegangen wird! Welche Lebensfreude einem dort entgegenspringt, wenn „Frauen“ durch „Schlampen, Huren, Fotzen, Nutten, Geschlitzte“ und ähnliches ersetzt wird.
    Aber sowas kennt Frau Kelle natürlich nicht. Das passt nicht die heile spaßige Männerwelt.

    Dabei hätten wir doch viel zu feiern. Erfolge vorzuweisen. Wäre da nicht immer wieder diese Noch-nicht-genug-Fraktion. Diese schmallippigen Kriegerinnen, die Spaß nun mal kontraproduktiv finden für das Abgreifen weiterer Fördermittel, für das spezifisch weibliche Opfer-Lebensgefühl.

    Gähn. Wo ist hier nochmal das Argument? Ich sehe keins.

    Aufreger machen sich medial besser, sie bringen Schlagzeilen.

    Das stimmt. Wer wüßte das besser als Frau Kelle selbst mit ihren Aufreger-Artikeln? Mit dem Unterschied, dass die Sexismus-Debatte ein Thema ist, das es zu diskutieren wert ist, im Gegensatz zu solchen Strohmann-Pamphleten, aus denen nur ersichtlich ist, dass sie rein gar nichts verstanden hat.

    Und nein, wie gut, dass Bundespräsident Gauck, sonst ein Garant für Ausgewogenheit, Ruhe und Differenziertheit, sich dazu hat hinreißen lassen, die Sexismusdebatte im Nachhinein zu kommentieren.

    „Verblüfft“, „erschüttert“, „irritiert“ und „bestürzt“ sind sie nun. Was hat er also Skandalöses gesagt, der Herr Bundespräsident, sodass der Aufschrei in die zweite Runde startet und sich immerhin ganze sieben junge Frauen genötigt sahen, einen offenen Brief zu schreiben…

    „immerhin ganze sieben junge Frauen“
    Was Frau Kelle hier zu suggerieren versucht, nämlich, dass es nur eine Handvoll Frauen waren, die in Gaucks Äußerung eine kritikwürdige Entgleisung sahen, läuft natürlich ins Leere angesichts der Tatsache, dass dieser Brief von über 2300 Personen unterstützt, d.h. unterschrieben wurde.

    Der gute Pastor Gauck hatte lediglich angemerkt, dass er eine „gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen […] hierzulande nicht erkennen“ könne und „Wenn so ein Tugendfuror herrscht“, sei er weniger moralisch, als man es von ihm als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde.

    Ja, das geht natürlich zu weit. Da nimmt jemand die Debatte einfach nicht ernst genug. Verharmlost die Zustände.

    Richtig. Genau das. Und das hat er ja mittlerweile auch eingesehen und erkannt, dass wir ein Sexismus-Problem haben. Ist das nicht großartig, Frau Kelle?

    Und dann auch noch diese Wortwahl. „Tugendfuror“. Wo doch jeder weiß, dass das Wort „Furie“ im Zusammenhang mit Frauen völlig unangebracht und immer unpassend ist. Weiß doch jeder, dass wir Frauen immer ausgeglichene Wesen sind, teamfähig, fair, emotional stabil und hormonell ausgeglichen.

    Wieder ein hübscher Strohmann, auf den sie hier eindrischt. Wer hat jemals behauptet, dass Frauen immer und überall teamfähig und fair sind?
    Frauen aber als Furien darzustellen, die sich an einer Diskussion beteiligen, wo sie über Erlebnisse mit Sexismus und sexueller Belästigung reden, ist schon ein starkes Stück. Aber diese Differenzierung war für Frau Kelle wohl zu kompliziert. Lieber ein bisschen polemisch draufhauen, weil Aufreger bringen ja Schlagzeilen. War doch so, Frau Kelle oder?

    Mein Fazit des Artikels:
    Eine Journalistin, die in ihrer Wahrnehmung derart eingeschränkt zu sein scheint, dass sie wirklich nur in eine Richtung denken kann (liegt vermutlich am Tunnelblick), die „Frauenthemen“ und „Männerthemen“ in schwarz und weiß einteilt, für die Feminismus nichts anderes ist als ein verzweifelter Versuch frustrierter Frauen, sich ins Rampenlicht zu rücken, ist eigentlich nur eins: Erschreckend uninformiert. Aber was anderes wollen die Leser, die ihr zujubeln ja auch nicht haben. Sie wollen nicht informiert, sondern unterhalten werden. Was liegt da also näher, als ernste Themen, von denen man nichts hören will, polemisch durch den Kakao zu ziehen?

    • Mein Lieblingssatz: „Das bringt die Frauenfrage sicher ein ganzes Stück voran, bestätigt allerdings auch nebenbei das subtile Vorurteil, dass wir Frauen eben doch „hysterisch” sind, was nebenbei vom griechischen Wort „Gebärmutter” abstammt.“

      Ich hatte ja keine Ahnung, dass „Gebärmutter“ ein Gräzismus ist!

      „Somit sollte man die alten Griechen am besten auch gleich und komplett mit auf den Index setzen. Wir wissen doch alle: Vorbeugen ist besser als Nachsorgen. Beschneiden wir uns doch einfach selbst in vorauseilendem Gehorsam unseren Wortschatz. Dann möchte ich allerdings bitte nie wieder irgendwo lesen, dass eine Frau für „Furore“ gesorgt hat.“

      Gute Nachrichten für Frau Kelle: „Furor“ kommt aus dem Lateinischen.

    • Na na, wer wird sich denn an uninteressanten Kleinigkeiten aufhalten, wo das Thema Sexismus doch wie geschaffen dafür ist, ein bisschen unsachlichen Geifer über Feministinnen auszuschütten? 😉

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