„Und Gott sagte zu mir: Deine Zeit ist noch nicht gekommen“

Im Zusammenhang mit diversen Erlebnissen der sogenannten letzten Reise gibt es genauso Erlebnisse, wo Menschen scheinbar auf ihre letzte Reise gehen, aber unerwartet von dort scheinbar wieder zurück kommen. Ich möchte mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen und von „Nahtod-Erlebnissen“ reden, schließlich sind es Geschichten, die ich nicht selbst erlebe, sondern nur beobachte, oder die mir von Menschen mit teils erheblichen kognitiven Einschränkungen erzählt werden. Aber ich wundere mich manchmal, wie klar die Kommunikation auf einmal sein kann, sobald es um existentielle Erfahrungen geht. Ich erlebe das nicht selten. Aber es berührt einen immer wieder.

Ich will ein Beispiel dazu erzählen. Ein älterer Herr, Mitte 70, also für unser typisches Klientel noch ein junger Hüpfer. Ein kleines drahtiges Männlein, sehr liebenswert, immer lächelnd, noch ganz gut zu Fuß. Er heißt Wilhelm, aber er besteht darauf, dass er Willi genannt wird, weil er damit ein Gefühl der Vertrautheit verbindet. Seine Tagesform wechselt schon mal, genau wie seine Stimmung. An manchen Tagen kann man ihn mit Motivation und Anweisungen ganz gut erreichen, bestimmte Dinge zu tun, und manchmal ist er sturer als ein anatolischer Dorfesel. Dann hat er seinen Willen, und den muß man ihm dann auch lassen. Er hat typische krankheitsbedingte Einschränkungen, kann nicht allein zur Toilette gehen, weil er nicht versteht, wozu man dieses große weiße Keramikding benutzen soll. Soll man darin seine Füße waschen? Kann man das Wasser darin trinken? Oder ist das ein Mülleimer? Und überhaupt, was ist das für ein Lärm, wenn man auf diesen Knopf da drückt? Anziehen kann er sich auch nicht allein. Das Essen fällt ihm manchmal schwer, die Suppe lässt er vom Löffel laufen, ehe sie im Mund ist. Mit dem sprechen hat er Schwierigkeiten, er findet oft nicht die richtigen Worte für das was er sagen will, er überlegt lange, versucht Dinge, die er nicht benennen kann, einfacher und kürzer zu formulieren. Wenn er aufgeregt oder verärgert ist, kommt nur zusammenhangloses und unverständliches Gestotter. Hilfe anzunehmen, fällt ihm manchmal schwer. Man sieht ihm an, wie unangenehm es ihm ist, als wolle er sagen „ist mir peinlich, dass Sie soviel Arbeit mit mir haben“. Aber er ist dankbar, nimmt die helfende Hand und hält sie fest. Und lächelt.

Also alles in allem ein süßer Opa, den man nur zu nehmen wissen muß, dann kommt man sehr gut mit ihm klar.

Nun werden Menschen eben nicht jünger und fitter und sein Zustand verschlechterte sich. Irgendwann konnte er nicht mehr laufen, keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen. Er saß dann im Rollstuhl. Und wieder einige Zeit später wurde er bettlägerig. Wir alle waren uns sicher, dass er sich langsam auf die Reise macht. Seine Töchter kamen täglich zu Besuch. Er redete kaum noch, schlief sehr viel, und wenn er nicht schlief, sah er mit müden Augen Löcher in die Luft, wirkte abwesend. Sogar auf seine Töchter reagierte er nur noch mit minimalen Lebenszeichen. Sein Hausarzt beschloß dann in Absprache mit den Töchtern, dass seine Medikamente abgesetzt werden sollten. So ging das dann ein paar Tage. Ich sprach in dieser Zeit sehr viel mit den Töchtern, die den Anblick ihres Vaters kaum ertragen konnten.

Dann kam der Tag, als eine Kollegin zu mir kam und mich bat, nach Willi zu schauen, mit ihm stimme was nicht. Die Töchter waren in dem Moment gerade nicht da.

Mit meiner Vorahnung und einer Mischung aus Erleichterung und leisem Schmerz machte ich mich auf den Weg in sein Zimmer. In Bruchteilen von Sekunden spielte ich den Dialog mit den Töchtern durch, der folgen würde.

Ich atmete vor seiner Tür noch mal tief durch, klopfte an und ging rein. Aber entgegen meiner Erwartung lag dort kein lebloser Körper, sondern das liebenswerte kleine Männlein und sah mich an. Ich unterdrückte meine Verwunderung, nahm seine Hand, fühlte dabei gleichzeitig unauffällig nach, ob der Puls noch da ist und fragte leise, wie es ihm ginge. Ich erwartete keine verbale Antwort, aber ich hoffte auf irgendein Zeichen. Ein Seufzer, ein Lächeln, eine Träne, ein Kopfschütteln, ein Augenschließen, was auch immer. Aber was passierte? Er sagte in leisen, langsamen, zittrigen aber recht verständlichen Worten: „Ich habe Gott gesehen. Er sagte, meine Zeit ist noch nicht gekommen. Dabei will ich endlich Ruhe haben. Tun Sie doch was.“

Ich schluckte, versuchte zu lächeln, entschuldigte mich, ging vor die Tür und wischte meine Träne weg.

2 Kommentare zu “„Und Gott sagte zu mir: Deine Zeit ist noch nicht gekommen“

  1. Ich bin ein spiritueller Mensch, und kann mir gut vorstellen, dass der Tod nicht das Ende ist.
    Ich bewundere dich dafür, dass du diese Arbeit machst. Ich könnte das nicht, denn ich könnte mit so viel Tod und Leid nicht umgehen. Aber dafür hast du einen anderen Einblick auf … kann man es die andere Seite nennen?
    Danke, dass du diese wunderschöne Erfahrung geteilt hast.

    • Ich bin eigentlich nicht besonders spirituell, sondern im Gegenteil eher sehr pragmatisch und realistisch. Aber man gewinnt zwangsläufig einen etwas intensiveren Blick auf das Thema Tod. Dazu muß man auch nicht religiös sein. Es ist nicht immer so dramatisch, aber manchmal eben schon. Um damit umzugehen, ist die richtige Mischung aus einer einfühlsamen und einer toughen Seite sehr wichtig. Ein empfindliches Hascherl, das beim Anblick von Blut oder anderen Körperausscheidungen blass wird oder eine Schicki-Micki-Tussi, die sich nur um Frisur und Fingernägel schert, darf man nicht sein. Man muß schon fest im Leben stehen und erkennen, dass das wahre Leben aus weit mehr als schwarz oder weiß besteht, dass es nicht in der High Society, in Hollywood oder im Märchenwald spielt, und dass keine Statistik der Welt dem Wert eines individuellen Lebens mit all seinen Schicksalen, Höhen und Tiefen gerecht wird.

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