„Ich weiß wie du wirklich tickst“ – Ach ja?

Immer wenn ich sehe, dass Menschen meinen, genau über die Bedürfnisse des anderen Geschlechts Bescheid zu wissen, stellen sich 2 mögliche Reaktionen bei mir ein. Amüsiertes Grinsen über soviel Naivität oder genervtes Kopfschütteln über soviel Anmaßung. Oder beides. Selten denke ich „ja genau“.

Einerseits ist es ja nachvollziehbar, möglichst viel und möglichst genau über das Denken und Fühlen anderer Menschen wissen zu wollen. Das bewahrt uns vor bösen Überraschungen und wir können uns darauf einstellen. Ziemlich dumm ist es aber, nur seine eigenen Wünsche auf das andere Geschlecht zu projezieren, und damit zu implizieren, dass alle anderen, die diesem Bild nicht entsprechen, mal eben für nicht normal zu erklären.

Das Prinzip ist dabei denkbar einfach. Das Leben wird durch unzählige verschiedenste Erfahrungen geprägt. Die, die Wünsche bestätigen, festigen das Bild, und die, die es nicht tun, werden ignoriert, und voila, schon steht das Bild. Keiner weiß genau, wie groß die Anzahl der ignorierten Erfahrungen ist. Jener Erfahrungen, die dem Ideal widersprechen. Darüber wird ja nicht gesprochen. Somit sind Aussagen wie „Frauen wollen das so, weil ich solche Erfahrungen habe“ nicht ernstzunehmen. Wenn mir jemand erzählen will, was die heimlichen Phantasien DER Frauen sind, wie SIE ticken und was SIE wollen, weil er meint, dass seine subjektiven Eindrücke und Einzelbeispiele das Nonplusultra sind, und damit aussagekräftiger als die Erfahrungen, Wünsche und das ganzes Leben jener, die es anders sehen… Nun ja, das Recht, denjenigen einfach nicht mehr ernst nehmen zu können, nehme ich mir einfach.
Ich meine, was soll der Unsinn? Wir haben alle unsere persönlichen Vorlieben. Warum muß es auf Biegen und Brechen so hingestellt werden, als seien persönliche Vorlieben der Goldstandard, der auf alle zutrifft? Für mich sieht es eher so aus, als stünde da die gewaltige Angst im Vordergrund, selbst in einer Außenseiterrolle zu stehen.

Nehmen wir mal das schöne klassische Beispiel, dass z.B. behauptet wird, alle Frauen stünden insgeheim auf knallharte Machos und nicht auf weichgespülte Softies, die um jede Erlaubnis fragen. Sie stünden unheimlich darauf, im Bett so „richtig hart rangenommen“ zu werden, so mit allem drum und dran. Schimpfwörter, irgendwelche albernen Befehle usw. Weil wegen Dominanz und so. Stehen ja alle drauf. Jaja. Ein einfaches Beispiel aus dem Leben, das einem immer wieder vor allem in der Blogosphäre begegnet. Abgesehen davon, dass hier meistens unglaubliche Strohmänner abgefackelt werden, werden munter Geschichten erzählt, was angeblich so alles erlebt wurde und das auf die Allgemeinheit übertragen, indem z.B. auf die hohe Zahl an Antworten, Like-Klicks, und andere Verlinkungen, wo ähnliche Beispiele erzählt werden, verwiesen wird. Was ist das denn bitte für eine Aussage? Seit wann sind Geschichten, die irgendjemand erzählt und niemand prüfen kann, oder Klickzahlen, die meistens spielend leicht manipuliert werden können, ein Beleg für irgendwas? Viel wahrscheinlicher ist, dass die allermeisten sich einen Scheiß drum scheren, was da steht, und sich lieber dem eigenen realen Vergnügen widmen, unabhängig von dem, was im Internet propagiert wird.
Und um dem entgegenzuwirken, müssen die eigenen Geschichten so spannend wie möglich ausgeschmückt werden. Es wird detaillreich mit kreativen Vokabeln gearbeitet (ob sie der Wahrheit entsprechen, sei mal dahingestellt, nicht selten wirkt sowas arg konstruiert), damit es so aussieht, als sei diese sexuelle Spielart nun das einzig Wahre, und wer was anderes sagt, hatte eben noch nie wirklich guten Sex. Und als Krönung dazu wird eben von einigen behauptet, dass das ja heimlich alle Frauen so wollen. Aber diese frigiden Feministinnen wissen ja nicht, was gut für sie ist. Joa klar… *gg*.

Ich finds witzig, wie vehement dieses Bild immer wieder in Zement zu schlagen versucht wird. Wer hat sowas nötig? Warum kann man seine Vorlieben nicht einfach genießen, ohne andere damit manipulieren zu wollen? Ich habe noch nie das Bedürfnis gehabt, meine konkreten sexuellen Präferenzen zu verbloggen. Auf welches Geschlecht ich stehe, welche Praktiken ich mag, was, wann, wo, wie, wie oft, womit, mit wem, warum und überhaupt. Erstens gehen sie niemanden was an, und zweitens brauche ich keine Therapie, um mir Bestätigung von anderen zu holen, wie toll und freaky und sexy und super und ach so herrlich typisch weiblich/männlich man doch sei. Das haben meiner Meinung nach nur Menschen nötig, die eben gerade nicht das große Ego haben, das sie darzustellen versuchen. Ich meine damit nicht die, die einfach aus ihrem Leben erzählen. Geschichten aus dem Leben finde ich spannend. Viel spannender als theoretisches pseudoakademisches Gelaber, was klingt, als wäre es nur aus Büchern kopiert. Jeder soll das machen, was er will. Aber ich finde detailliert dargestellte Szenarien, die gern als die Mehrheit aller weiblichen Träume verkauft werden, eher lächerlich, weil man eben oft merkt, wie sie nur konkret darauf abzielen, non-pc rüberzukommen. Sowas wird nicht geschrieben, um was zu erzählen. Sowas wird geschrieben, um zu missionieren und zu polarisieren. Das alte Motto „weniger ist mehr“ zeigt hier mal wieder seinen Wahrheitsgehalt.

Ich reagiere auf sowas schon lange nicht mehr, Widerspruch wird da nämlich selten vertragen. Ist nicht immer so, aber oft. Was mich in meinem Eindruck verstärkt, dass es oft wirklich nur darum geht, ein bisschen Bewunderung und Bestätigung einzukassieren. Und wer es wagt, das nicht zu tun, hat den Rand zu halten. Oder, damit es nicht so böse nach Abwertung klingt oder gar Zensur vorgeworfen werden kann, einfach als Ausnahme abgestempelt. Mit dem Label „Ausnahme“ kann jeder leben. Es tut nicht weh, es beleidigt nicht, aber es stigmatisiert als „nicht normal, du stehst allein auf verlorenem Posten, du bist nicht mehrheitsfähig, die meisten widersprechen dir“. Die eigene Meinung wird damit als bedeutungslos hingestellt. Das ist durchaus eine subtile, und ziemlich hinterfotzige Art der Negierung und Kleinmachung.
Nicht der Mehrheit zu entsprechen, muß aber kein Problem sein, im Gegenteil. Gegen den Mainstream zu schwimmen, kann ein Qualitätsmerkmal sein. Natürlich nur, wenn man es damit nicht übertreibt. Das erkennen aber nur Menschen mit entsprechendem Selbstwertgefühl. Wer ständig versucht, seine Außenseiterposition zum allgemeingültigen Mainstream zu machen, will ja damit nur raus aus der Randzone, rein in die Mitte, wo er nicht mehr auffällt, indem er einfach seine Position allen anderen überstülpt. Ich lasse mir aber nichts überstülpen. Wer mit seiner Randposition nicht klarkommt, sollte besser zu einem Therapeuten gehen, statt andere vollzuquatschen, was sie angeblich heimlich wirklich wollen. Deswegen diskutiere ich gar nicht erst gegen diesen Unsinn an. Nur ab und zu ein Blogpost mit klarem Statement dazu muß schon sein. 😉

Übrigens zeigen solche Menschen, die ich hier meine, starke Parallelen zu gewissen Arschlöchern, über die ich mir schon mal – wenn auch etwas deutlicher – meine Gedanken gemacht habe. Es sind eben scheinbar gewisse Charakterzüge, die zusammenkommen, um einen Menschen zum absoluten Vollhonk zu machen.

7 Kommentare zu “„Ich weiß wie du wirklich tickst“ – Ach ja?

  1. ja, Essentialismus ist selten richtig. Häufungen bei einem Geschlecht sagen nichts über die einzelne Person aus, die sich z.B. an Rande einer Normalverteilung befinden kann.

    man sollte sich aber auch vor dem umgekehrten essentialismus hüten: weil ich nicht so bin, kann dies nicht auf die Mehrheit der Gruppe zutreffen.

    • Meine Aussage war nicht, dass irgendwelche Häufungen nichts über einzelne Individuen aussagen.
      Meine Aussage war unter anderem, dass sich manche Randgruppenindividuen gern als die Norm hervortun und diese angebliche Norm auf andere übertragen. „Ich allein hab die Erleuchtung, wie Menschen glücklich werden. Deswegen muß es normal sein, wie ich ticke. Und wer widerspricht, belügt sich selber. Wie, du tickst definitiv anders? Außenseiter du“.

  2. Irgendwie sagst du in dem Text soo viele Dinge, da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll…

    1. Du schreibst, dass du der Meinung bist, dass es nicht sein kann, dass Menschen genau über die Bedürfnisse des anderen Geschlechts Bescheid wissen. Das sehe ich auch so bzw. würde ich aber noch erweitern. Auch über die Bedürfnisse des eigenen Geschlechts kann man nicht genau Bescheid wissen. Genau genommen nur über seine eigenen Bedürfnisse bzw. über die der Leute, die ihre mit einem selbst teilen.
    Denn ich erlebe es leider auch oft von Frauen, dass mir unterstellt wird, ich wäre manipuliert und wüsste gar nicht was ich will. Dieses von oben herab (egal, ob von Mann oder Frau) regt mich auf.

    2. Ich habe kein Problem mit meiner „Randposition“ bei gewissen Dingen. Ich will auch gar nicht, dass jeder alles toll und super findet, was ich mache oder irgendwem was überstülpen. Aber ich schreibe dennoch über gewisse Themen auf meinem blog bzw. werde das auch in Zukunft tun. Aus zwei Gründen: erstens sehe ich keinen Grund, dass das Thema Liebe und Sex als völliges Tabu dasteht und nicht beschrieben werden sollte wie jedes andere Persönliche auch.
    Und zweitens will ich natürlich missionieren 😉 Ja, verdammt! Ich will niemanden überzeugen, dass mein Art der Sexualität das einzig Wahre ist und es anders nicht geht. Aber ich will, dass niemand mehr sagt, dass ich krank, pervers oder sonstwas bin. Ich möchte Akzeptanz und die gleichen Rechte wie alle aneren auch. Genau deshalb schreibt man nunmal auch aus einer Randposition zum Thema. Ein „das ist zwar nichts für mich, aber ich kann es akzeptieren“ ist was ganz anderes als ein „Du bist pervers, mit dir möchte ich nicht zusammenarbeiten“ zum Beispiel.

    • @ Miria
      Fühlst du dich davon angesprochen? War nicht meine Absicht. Hatte bei deinen Texten noch nie den Eindruck, dass du deine Sexualität über andere erhebst und meinst, zu wissen, was andere wollen. Etwas über sich zu erzählen ist was anderes, als von sich auf andere zu schließen.

  3. @onyx: Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich mich angesprochen fühlen sollte oder nicht. Denn einerseits – wie du schon richtig erkannt hast – würde ich niemals davon ausgehen, dass mein Weg gleichzeitig der Richtige für alle sein muss, aber andererseits hat dein Text bei mir teilweise den Eindruck erweckt, dass du da nichts von hälst, wenn generell über das Thema auf blogs geschrieben wird (und in dem Bereich habe ich mich dann schon wieder angesprochen gefühlt).

    Liebe Grüße,
    Miria

    • Nö, so war das nicht gemeint. Kommt immer auf das WIE an. Von mir aus kann jeder sein Onanie-Tagebuch und seine geheimen Phantasien mit einem halben Kilo frischem Mett und heißem Apfelkuchen verbloggen. Wäre sicher lustig. Solange es als das betrachtet wird, was es ist. Ein Einblick in die zutiefst persönliche Intimsphäre, und nicht als stellvertretender heimlicher Wunsch irgendeiner fiktiven Mehrheit.

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