Abgeschoben…

Ich hatte letztens mal eine Diskussion mit einer Kollegin, die ihrerseits von einer Freundin berichtet hat, die jahrelang ihre Mutter zu Hause gepflegt hat, bis sie nicht mehr konnte und die Versorgung der Mutter schließlich in eine Pflegeeinrichtung abgegeben hat. Die Mutter litt zunehmend an Demenz, verstand den Sinn der täglichen Pflege nicht mehr, richtete ständig Chaos im Haushalt an, wenn die Tochter nicht aufpasste. Sie konnte nicht mehr arbeiten gehen, weil die Mutter rund um die Uhr Betreuung brauchte. Das wollte sie nun ändern und brachte die Mutter in ein Heim.

Nun trat etwas ein, was häufig vorkommt. Sie fühlte sich schuldig, ihre Mutter abgeschoben zu haben und fragte sich, ob sie „eine schlechte Tochter sei“. Schließlich habe die Mutter ihr ganzes Leben lang alles für sie getan und sie sei zum Dank jetzt so egoistisch. Sie ließ die Pflegekräfte ihre Schuldgefühle spüren, indem sie einfach nicht loslassen konnte. Sie besuchte ihre Mutter fast täglich, übernahm einen Teil der Pflege selbst. Brachte sie zur Toilette, gab ihr Essen etc. Ob aus schlechtem Gewissen oder weil sie Schwierigkeiten damit hatte, den Pflegekräften zu vertrauen und glaubte, sie würden die Mutter nicht so gut pflegen können wie sie, kann ich nicht sagen. Das wußte sie wahrscheinlich selbst nicht so genau.

Dieser Zustand ist keine Seltenheit. Geplagt vom schmalen Grat zwischen Überforderung und schlechtem Gewissen ringen viele Menschen lange mit sich selbst, ob sie die Pflege ihrer Angehörigen in fremde Hände geben sollen

Ich sehe in dieser Entscheidung eine große Verantwortung. Sich einzugestehen, dass man überfordert ist, anderen – fremden Menschen einen geliebten Menschen anvertrauen, sich selbst eine Auszeit gönnen. Das ist keine Entscheidung, die leichtfertig getroffen wird. Den Begriff des Abschiebens finde ich daher völlig unangebracht. Wenn ich mir vorstelle, dass ich nach ein paar Stunden Feierabend habe und nach Hause kann, dagegen aber pflegende Angehörige ihre Pflegearbeit rund um die Uhr leisten, kann ich nur meinen größten Respekt vor diesen Menschen zum Ausdrucke bringen.
Ich habe eine Zeit lang in einem ambulanten Pflegedienst gearbeitet und Menschen in ihrem privaten Umfeld unterstützt, die einen Angehörigen zu Hause versorgt haben. Die allermeisten lebten mit ihren Ehepartnern oder Eltern zusammen, pflegten ein fast freundschaftliches Verhältnis mit uns und legten großen Wert auf eine gute fachliche und vertrauenvolle Zusammenarbeit.

Es gab aber auch andere Fälle. Was man teilweise für Zustände sah, war erschreckend. Wo die gehbehinderte Mutter in einem winzigen dunklen Zimmer unter dem Dach lebte, wo sie nie allein wegkam, weil sie die Treppe nicht runter konnte. Wo der Vater in einem zugigen Zimmer den ganzen Tag im Bett lag, wo sich der Schimmel an den Wänden ausbreitete. Wo ein Mann ganz allein in seiner völlig verdreckten Wohnung vor sich hingammelte, an diesem Zustand auch nichts ändern wollte und auch die Hilfe bei der Körperpflege nur widerwillig zuließ. Klamotten und Waschlappen wechseln wollte er genauso wenig, wie Müll runterbringen. Ein demenzkranker Mann, du dem wir grundsätzlich nur zu zweit gehen durften, weil er für seine gewalttätigen und sexuellen Übergriffe bekannt war, worunter auch seine Frau schwer zu leiden hatte. Eine Diabetikerin, die sich quasi nur von Schokolade ernährte, die ganze Wohnung auch so aussah und sie auch nicht einsah, daran irgendwas zu ändern und auf alle Regeln des Arztes pfiff.
Es ist schwierig, solche Situationen zu sehen und nichts daran ändern zu können. Es gibt hier eine goldene Regel: Jeder hat das Recht zu vergammeln, und niemand kann gegen seinen Willen zur Sauberkeit gezwungen werden. Natürlich gibt es auch hier Grenzen, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht, aber generell darf jeder so leben wie er will. Hier stelle ich es mir besonders anstrengend für die Familie vor, mit diesen Menschen zusammenzuleben. Auch wenn es eine Menge Hilfsangebote gibt von Sozialverbänden, Kirchen, Wohlfahrtsvereinen, Pflegekassen etc, bleibt der größte Teil der Anstrengung bei den Angehörigen bestehen.

Es geht übrigens – besonders unter Menschen, die diese Arbeit nicht zu schätzen wissen – das Gerücht um, dass die meisten Pflegebedürftigen in Heimen leben. Auch schon mal gepaart mit dem spöttischen Unterton, dass es eine absolute Ausnahme darstellen würde, wenn sich Menschen so aufopfern, sondern die meisten die Arbeit und den Menschen eben abschieben. Das mag angesichts der vollen Heime und der Tatsache, dass immer neue Heime aus dem Boden sprießen den Anschein haben, ist aber nachweislich falsch.

Von allen Pflegebedürftigen in Deutschland werden gerade mal 30% stationär gepflegt. 70% leben zu Hause und werden dort versorgt.
Wen es nach konkreten Zahlen dürstet, der sei auf Destatis verwiesen. Die Grafik dort zeigt deutlich die Pflegesituation aus dem Jahr 2011

Der Sozialverband VdK spricht eine ähnliche Sprache:

Deutlich mehr Pflegebedürftige – Hauptlast tragen Angehörige

Immer mehr Menschen sind in Deutschland auf Pflege angewiesen – die Hauptlast tragen ihre Angehörigen. Über zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, berichtete das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden. Ende 2011 waren das 1,76 Millionen von insgesamt zweieinhalb Millionen Alten, Kranken und Behinderten.

30 Prozent der Menschen, die als pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes gelten, werden in Heimen betreut: 743.000 Personen. Von den 70 Prozent, die zu Hause versorgt werden, stemmen die Angehörigen in 1,18 Millionen Fällen die Pflege allein. Nur 576.000 bekamen in ihren eigenen vier Wänden – zusätzlich oder ausschließlich – Hilfe von ambulanten Pflegediensten.

Im Vergleich zu 2009 ist die Zahl der Pflegebedürftigen in Heimen um 3,6 Prozent gestiegen. 3,8 Prozent mehr Menschen werden durch ambulante Dienste in Privatwohnungen betreut. Wie stark die Zahl derjenigen gewachsen ist, die ausschließlich durch Angehörige versorgt werden, ist laut Destatis statistisch schwer zu erfassen.

Stützt man sich auf die Daten der Pflegekassen, könnten es rund zehn Prozent mehr sein. Daten des Bundesgesundheitsministeriums zu den Leistungsempfängern der Pflegeversicherung zeigen einen viel geringeren Zuwachs um zwei Prozent. Ursache seien Änderungen bei der Datenmeldung.

Mehr als ein Drittel der zu Pflegenden ist älter als 85 Jahre. Da Frauen älter werden, sind 65 Prozent aller Pflegebedürftigen weiblich.

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