„Nicht genug gewehrt“, „nicht geflüchtet“, „von Einwilligung ausgegangen“ … – Warum Vergewaltigungsverfahren eingestellt werden

Da man immer wieder das hartnäckige Gerücht hört, dass Vergewaltigungsmythen längst der Vergangenheit angehören, oder wahlweise auch, dass diese gar nicht existieren, finde ich es interessant, welche offiziellen Begründungen es gibt, dass Verfahren eingestellt wurden. Ein paar Beispiele solcher Begründungen findet man z.B. hier.

“in vorgenannter Angelegenheit überreiche ich Ihnen den Einstellungsbescheid gegen … Auch hier kommt die Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis, dass ein Fortführen der Sache wenig Aussicht auf Erfolg hat. Ich bin die, mir vorliegende, Akte durchgegangen und der Gewaltmoment fehlt und daher wird es zu keiner Verurteilung kommen.”

Mythos: Vergewaltigung geht immer mit körperlicher Gewalt einher.
Immerhin aber eine ehrliche Aussage, mit der der betroffenen Person wahrscheinlich endgültig jeglicher Mut genommen wird.

“Der Aufforderung, ihn zu streicheln, sei sie nachgekommen, “um endlich Ruhe zu haben”. Ebenso habe sie auf Aufforderung die Augen geschlossen. Nur ihre Hand habe sie immer wieder weggezogen.”

“Da sie auch Möglichkeiten zur Flucht nicht nutzte und Aufforderungen zur Mitwirkung nachkam, muss aus subjektiver Sicht davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte Ihre Mandantin zwar für schüchtern und verspannt hielt, jedoch von ihrer Einwilligung ausging”.

Nachfolgende Erklärung dazu der betroffenen Person:

Nachdem ich versucht hatte, ihn nicht zu streicheln, hatte er meine Hand ergriffen und mich so dazu gebracht, ihn zu streicheln. Er sagte dabei, dass ich meine Augen schließen sollte, dann bräuchte ich nicht sehen (wie er sich mit meiner Hand befriedigte) und dann wäre das einfacher für mich. Ich hatte irgendwann nachgegeben, weil ich keine Kraft mehr hatte und weil ich dachte, dass er mich vielleicht gehen lässt, wenn ich das getan habe. Es blieb aber nicht dabei.

Mythos: Wer sich nicht nach Leibeskräften wehrt und um sich schlägt, macht freiwillig mit.

“Zwar hatte der Beschuldigte zu diesem Zeitpunkt offenbar erkannt, dass Sie, wie er es ausdrückte, tatsächlich “keine Lust” hatten, jedoch musste er daraus nicht den Schluss ziehen, dass Sie keinerlei weitere sexuelle Handlungen mehr dulden wollten.”

Mythos: Nein heißt nicht nein
Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wer erkennbar keine Lust hat, kann nicht erwarten, dass der andere, obwohl er den Unwillen bemerkt, folgerichtig seine sexuellen Handlungen auch unterbricht. Die betroffene Person könnte ja ihre Meinung auch geändert haben.

“Es ist aus Ihren Schilderungen nicht erkennbar, dass der Beschuldigte durch körperliche Kraftentfaltung Ihren Widerstand gegen diesen Oralverkehr brach und wusste, dass Sie nur aufgrund seiner Kraftentfaltung den Oralverkehr duldeten. Das Ergreifen Ihres kopfes kann nicht als Gewaltanwendung gewertet werden, die der Beschuldigte einsetzte, um die Durchführung des Oralverkehrs zu ermöglichen.”

Kommentar dazu:

Es soll keine Gewalt sein, wenn man am Kopf so gepackt wird, dass man kaum mehr Luft bekommt, sich nicht mehr bewegen kann, den Mund nicht mehr zu bekommt, und dass man nur schwindelig und fast ohnmächtig ist?

Und merkt ein Mann in der Situation wirklich nicht, dass die Frau nicht will?

Am liebsten würde ich jetzt den Tipp geben: Einmal herzhaft zubeißen! Aber richtig!
Aber das bringt Betroffenen, die sich vor Angst kaum rühren können, wenig.

“Sie empfanden die Handlungen des Beschuldigten als abstoßend und verkrampften sich für ihn erkennbar. Dass der Beschuldigte dennoch weiterhin versuchte, den Vaginalverkehr durchzuführen und dabei auch oberflächlich eindringen konnte, stellt jedoch keine gewaltsame Erzwingung dieser sexuellen Handlung dar. Es kann dahingestellt bleiben, ob das Spreizen Ihrer Beine durch den Beschuldigten objektiv eine Gewaltanwendung im Rechtssinne darstellt.”

Ohne Worte. Was muß alles passieren, damit der Gewaltakt auch als solcher anerkannt wird? Muß Blut fließen? Muß das Opfer tot sein?

5 Kommentare zu “„Nicht genug gewehrt“, „nicht geflüchtet“, „von Einwilligung ausgegangen“ … – Warum Vergewaltigungsverfahren eingestellt werden

  1. Du fragst, was passieren muss. Die Antwort ist doch ganz einfach. Um geschilderte Fälle wirklich als Gewaltakt anzuerkennen, müssen Gesetze geändert werden. Denn die Vergewaltigung wird nur als eine solche gewertet, wenn objektiv „Gewalt“ mit im Spiel ist (ich meine selbst Worte spielen dabei wenn überhaupt eine untergeordnete Rolle).

    Um also alle genannten Arten von Vergewaltigung zu erfasen müssen die Gesetzte entsprechend angepasst werden, sonst haben Staatsanwaltschaft und Richter überhaupt keine Chance hier anders zu handeln, da diese sich nach den bestehenden Gesetzen richten müssen.

    Natürlich würde sich selbst nach geänderten Gesetzen immernoch die Frage nach der Beweismöglichkeit stellen. Meist sehr schwierig eine solche Situation zu beweisen, wenn nur zwei Menschen vor Ort sind.

    Viele Grüße,
    Miria

  2. Du willst also, dass Männer verurteilt werden, die weder Gewalt anwenden, noch mit Gewalt drohen? Das Ende des Rechtsstaats.

    Und ach ja, es fehlt ein Mythos: „Frauen lügen bei sowas nicht“ *hust*

  3. @Onyx

    Und du denkst, das hilft?

    Also, als mir damals der Rucksack samt Handy und Schlüssel geklaut wurde, musste ich nicht nachweisen, dass ich mich ausdrücklich dagegen ausgesprochen habe, dasss man mir diesen Rucksack wegnimmt. Mir wurde auch nicht unterstellt, mich bloß wichtig machen zu wollen, die Situation falsch eingeschätzt zu haben oder die Tat provoziert zu haben. Mir wurde von Anfang an geglaubt, als ich diese Anzeige gemacht habe.

    Als ich jedoch dirverse andere Anzeigen gemacht habe, auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte, sah das schon ganz anders aus.

    Und ja, es gibt da auch Falschanzeigen. Wie bei jeden anderen Straftaten auch. Aber ich weiß ja, dass das was gaaaaaanz anderes ist *augen roll*

  4. Dass Gerichte überhaupt glauben, dass Kontakte zwischen Männern und Frauen nur zum Zweck des nachfolgenden GV stattfinden, welcher dann durch die Frau immer als Opt-Out („Nein!“ oder Gegenwehr) dem Mann signalisiert werden muss, ist beknackt. Es impliziert, dass Frauen per sé verfügbar sind.
    Davon mal abgesehen, dass die Meinung vorherrscht, dass *jede* Frau mit einem Mann will, denn das ist die biologistische Vorstellung einer sexistischen Mann-Frau-Paar-Gesellschaft.

    Wer über wen körperlich verfügen kann, bestimmen Gesetze, die sich seit Jahrhunderten kaum geändert haben. Die Einstellung der bürgerlich-konservativen Gerichte genauso.

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