Gefühlsecht: Ohne ist es einfach viel schöner! – Mein Leben mit dem #Waagnis

Da flatterte heute Mittag, kurz bevor ich zur Arbeit ging, wiedermal ein neuer Hashtag in meine TL und mein erster Gedanke war „huch? Waage entsorgen? Wie jetzt?“

Man wurde unter anderem bei kleinerdrei, bei Kommander Kaufmann und bei Ninia aufgefordert, seine Waage zu fotografieren, zu entsorgen und das ganze zu verbloggen.

Ich kann keine Waage fotografieren. Weil ich schon sehr lange keine mehr habe. Eigentlich noch nie eine eigene besessen habe.

Mein „Waagnis“ begann unbewußt bereits vor etlichen Jahren. Mit dem Tag, an dem ich das elterliche Haus verließ, um meine eigenen Wege zu gehen.
Was ich mitnehmen wollte, beschränkte sich auf die üblichen Dinge, auf die ich nicht verzichten mochte, bzw die ich mir einfach nicht neu kaufen wollte. Klamotten, CDs, PC, ein paar Möbel, persönlicher Kram. Waage? Nein, wozu? Ich setzte meine Prioritäten damals schon anders. Ich war früher schon kein Fan von dem Körperkult, mich täglich zu wiegen, habs auch selten getan. Hab keinen Sinn darin gesehen. Warum sollte ich meine Tageslaune von einer Zahl abhängig machen? Außer in einer blöden pubertären Diätphase, die wohl jeder mal durchmacht, bin ich diesem Wahn nie verfallen. Wenn ich an verschiedene Klassenkameradinnen zurückdenke, die sich gegenseitig verzweifelt in die Taille gekniffen und ihre imaginären Speckröllchen gezeigt haben, kann ich mich noch gut daran erinnern, sie verwundert gefragt zu haben, wo eigentlich deren Problem ist. „Ich hab schon wieder 1 Kilo zugenommen!!“ war für die ein Outing mit Spießrutenlaufängsten.

Klar ist das Körpergewicht ein ständiges Thema. Zum Teil ja auch ein Gesundheitsrelevantes. Aber das hat für mich eben nichts mit der Zahl auf der Waage zu tun. Ich habe mein Körpergefühl, das mir zuverlässiger als jede Waage mitteilt, ob bei mir alles ok ist oder nicht.
Wenn mich jemand nach meinem aktuellen Gewicht fragt, kann ich ihm keine Antwort geben. Ich weiß es nicht. Dass ich keine Victoria-Secrets-Figur habe, weiß ich und das ist völlig in Ordnung so. Wer damit nicht zurechtkommt oder mich deswegen nicht mag oder unattraktiv findet, hat ein Problem, nicht ich. Das eine oder andere Kilo kann es immer weniger sein, aber daraus mache ich keinen Lebensinhalt. Wirklich nicht. Das Leben ist einfach zu kurz, um es mit Dingen zu vergeuden, die einem nicht wichtig sind oder nicht gut tun.

Ja das klingt alles ganz cool und abgeklärt. Ganz so ist es natürlich nicht. Auch ich bin anfällig für geschmacklose Werbung, die mir erzählen will, dass man maximal 55 kg wiegen darf, um gut auszusehen. Oder dass man nur schweineteure Zaubermittelchen der Firma XY kaufen soll, und schwuppdiwupp hat man 5 Kilo in 3 Tagen verloren… Naklardoch.
Was heißt anfällig. Es nervt mich einfach. Es nervt mich, dass mir aufdiktiert werden soll, wie ich auszusehen habe. Gesunde Ernährung (zumindest das Bemühen darum; eine kleine Sünde ab und zu darf auch kein Weltuntergang sein), ok. Ein bisschen Bewegung, ok. Weitgehender Verzicht auf Lebensverkürzer wie McDriss & Co, ok.
Aber Schlankheitswahn um jeden Preis? Ständige Gewichtskontrollen? Panik und schlechtes Gewissen nach einer Kalorienorgie? Fuck off!

Nun ist es nicht so, dass in mir eine Revolution ausgebrochen ist. Es hat sich über viele Jahre hinweg in meinem Welt- und Menschenbild so ergeben, dass ich es einfach abartig und grotesk finde, den Wert, die Attraktivität und die Liebenswürdigkeit eines Menschen an der Zahl auf der Waage festzumachen. Dieses engstirnige Weltbild, was einem sämtliche Werbebotschaften immer noch vermitteln, kann man ja nur ablehnen, wenn man nicht total gehirngewaschen ist.

Somit ist mein Waagnis eigentlich kein Waagnis, sondern eine generelle Lebenseinstellung.

Für mich ist dieses #Waagnis nur ein Symbol, das etwas versinnbildlicht, womit viele Menschen schon ihr Leben lang kämpfen, oder was andere einfach schon ihr ganzes Leben lang leben. Das Rad wurde hier also nicht neu erfunden. Die Idee mag für andere eine willkommene und wohltuende Revolution sein. Für wieder andere ein Ding der Unmöglichkeit, weil sie vielleicht tatsächlich die Kontrolle brauchen, um sich gut zu fühlen oder um Sicherheit zu haben. Für mich ist sie seit Langem gelebte Selbstverständlichkeit.

2 Kommentare zu “Gefühlsecht: Ohne ist es einfach viel schöner! – Mein Leben mit dem #Waagnis

  1. Pingback: Nach dem #waagnis | Kleinerdrei

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