chemische Fixierung – Alltag in Pflegeheimen

Über den gestrigen Beitrag „Schicksal Demenz – rechtlos und ausgeliefert“ möchte ich ein paar Worte loswerden.
Es geht um Kritik an den Zuständen in Pflegeheimen, wie die Bewohner dort apathisch vor sich hin vegetieren, chemisch fixiert mit Psychopharmaka. „Chemisch fixiert“, weil durch die starke Medikamentenwirkung der natürliche Bewegungs- oder Mitteilungsdrang zum Teil drastisch eingeschränkt wird. Pflegepersonal und Ärzte sind schlicht überfordert mit demenzkranken Bewohnern mit ihren individuellen krankheitsbedingten Verhaltensänderungen und greifen daher auf medikamentöse Ruhigstellung zurück. Das passiert natürlich nicht grundlos und einfach so, sondern aus Eigen- und Fremdschutz. Wer keinen Bewegungsdrang mehr verspürt und nur noch ruhig sitzt, fällt auch seltener hin. Diese Rechnung geht allerdings oft nicht auf, denn ein völlig benebelter Bewohner, der dennoch einen Bewegungsdrang verspürt – und das ist nicht selten – fällt natürlich noch öfter hin. Wer nicht ständig ruhelos durch die Gegend zieht und alles in die Hand nimmt und damit spielt, was nicht niet- und nagelfest ist, ist generell weniger Gefährdungen ausgesetzt. Wenn Aggressionen zurückgefahren werden, werden auch andere Menschen dadurch geschützt. Wer sich nicht immer lautstark mitteilt, verbreitet auch keine Unruhe oder Aggression bei anderen Bewohnern, die sich das den ganzen Tag anhören müssen.
Aber die Nebenwirkungen bleiben eben auch nicht aus. Teilnahmslosigkeit, völlige Apathie, Müdigkeit sind da noch harmlos.

Das alles ist die Folge der völlig unrealistischen und menschenunwürdigen Berechnung dessen, wie viel die Pflege und Betreuung eines alten kranken Menschen Wert ist. Berechnet werden hier ja nur rein mechanische Handlungen. Wie lange dauert das Waschen, das Kämmen, das zur Toilette bringen, dass Essen verabreichen, das Umziehen, etc. Je mehr Minuten hier zusammenkommen, desto höher die Pflegestufe. Wie lange es aber dauert, mit einem Menschen zu reden, ihm Zuwendung zu geben, wie viel Zeit, Kraft und Nerven es kostet, aggressive Bewohner zu besänftigen, unruhige Bewohner zu beruhigen, depressive und ängstliche Bewohner zu trösten, bewegungsintensive Bewohner nicht ständig zu bremsen sondern in ihrem Drang zu begleiten, allgemein demenzkranke Bewohner zu verstehen, diese Leistungen werden zwar in der Pflegebegutachung mit berücksichtigt, allerdings nur sehr unzureichend. Denn diese Leistungen lassen sich nicht im Minutentakt beurteilen, da sie eigentlich eine 24-Stunden-Bereitschaftsleistung darstellen.
Wen wundert es da, dass auf medikamentöse Behandlung ausgewichen wird, wenn alternative, nichtmedikamentöse Behandlungs- und Betreuungsmöglichkeiten rein rechnerisch gar nicht vorgesehen sind, also auch nicht bezahlt werden?
Es gibt verschiedene Betreuungsansätze, die speziell für demenzkranke Menschen entwickelt wurden. Diese bedürfen allerdings einer speziellen kostenintensiven Zusatzausbildung, die in der herkömmlichen klassischen Pflegeausbildung nicht oder nur grob im Ansatz enthalten ist. Hier ist meiner Meinung nach eine grundsätzliche Reform nötig, um den so händeringend gesuchten qualifizierten Pflegekräften mehr als nur ein solides Grundwissen, sondern eine gezielte Qualifizierung zu vermitteln, da das Thema Demenzbetreuung ein Thema mit Zukunft ist. Damit das Bild des Pflegeberufes „Arschputzen kann jeder, dafür braucht es keine Ausbildung“ endlich vom Tisch gefegt wird, weil es einfach nicht mehr zeitgemäß ist, noch nie war.
Solange das nicht der Fall ist, werden Bewohner eben der „Einfachheit halber“ mit Psychopharmaka ruhig gestellt. Der Unmut der Angehörigen, die sich um ihre Eltern, Großeltern oder Ehepartner sorgen, ist absolut nachvollziehbar. Aber ich frage nochmal, wer wundert sich darüber?

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