#Aufschrei – Es hat sich nichts geändert

Könnt ihr euch noch an die Zeit Ende Januar erinnern? Eine Handvoll Twitterinnen unterhielten sich über ihre Erlebnisse mit sexuellen Übergriffen, Belästigungen und Street Harassment. Eins kam zum anderen und #Aufschrei wurde geboren. Was dann folgte, hat so ziemlich jeder mitbekommen, der nicht gänzlich von der medialen Zivilisation abgeschnitten ist.

Man (oder zumindest ich) hatte damals das Gefühl, dass eine Welle in Gang gesetzt wurde, die in den Köpfen hängenbleibt. Genug Empörung gab es ja. Unzählige (unterirdisch schlechte, aber auch viele sehr gute) Debatten wurden geführt, unzählige Aufklärungen gab es, nachdem den TeilnehmerInnen, die sich am #Aufschrei beteiligt haben, originellerweise vorgeworfen wurde, alle Männer in Sippenhaft zu nehmen, keinen Humor zu haben, sich nicht zu zu wehren, und warum dürfen Männer jetzt eigentlich nicht mehr flirten und überhaupt.

Trotz der vielen Aufklärungen hat sich daran aber kaum was geändert. Noch immer werden Geschichten lächerlich gemacht und verharmlost, wenn Frauen über sexuelle Übergriffe erzählen. Noch immer stehen die unsäglichen Vorwürfe der „Mitschuld“ im Raum. Noch immer wird herumfabuliert, dass das alles auch ein Flirt gewesen sein könnte. Noch immer wird ausgewichen, entschuldigt, relativiert und wild herumspekuliert.

Ich frage mich, sind diese Blitzbirnen wirklich zu blöd, das Thema zu verstehen, zu ignorant, Dinge außerhalb ihrer selektiven Wahrnehmung so zu akzeptieren, zu empathiebefreit, um es einfach mal so hinzunehmen, dass nicht jede Interaktion mit anderen Menschen einen legitimen Kontaktversuch darstellt, zu mitteilungswütig, um einfach mal die Klappe zu halten, wenn sie nichts themenrelevantes zu sagen haben, sondern nur auf Nebenschauplätze ausweichen können, oder schlicht zu misogyn um einzusehen, dass sexuelle Übergriffe gegen Frauen nichts ist, was sich Frauen nur einbilden oder insgeheim gar wünschen?

Wenn eine Person erzählt, dass ihr etwas widerfahren ist, was für sie unangenehm oder schrecklich war, who – the – fuck! – hat dann das Recht, dieser betroffenen Person ihre Wahrnehmung abzusprechen – „aber vielleicht war es ja auch ganz anders…“?! Es kotzt mich regelmäßig an, wie sich Menschen anmaßen, persönliche und intime Dinge verurteilen zu können, die andere Menschen von sich preisgeben, nur weil es praktischerweise immer irgendwelche ominösen Bekannten gibt, die man aus dem Ärmel ziehen kann, die beschriebene Situationen so gar nicht schlimm finden. Na klar. Der eigene Mikrokosmos ist ja immer aussagekräftiger, nicht wahr?

Das sind Dinge, die Rape Culture fördern. Auch wenn der Begriff gern genauso lächerlich gemacht wird, wie Erlebnisberichte sexueller Übergriffe selbst. Das relativieren und verharmlosen von Dingen, die die betroffenen Personen als schlimm und Einschränkung ihrer Lebensqualität wahrnehmen ist genau Teil dessen: Rape Culture.

Wenn wir daneben die Fakten betrachten, dass nur ein geringer Prozentsatz aller begangenen Sexualdelikte angezeigt werden, von denen wiederum nur ein lächerlicher einstelliger Prozentsatz verurteilt werden, kann man sich schnell zusammenreimen, warum das so ist.

Herzlichen Glückwunsch.

#Aufschrei

17 Kommentare zu “#Aufschrei – Es hat sich nichts geändert

  1. Du hast ja schon einige Gründe genannt, warum manche Männer wohl handeln wie sie handeln.
    Nachvollziehen kann ich die Handlungsweise dieser Männer gar nicht und ich verurteile das auch.

    Aber obwohl immer mehr Menschen aufzuwachen scheinen… – es sind immer noch zu wenige.

    Die Gesellschaft geht den Bach runter – mein Gefühl. Gewisse Werte werden nicht mehr an Kinder vermittelt, soziale Kälte und Einzelkämpfertum nehmen zu bzw. werden gefördert, Menschenwürde wird mit Füßen getreten, usw.

    Und wenn der Bericht hier http://naturheilt.com/blog/dumm-durch-energy-drinks-kaffee-cola/ Hand und Fuß hat, wird es eher noch schlimmer werden, denn durch die Energy Drinks, die offenbar immer beliebter werden, wird sich das wohl noch weiter verschärfen, denn der Mix in den Drinks scheint bei übermäßigem Genuß nicht nur einfach dumm zu machen, sondern individuelles und soziales Verhalten wird regelrecht geschädigt.

    Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen sich in Alkohol und Drogen flüchten, weil sie diese Welt nüchtern immer weniger ertragen können.

    Bei einer zu hohen Testosteronkonzentration im Blut über eine gewisse Zeit sterben ebenfalls Gehirnzellen ab.

    Verblödung, Enthemmung, geschädigtes Sozialverhalten, Respektlosigkeit, Leute die ihre Triebe nicht kontrollieren können, Männer die Frauen verachten, Männer, die fürchten die Kontrolle über Frauen durch Emanzipation und Feminismus zu verlieren, Männer, die sich in ihrem Mann-sein verunsichert fühlen (übrigens auch durch sexistische Männer verschuldet und nicht nur durch Emanzipation und Feminismus), und, und, und…

    Das sind alles keine Entschuldigungen, aber es passiert. Leider.

    Wie und womit kann man diese Menschen erreichen, damit sie endlich verstehen? Ist es überhaupt möglich, dass diese Menschen unter vorgenannten Bedingungen verstehen können?

    Aus Erfahrung weiß ich leider auch, dass Menschen oft auch nicht verstehen wollen, sie wollen nicht sehen, wollen alles so beibehalten wie es ist. Dann müssen sie sich nicht mit sich selbst auseinander setzen.

    Zum Glück sind ja nicht alle Männer Sexisten, sondern nur ein Teil.
    Aber es sind viel zu viele.

    Was also tun?

  2. Es ist echt zum Heulen – ich meine,e s war ja klar, dass da nicht sofort die ganze Gesellschaft umschwenkt. Aber man hatte doch gehofft, dass sich da ein bisschen mehr rührt.

    Warum sind eigentlich alle Männer beleidigt? Wenn sie Frauen nicht so behandeln, wie es kritisiert wird, müssen sie sich doch gar nicht angesprochen fühlen oder? Wenn sie es natürlich okay finden, jede Frau erstmal als potenzielle Sexualpartnerin anzusehen, ihr ungefragt an intimen Körperteilen zu fassen, sie auf ihr Frau-Sein zu reduzieren, sie einfach dumm und respektlos anzumachen und anstatt einzulenken und mal das eigne Verhalten zu überdenken, sich vielleicht mal zu entschuldigen und es beim nächsten Mal besser zu machen – nein, dann ist es die Frau, die das falsch verstanden hat, keinen Humor hat, empfindlich ist etc… kennen wir ja nun alles inzwischen. Wenn sie das selber so machen oder so tolerieren, wenn andere das in ihrer Umgebung machen, ja klar, dann fühlen sie sich irgendwo getroffen und bellen. Nirgendwo steht, dass alle Männer so sind, es gibt auch genug, die sich nicht so verhalten, genauso, wie es Frauen gibt, die sexistisch sind. Aber gleich mal aufzuspringen und gesellschaftliche Misstände zu leugnen, zu verharmlosen und zu rechtfertigen – das ist nicht der beste Ansatz für eine Lösung.

    Aber wenn das für die so in Ordnung ist, sagt das ja auch etwas über sie aus. Nämlich, dass das für sie schon okay so ist und dass sie die betroffenen Menschen entweder nicht wahrnehmen oder nicht ernst nehmen in ihren Empfindungen und ihnen die Grenzübetretungen egal sind. Solange es halt nicht ein anderer Typ mit der Freundin/Schwester macht, da gehts dann plötzlich los. Finde ich total verlogen, sich dann zu ereifern. Ist aber ebenso mies, wenn das keine reaktion auslöst, wenn die Freund/Schwester traumatisiert/verstört ist und man ihr noch sogenannte gute Tipps gibt, was sie denn hätte anders machen sollen oder man überhaupt nicht reagiert. Und sie damit nicht ernst nimmt.

    Wenn Männer etwas gegen Sexismus tun wollen, können sie damit anfangen, dass sie sexitsiche Reden und sexistisches Verhalten nicht dulden, sondern dagegen sprechen und Betroffene ernst nehmen und ihr nicht absprechen, was ihnen was passiert ist und wie es ihnen damit geht.

    Wir alle können was tun- und wir sollten alle etwas tun. Es betrifft uns alle. Und es kann nicht sein, dass eine Bevölkerungsgruppe dauernd Angst haben muss, bedrängt und beleidigt zu werden und dann noch nicht mal Hilfe bekommt, und ihr die eigne Wahrnehmung abgesprochen bekommt

    Traurig, wenn es echt manchen Leuten egal ist – das sagt wirklich einiges über ihn aus.
    Und zwar nicht gerade das Beste.

  3. Was #aufschrei nicht verbessert hat: die Situation von Frauen die durch heterosexuelle *Täterinnen* Übergriffe (im Alltag, in Behandlungssituationen etc.) erleben müssen.

    Daran schuld ist auch Rape-Culture und langanhaltende feministische Vorurteile: nur Männer sind Täter.
    Täterinnen interessiert keineN.
    Die Geschädigten Frauen dürfen Spießrutenlaufen in Therapien und sich belächeln, verspotten lassen.

    Es ist zum Kotzen wie sich alles auf Männer bezieht.

    • @ L.

      „Täterinnen interessiert keineN.
      Die Geschädigten Frauen dürfen Spießrutenlaufen in Therapien und sich belächeln, verspotten lassen.“

      Du sprichst ein Thema an, dass im Mainstream-Feminismus oft verdrängt wird: Täterinnen bei sexueller Gewalt gegen Frauen.

      Ich würde mich gerne etwas mit dem Forschungsstand zu Täterinnen bei sexueller Gewalt gegen Frauen beschäftigen, wobei mich allerdings der Forschungsstand sowohl zu heterosexuellen als auch zu homosexuellen Täterinnen bei sexueller Gewalt gegen Frauen interessieren würde.
      Ich meine mich zu erinnern, dass du zu solchen Themen schonmal irgendwo was geschrieben hattest und wollte daher mal nachfragen, ob du mir Quellen (Bücher, Fachartikel, Links) zu fundierten Informationen zu diesen Themen nennen könntest.

  4. Weil #Aufschrei nur ein Hype war:

    Aus den 58027 Tweets wurde eine Stichprobe von 286 Tweets entnommen. Die Tweets haben jeweils einen Abstand von ca. 200 Einträgen voneinander, decken also den Zeitraum vom 25. bis 28.01.2013 relativ gleichmäßig ab. Diese Tweets wurden manuell grob wie folgt klassifiziert:
    2 Tweets: Berichte über eine körperliche Belästigung von Frauen („Der Unbekannte der mir im Getümmel an den Hintern fasst…“, „Typendie ne Freundin und mich nach der Schule angemacht und stundenlang festgehalten haben und keiner unserer Jungs hat geholfen“)

    19 Tweets: verbale Beleidigungen bzw. Belästigungen von Frauen (Beispiele: „Der Chef der meint mich ‚Püppchen‘ oder ‚Suesse‘ nennen zu duerfen.“, „mir sagen ich ‚gehör richtig durchgevögelt‘ wenn ich mich über sexismus und widerliche aussagen empöre“, „Zum Thema #aufschrei gehören auch die vielen frauenv rachtenden Songtexte. Eine Frau „Bitch“ zu nennen ist heute ja fast schon normal“, „Wenn mich ein Typ begrapscht geht’s mir beschissen“)

    3 Tweets: verbale Beleidigungen bzw. Belästigungen von Männern („Für die stockbesoffene Mittdreißigerin die mich gestern trotz eindeutiger Signale meinerseits ungefragt angebaggert hat“, „Der ist ein Mann die denken doch alle nur mit dem Schwanz“, „Du hast deinen Job doch nur weil du ein Kerl bist“)

    172 Tweets: allgemeine Fragen und Bemerkungen zur Aufschrei-Kampagne, was sie bedeutet, wie wichtig sie ist, wo Zeitungsartikel erscheinen, wie sie ausgeweitet werden kann, Werbung für die Kampagne usw.

    48 Tweets: Kritik, Unfug oder Verhöhnung der Aufschrei-Kampagne bzw. des Feminismus („Biete frische Herrensahne an kein Versand“, „Meine Mutter hat mich als Jungen erzogen. #aufschrei“, „Ich wurde heute noch kein einziges Mal sexuell belästigt“, „Deutsche Frauen machen Ihren Ruf als unerotischste flirtunfahigste und humorloseste Frau alle Ehre“, „Das albernste was es gibt sind männliche Feministen. Nein ihr kriegt keine Möse“)

    42 Tweets: kein erkennbarer Sinn („Zalandolieferung“, „Ich liebe das Internet.“, „Herr #Jauch meint er brauche keine Traumatherapie“, …)

    weiterlesen:
    http://maninthmiddle.blogspot.de/p/aufschrei.html

    • Weil #Aufschrei nur ein Hype war

      #Aufschrei ist weit mehr als das. Nur weil ein paar gelangweilte Idioten meinen, den #Aufschrei trollen zu müssen, wertet ihn das nicht ab.

  5. Trotzdem war es eine reine Inszenierung von Feministinnen und den Medien.

    Frau Kelle hatte damals schon alles dazu gesagt was es zu sagen gab.

    Der beste „troll“ Kommentare kamen eh von Frauen:

    I“ch hab meinen Dildo verloren, aufschrei“ 😉

    • Frau Kelle hat sich in dieser Hinsicht als ahnungslose Männerfeindin geoutet, wenn sie meint, dass das Problem der sexuellen Belästigung damit gelöst wäre, wenn frau sich einfach mehr verhüllt. Nicht ernstzunehmen, diese Frau.

    • Sowas lese ich immer wieder. Auch, dass nur ca. 5einhalb Tweets wirklich authentisch von echten Sexismuserlebnissen berichteten.

      Ernsthaft. Ich habe dahingehend antifeministische, natürlich 100%ig wissenschaftliche Phantasiezahlen gelesen, die ich ALLEIN schon fast mit meinen vielen Tweets unter diesem Hashtag überstiegen habe. Der Gedanke, dass ich ganz solo den #Aufschrei zum Erfolg geführt habe, ist zwar irgendwie cool, aber naja, ich halte es dann doch eher für unwahrscheinlich.

    • Das ist schon deshalb nicht glaubhaft, weil die Beurteilung von antifeministischer Seite, was jetzt wirklich echte Sexismuserlebnisse sind, selten etwas mit der Realität von tatsächlich Betroffenen zu tun hat, die ihre Erfahrungen berichtet haben

      Aber am meisten kotzen mich immer noch die Reaktionen von anderen Frauen an, die erst ihre Position „als Frau“ betonen, wahrscheinlich in dem Glauben, dass es irgendwie glaubwürdiger rüberkommt („guck mal das ist ne Frau, die sieht das auch so, also muß es ja so sein!“), um dann die Erlebnisse vieler Anderer zu negieren. Sie selbst haben sowas ja noch nie erlebt, also kann es das auch nicht geben und so schlimm kann es dann auch nicht sein. Das ist engstirniges Scheuklappendenken. Oder eben auch nur Trollerei.

    • Frau Kelle hat echt eine an der Klatsche. Wer sagt denn, dass alle Frauen, die sexuell belästigt, (zu) freizügig gekleidet sind? Sollen wir alle mit einer Burkas rumlaufen? Für manche Männer, die zum Glück die Minderheit bilden, sehen schon eine enge Jeans und ein dezenten Dekollete das als Grabscheinlage. Und selbst wenn eine Frau offenherzig rumläuft und mit ihren Reizen kokettiert, heißt das nicht, dass die auch ungefragt an ihren intimen Körperstellen angefasst werden will. Das „rational-denkende Erfinder-Geschlecht“ wird sich da wohl beherrschen können…

  6. Der Auschrei ist der Versuch , über einen inflationär geweiteten Begriff der sexuellen Belästigung die Definitionshoheit weiter zu verstetigen.
    Der Anlass war geradezu lächerlich und in der Folge hysterisierend dargestellt, insbesondere im GEZ-finanzierten ÖRR, der skandalisierend die GEZ-Gebühren für profeministische Propaganda mißbrauchte.

    Auffällig in der weiteren Debatte ist natürlich die Diffamierung von Birgit Kelle, die scharf analysierend mit ihrem Essay die Verlogenheit der Kampagne auf den Punkt gebracht hat

    • Huiuiui… „hysterisch, Skandal, Propaganda, Mißbrauch…“. Gehts vielleicht noch ne Spur dramatischer? Hast du nur vergessen, die obligatorischen „unterfickten Feminazis“ mit einzubauen?

      Auffällig in der weiteren Debatte ist natürlich die Diffamierung von Birgit Kelle, die scharf analysierend mit ihrem Essay die Verlogenheit der Kampagne auf den Punkt gebracht hat

      Danke für den Lacher des Tages.

  7. Pingback: Ein Jahr #aufschrei | Kleinerdrei

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