1 Jahr danach

Heute ist ein emotionaler Tag für mich. Und ich möchte versuchen, das in ein paar Worte zu fassen.

Heute vor einem Jahr begann im Internet etwas, das es in der Form und in dem Ausmaß vorher nicht gegeben hat und mit dessen Auswirkungen ich so nicht gerechnet hätte und was mich sehr berührt und aufgerüttelt hat. Das meine Sicht auf andere Menschen und deren Verhalten verändert hat. Und meine Sicht auf mein eigenes Empfinden.

Es begann eigentlich eher unscheinbar mit ein paar Tweets, wo ein paar Leute über Dinge erzählten, die man ungern wildfremden Menschen erzählt. Weil sie intim sind. Weil sie zutiefst persönlich sind. Aber da dachte ich mir noch nicht viel dabei. Dass Frauen unangenehme Dinge erleben und darüber erzählen, ist nun leider keine Neuigkeit. Aber wie die sprichwörtliche Büchse der Pandora war offenbar auf einmal ein Knoten geplatzt, der unzähligen Frauen plötzlich eine Stimme gegeben hat. Im Sekundentakt gab es immer mehr und immer wieder widerliche Dinge zu lesen. Dinge, die mir die Kehle zugeschnürt haben. Die mich wütend machten und mir Tränen in die Augen trieben. Und es riss nicht ab. Und schon kurze Zeit später hatte sich bereits eine riesige Welle verselbständigt, die sich nicht mehr auf das Internet beschränkte. Der #Aufschrei war nicht mehr nur ein kleines Schlagwort einer kleinen Twittergemeinde. Es war auf einmal außerhalb des Internets ein Thema. Wenn auch oft kein gut recherchiertes.

Irgendwas in meinem Kopf begann in dieser kurzen Zeit zu rattern. In dieser kurzen Zeit, die mir so heftige Eindrücke vermittelt hat. Und ich hab überlegt: was geht gerade hier ab? Gebündelt unter einem einzigen Wort fanden so viele Frauen in 140 Zeichen verpackt (viele von ihnen auch zum ersten Mal) Worte für das, was ihnen passiert ist

Eine Kostprobe?

Was da gerade abging, war ein Schalter, der in meinem Kopf umgelegt wurde. Es kamen Bilder in meinem Kopf hoch, die längst vergessen schienen. Ich war eine von den vielen, die noch nie vorher darüber geredet haben.
All die unzähligen miesen Anmachen, Beschimpfungen, ungewollten Berührungen, Kommentare zu meinem Körper oder meinen sexuellen Vorlieben. All das schoß auf einmal in mein Bewußtsein zurück. Und ich begann auch zu erzählen. Wie so viele andere auch. Und da passierte auf einmal etwas großartiges. Ich spürte Solidarität. Ich sah, es gibt so viele andere, denen es genau so geht. Die nicht in Frage stellten. Die keine Vorhaltungen machten. Die einfach verstanden haben, worum es geht. Das zu sehen, war sehr sehr wohltuend.

Ich bedanke mich bei allen, die da mitgemacht haben.

Das es dennoch immer Menschen gibt, die mit dieser Realität nicht umgehen können, wissen wir alle. Die Reaktionen auf all die Frauen, auf all diese Geschichten haben es gezeigt. In den Augen derer sind wir nur hysterisch oder bilden uns alles ein. „Aufschreihälse“ werden wir genannt. Wir werden lächerlich gemacht. Es wird uns nicht geglaubt. Es wird verharmlost. Es wird einfach unaufgefordert irgendeine eigenwillige Interpretation abgegeben, „wie es ja vielleicht auch gemeint gewesen sein könnte“, oder die einfach grundsätzlich alles besser wissen wollen und wild herumspekulieren, ohne die Hintergründe zu kennen, weil sie – im Gegensatz zu der Person, die es erlebt hat – nicht dabei waren. Fragen nach Kleidung oder bestimmtem Verhalten. George Clooney. Opferabo. Victim Blaming. Und natürlich „what about the Meeenz??!“ Die ganze Palette. Kein Klischee ist zu blöd, um es nicht immer wieder zu präsentieren.

Wir sollen zum schweigen gebracht werden. Die Wahrheit tut eben manchmal weh, die will man nicht immer hören. Aber ich werde nicht mehr schweigen.

@Aufschrei-Trolle: emotiyou-stinkefinger-mittlefinger-201206140057GBS

Ein Kommentar zu “1 Jahr danach

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