Wenn selbsternannte Lebensschützer über das Leben anderer entscheiden wollen

Ich habe mich sehr über einen Artikel von Hermann Gröhe aufgeregt. Jener Hermann Gröhe, der jüngst seine Entscheidung zur Rezeptpflicht der Pille danach verkündete. Aber das meine ich jetzt nicht. Herr Gröhe ist nicht nur gegen die rezeptfreie Pille danach, er ist auch gegen die in Deutschland straffreie Beihilfe zur Selbsttötung.


In der Kirchenzeitung Köln fordert Gröhe – Zitat – ein klares Verbot jeglicher organisierter Form der Beihilfe zur Selbsttötung. Er begründet seine Haltung mit Worten der Menschlichkeit, Schutz des Lebens und der Würde jedes Menschen etc
Allerdings schreckt er auch nicht davor zurück, ziemlich ekelhafte Strohmänner in den Raum zu stellen.

Wenn Selbsttötung als Freiheit verklärt und beworben wird, wenn Organisationen und Vereine, ob unentgeltlich oder gegen Bezahlung, in bunten Prospekten für Selbsttötung werben, nach dem Motto: „Du willst nicht mehr leben, bist krank, alt oder fühlst dich überflüssig, dann helfen wir dir, Schluss zu machen.“

So ein „Werbeprospekt“, das so argumentiert, würde ich gern mal sehen
Der wohl bekannteste Verein, der sich mit dem Thema beschäftigt, ist die Dignitas. Wer dort Inhalte findet, die dem von Gröhe unterstellten Bild entsprechen, kann sie gern diskutieren. Ich habe keine gefunden. Im Gegenteil, Dignitas spricht sich ausdrücklich für die Erhaltung der Menschenwürde aus, im Leben und im Sterben, im Vordergrund stehen Lebensberatung, Begleitung und Suizidprophylaxe.
Gröhe sagt weiter

Organisierte Lebensbeendigungsangebote führen zu einer Bewusstseinsverschiebung in der Bevölkerung über den Wert des Lebens insgesamt.

Das stimmt. Es führt dazu, sich bewußt mit dem Thema auseinander zu setzen, statt in einer bibeltreuen Schockstarre zu verbleiben und dem einzelnen Menschen sein Selbstbestimmungsrecht abzusprechen. Was genau ist daran jetzt noch mal verkehrt?

Suizidprävention, vorbeugende Hilfe, ist deshalb der richtige Weg, nicht die Bestärkung in der Selbsttötung.

Genau das ist unter anderem auch Inhalt der Dignitas. Die Unterstellung, es würde einfach „beim Schluß machen Hilfe angeboten, weil man keine Lust mehr hat zu leben“ ekelt mich ziemlich an.

Was Herr Gröhe zu vergessen scheint, ist der Wille des Menschen selbst. Eine Erhaltung jedes Lebens um jeden Preis ist eine Bevormundung jener Menschen, die ihr Leben nicht mehr fortführen wollen. Die Gründe dafür können natürlich verschieden sein, aber in den allermeisten Fällen handelt es sich um schwerstkranke Menschen, bei denen keine Chance mehr auf Besserung des Gesundheitszustandes besteht. Krebspatienten, Komapatienten, Schmerzpatienten, Patienten mit einem Krankheitsverlauf, der bestensfalls verzögert, aber nicht gelindert werden kann.

Warum the Fuck dürfen diese Menschen nicht selbst über ihr Leben und dessen Ende entscheiden? Warum sollen sie Schmerzen ertragen, regungslos daliegen und vor sich hinvegetieren müssen, wenn sie sich nur noch wünschen, davon erlöst zu werden?
„Verklärt und beworben“ wird bei diesem Thema meines Wissens überhaupt nichts. Sowohl Justiz als auch Sterbehilfevereine setzen da alles andere als lockere Maßstäbe an. Gröhe tut so, als ließe man Menschen, die sagen „ich will nicht mehr“ mit ihren Gedanken allein, stellt einen alles beendenden Cocktail zur Verfügung und das wars dann. Er scheint sich mit der Praxis recht wenig auszukennen.

Ich sehe keine Verletzung der Menschenwürde, den letzten Willen eines Menschen zu respektieren. Ich sehe eher die selbsternannten Lebensschützer, die hier mit der Menschenwürde sehr locker umgehen, wenn sie den selbsterklärten Willen des Einzelnen so übergehen.

Zumal ja Sterbehilfe nicht gleich Sterbehilfe ist. Die Beihilfe zum Suizid ist eine Unterform der Sterbehilfe, vgl. aktive SH, passive SH und indirekte SH (Wiki ist dein Freund)

15 Kommentare zu “Wenn selbsternannte Lebensschützer über das Leben anderer entscheiden wollen

  1. Christentum. Beschissene Leute mit beschissene Meinung, seit 2000 Jahren.

    Dass man suizidale Menschen immer noch jeder Freiheit berauben und in Psychiatrien beliebig wegsperren kann, ist ein Schandfleck für die Gesellschaft, imho

    • Wieso suizidale Menschen beliebig wegsperren? Da muß man schon differenzieren. Es ist ein Unterschied, ob man Menschen, die in einer Krisensituation sind, therapeutisch betreut, damit sie wieder auf die Füße kommen, oder ob man alte todkranke leidende Menschen, deren Zustand sich definitiv nie wieder bessern wird, zwanghaft bis zum bitteren Ende leiden lässt. Jeder Fall ist eine Einzelfallentscheidung.

    • Für mich ist der einzig Unterschied, ob man den Willen von Menschen respektiert oder ob man sie unter Zwang einem Fremden Willen unterwirft.

      Ein Recht auf einen selbstbestimmten Tod, haben für mich alle vernunftbegabte Wesen und zwar zu jeder Zeit. Nicht erst, wenn sie sterbenskrank sind.

      Und es ist nunmal so, dass du in Deutschland weggesperrt werden kann, auf unbestimmte Zeit, wenn rauskommt, dass du über Selbstmord nachdenkst. Das ist schlicht ein Verbrechen, wenn das gegen den WIllen der betreffenden Person passiert.

    • Wenn sich jemand wirklich umbringen will, dann macht er das einfach, sofern er selbst dazu in der Lage ist, und keiner kann was dagegen tun.
      Es geht aber hier um Beihilfe dazu, also das mitwirken anderer Personen. Und die ist nun mal (mit Recht) strengen gesetzlichen Regelungen unterworfen. Was Gröhe aber will, ist das generelle Verbot. Und das ist menschenunwürdig meiner Meinung nach.

    • „Für mich ist der einzig Unterschied, ob man den Willen von Menschen respektiert oder ob man sie unter Zwang einem Fremden Willen unterwirft.“

      Hat mich spontan an diesen Blogpost denken lassen: http://www.verfassungsblog.de/de/zwangsmedikation-gesetzentwurf-bundestag/#.UxHlsXctAd0. Ist schon etwas älter und zum Thema Zwangsbehandlung statt „Zwangsweiterleben“. Hat mir aber sehr deutlich vor Augen geführt, wie komplex es ist zu entscheiden, ob man nun eben doch und immer den Willen des anderen respektieren solle. Und was der Wille ist: Der akut geäußerte? Der „vernünftige“ Wille?

    • Es geht auch um Eigen- und Fremdgefährdung. Wenn jemand z.B. akut komplett durchdreht und unkontrolliert herumbrüllt und um sich schlägt, sich dabei nach eigenen Aussagen zwar wohl fühlt, aber gleichzeitig das Wohl anderer gefährdet, ist das sehr wohl ein Grund zum Intervenieren.
      Ein akut geäußerter Wille kann auch lediglich ein Affekt in einer Ausnahmesituation sein, der nichts mit dem eigentlichen wirklichen Willen zu tun haben muß. Ernst nehmen muß man es dennoch. Gerade Suizidwünsche, und erst Recht wenn sie wiederholt geäußert werden, sind immer ernstzunehmen.

    • Du redest hier ein bisschen an dem vorbei, was ich meine. Zwang ist immer scheiße. Ich selbst erlebe Zwangseinweisungen häufiger, allerdings nur bei Menschen, die krankheitsbedingt geistig nicht mehr in der Lage sind, selbstbestimmt über sich zu entscheiden und die eine Gefahr für sich und andere sind. Da ist es sogar meine Pflicht, einzugreifen.
      Aber davon rede ich hier nicht. Ich rede von Menschen, die zB an unheilbaren Krankheiten leiden, und die daran in absehbarer Zeit sterben werden. Die aber sehr wohl in der Lage sind, zu entscheiden, was mit ihnen passieren soll. Oder die, falls sie sich nicht mehr äußern können, per Patientenverfügung entschieden haben, dass sie unter bestimmten Umständen nicht mehr am Leben gehalten werden wollen. Die sollen und müssen das Recht haben, diese Entscheidung zu treffen.

    • Alles klar, mein Fehler. Dachte, weil du in dem Beitrag so tief auf den freien Willen des Menschen eingegangen bist, dass das uneingeschränkt gilt.

    • Ich habe mich darauf fokussiert, weil Gröhe diesen offenbar komplett ignoriert.
      Dass ich von Entscheidungen rede, die keine Kurzschlußhandlungen darstellen und im Vollbesitz geistiger Kräfte getroffen wurden, ist ja eigentlich klar oder?

    • Na ja, ich stecke etwas in diesem Problembereich drinnen. Und finde es daher auch immer schön, wenn das Recht zu Sterben, auch außerhalb spezieller Foren gesprochen wird. Aber hier ist das ja nicht so, was auch okay ist. Und ich will jetzt auch nicht, von deinem eigentlich Posting ablenken.

  2. In Belgien in heute ein Gesetz verabschiedet worden, nach dem auch Sterbehilfe für Minderjährige legal ist.
    Belgien ist eins der wenigen Länder, in dem die aktive Sterbehilfe bereits erlaubt ist. Jetzt wurde die Altersgrenze der Volljährigkeit aufgehoben.

    Quelle: Zeit

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