„Fettlogik überwinden“ – Eine Buchbesprechung

Vor Kurzem brachte Bloggerin @Erzählmirnix ein Buch heraus. „Fettlogik überwinden“, was von Anfang an auf eine enorme Resonanz stieß.

Mich hat das anfangs gar nicht besonders berührt. Ist doch das ganze Thema Gewicht, Figur und Diäten keins, dem ich in meinem Leben besonders viel Raum gebe. Ich sehe Dinge, die in dieser Gesellschaft passieren, ich sehe Diskriminierungen, und das ist natürlich ein Grund, mich dagegen auszusprechen. Aber es ist halt nichts, was mich persönlich besonders trifft. Ich habe keine Modelfigur, aber ich hatte irgendwie auch nie das Bedürfnis, eine zu haben. Es gibt genug andere Baustellen, die mich stärker berühren.

Aber unsere zauberhafte Robin, die es immer wieder schafft, mich mit ihrer unnachahmlichen Begeisterungsfähigkeit, aber auch ihrer authentischen Wut an Themen zu bringen, die mich bis dato kaum interessiert haben, hat mich tatsächlich dazu gebracht, es zu kaufen. Ok, der doch sehr günstige Preis von gerade mal 6,90 hat mich letztlich überzeugt. Die paar Cent machen mich nicht ärmer, also zu verlieren hatte ich definitiv nichts.

Ich gebe zu, ich hatte Vorbehalte. Sehr große sogar. Ich ging davon aus, dass es sich lediglich um eine Art polemischen, zumindest aber vorwurfsvollen Disziplinierungsversuch handelt, gewürzt mit einer guten Portion Fatshaming.

Ich hatte es ziemlich schnell durch. Und was soll ich sagen? Selten habe ich mich bei einem Vorurteil so geirrt.

Dieses Buch legt eine erfrischend lebensnahe Informationsqualität an den Tag, dass ich mich fast ob meiner Erkenntnis schäme, selbst jahrelang so vielen Irrtümern und Mythen aufgesessen zu sein. Und dabei hielt ich mich sogar noch für relativ befreit von Ernährungsirrtümern. Ich habe mich nie solchen Illusion hingegeben, dass es ja „nur die Gene sein können, weil ich nicht superschlank bin, obwohl ich ja total wenig esse“. Ja, ich nasche gern und finde das auch nicht schlimm. Ich bin ein Genuss-Esser, und solange es mir gut geht, habe ich auch guten Appetit. Streß, Nervosität und Unwohlsein, egal in welcher Form schlägt mir direkt auf den Magen. Wenn dieser streikt und ich selbst die leckersten Sachen nicht anrühren kann, weiß ich, da stimmt was nicht. Physisch oder psychisch. Ist so.
Aber mir war nicht klar, welchen anderen Irrtümern ich erlegen bin.
Es kommen Fakten an den Tag, die ich tatsächlich so nie vermutet hätte. (Oder wußte jemand, dass ein Apfel mehr Zucker enthält als ein Glas Cola? Eben.)
Obwohl, andererseits ist das kein Grund zum schämen. Es wäre wirklich ein Wunder, wenn jemand, der nicht völlig blind im luftleeren Raum lebt, nicht ständig von allen möglichen Mythen, die ihm tagtäglich direkt oder subtil ins Hirn getrimmt werden, beeinflusst würde. Entscheidend ist der Punkt, sich dessen bewußt zu werden.

Anfangs hab ich die Artikel teilweise noch recht überflogen, da das größtenteils Dinge waren, die mich entweder nur am Rand interessierten, oder ich schlicht schon wußte. Aber irendwann bin ich dann hängen geblieben, als mir genau diese o.g. Erkenntnis klar wurde. Ich will gar nicht so sehr auf einzelne Punkte näher eingehen. Ich nenne nur mal beispielhaft:

„Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages!“
„abends keine Kohlehydrate!“

Allein diese beiden Punkte, die mich schon seit vielen Jahren vorwurfsvoll begleiten (unterstützt von unzähligen Menschen, die genau das wieder und wieder und wieder vor sich hertragen), werden auf so erleichternde Art entschärft, dass sich allein schon dafür der Kauf gelohnt hat.

Ich war noch nie ein großer Frühstücker. Ich kriege früh morgens, direkt nach dem Aufstehen einfach nix runter. An meinen freien Tagen, an denen ich mir die Zeit komplett frei einteilen kann, kommt es vor, dass ich erst am Nachmittag die erste Mahlzeit zu mir nehme, und dann noch nicht mal besonders viel Hunger habe. Immer mit dem schlechten Gewissen begleitet, dass das sicher total ungesund sei, wenn ich erst in der zweiten Tageshälfte das nachhole, was ich morgens versäumt habe. Auch wenn ich dann nicht wirklich viel gegessen habe. Oder diese Schuldgefühle, wenn ich spät abends nach dem Dienst noch mal was süßes nasche, nachdem ich den ganzen Tag nur Kaffee, Wasser, ein Käsebrötchen und ein Stück Kuchen im Magen hatte.

Das Buch ist übrigens auch nicht „fatshamend“, wie sicher von mancher Seite vorgeworfen wird. Die Autorin spricht mit keinem Wort abwertend über übergewichtige Menschen. Und selbst dort, wo sie kritische Worte über die Fat-Acceptance-Bewegung verliert, verzichtet sie auf „meine Güte, sind die blöd“-Rhetorik, sondern macht klar, dass sie aufgrund eigener Erfahrung die Motivation dahinter zwar verständlich, aber eben falsch findet. Das muß man nicht teilen, aber informativ ist es auf jeden Fall.
Überhaupt würde ich nicht allem zustimmen, was sie schreibt. Einige Passagen habe ich nur oberflächlich überflogen, weil ich es eher mit einem leicht genervten „ja ja…“ registriert hätte. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es verdammt viele Tipps für Menschen gibt, die ernsthaft an ihrer Körperwahrnehmung und ihrem Gewicht arbeiten wollen. Dieses Buch ist keine Anklage an übergewichtige Menschen, sich gefälligst zusammenzureißen. Im Gegenteil geht die Autorin zwar mit deutlichen, aber auch ermutigenden Worten mit Diätmythen ins Gericht. Sie ist keine Fanatikerin, die „schlank sein“ als einzig akzeptables Lebensziel propagiert, und darum die Dicken pathologisiert.

Was sie tut, ist das Benennen und ausführliche Erklären von Fakten. Und sie überlässt dem Leser komplett selbst die Schlüsse, die er für sich daraus ziehen kann. Sie preist keine bestimmte Diät an, sie macht keine Vorwürfe, und entgegen möglicher Vorurteile richtet sich ihr Blick auch nicht nur auf Übergewichtige, sondern auch auf Untergewichtige.

Sie greift viele Alltagsprobleme auf, mit denen Menschen mit Gewichtsproblemen täglich zu kämpfen haben, argumentiert Mythen auseinander und, was ich fast am wichtigsten finde: Sie sagt nicht „du mußt dein Leben radikal ändern, wenn du glücklich werden willst. Und zwar genau SO!“, sondern sie bietet Alternativen an, von denen sich jeder das für sich raussuchen kann, was am besten zu ihm passt, und mit dem er am besten zurecht kommt. Sowas wie Kalorien zählen und Essen abwiegen kommt für mich jetzt sicher nicht in Frage, weil mir schon der Gedanke daran die Lust am Essen raubt, aber ich kann definitiv andere Punkte für mich mitnehmen und sinnvoll nutzen.

Und ich muß auch zugeben, dass sie mich mit einigen Punkten ganz konkret an meiner persönlichen Eitelkeit erwischt hat, weil sie einfach viele Dinge so lebensnah anspricht, dass man sich leicht angesprochen fühlt. Egal, ob man nur ein paar sympathische Kilo mehr hat, oder schwer adipös ist.

An dieser Stelle abschließend ein herzliches Danke an Erzählmirnix.

http://www.amazon.de/Fettlogik-%C3%BCberwinden-Nadja-Hermann-ebook/dp/B00X01CRY8/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1430844705&sr=8-1&keywords=fettlogik

PS: Noch ein Nachwort an die, die sich von dem Thema unheimlich getriggert und diskriminiert fühlen und kein kritisches Wort über die Risiken bei Gewichtsproblemen hören wollen.
Lest es einfach nicht, ok? Lebt euer Leben, wie ihr es wollt, keiner will euch da reinreden. Wenn ihr euch wohlfühlt, dann fühlt euch weiter wohl. Ich bin die Letzte, die dagegen was sagt. Aber verlangt nicht von anderen, dass sie die Klappe halten sollen, nur weil die ihr Leben ändern wollen. Ihr wollt Akzeptanz? In Ordnung. Könnt ihr haben. Aber dann gebt sie auch anderen.

9 Kommentare zu “„Fettlogik überwinden“ – Eine Buchbesprechung

  1. Du hast jetzt nicht wirklich das ganze Buch in ein paar Stunden gelesen :O Krass!! Aber dann muss ich jetzt ja nix mehr erklären :DDD

    Ein Link zum Buch könntest du vielleicht noch einfügen :3

    • Nicht komplett. Wie gesagt habe ich einige Textpassagen nur überflogen. Aber wenn mich eine Überschrift interessiert hat – und das waren etliche – da hab ich mich reingelesen. Und selten hat mich ein Buch so positiv überrascht

  2. Pingback: Rezensionen, Shitstörmchen und noch mehr Rezensionen. | Fettlogik überwinden.

  3. Pingback: #Fettlogik – Die erste Zeit danach | Gedankensalat...

  4. Pingback: Muss ich nicht lesen, um zu wissen, dass es schlecht ist! | Fettlogik überwinden.

  5. Pingback: #Fettlogik-Blogstöckchen | Gedankensalat...

  6. Pingback: Kurz kommentiert: Eine Rezension zu Fettlogik – Fettlogik überwinden.

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