Warum der #Pflegestreik ein feministisches Thema ist

Zum ersten Mal fiel er mir Ende Juni in die Augen. Der Hashtag #Pflegestreik. Damals hab ich noch gar nicht so richtig wahrgenommen, welche Bedeutung er eigentlich hatte.
So richtig bewußt wurde er mir ein paar Tage später. Ich klickte mich durch und dachte

weil ich so vieles was ich da las, so genau kannte. Ich fand das großartig, twitterte fleißig mit. Gleichzeitig wunderte ich mich über die Intensität. Warum gerade jetzt? Ich las ein bisschen quer und erkannte schließlich den Auslöser. Die Mitarbeiter der Charité in Berlin haben gestreikt. Nicht für bessere Bezahlung, sondern für mehr Personal. Das war allerdings schon Ende Juni. Warum bekam man davon nichts mit? Aus dem gleichen Grund, warum der #Pflegestreik jetzt immer noch so ein großes Thema auf Twitter ist. Weil er NUR dort ein Thema ist.

Medien und Politik hüllen sich in Schweigen, es gibt so gut wie keine Berichte und Nachrichten dazu. Der #Pflegestreik wird von allen Seiten ignoriert. Im Gegensatz zu anderen Streiks räumt man dem Thema offenbar keine Bedeutung, geschweige denn eine Schlagzeile oder Sendezeit ein.

Warum ist das nun ein feministisches Thema? Eigentlich ist es logisch und in wenigen Worten erklärt. Pflege ist Care-Arbeit. Care-Arbeit war schon immer ein feministisches Thema. Care-Arbeit wird zum weit überwiegenden Teil von Frauen geleistet. Care-Arbeit ist absolut unverzichtbar für unsere Gesellschaft. Care-Arbeit rettet Menschenleben. Care-Arbeit erfährt nicht die Wertschätzung, die sie verdient. Die aktuelle mediale und politische Nicht-Beachtung der engagierten Twitteria verdeutlicht dies noch einmal auf bedrückende Weise.
Care-Berufen hängt noch immer das Klischee nach, dass sie von selbstlosen, fürsorglichen Nonnen ausgeübt werden, für die es – wenn überhaupt – gut genug ist, sie mit einem kleinen Taschengeld zu vergüten. Es liegt ja schließlich in der Natur der Frau, sich aufzuopfern. Und so schwer isses ja auch nicht. Bisschen füttern, bisschen windeln, bisschen Händchen halten. Dafür kann man auch Migranten heranziehen, die kein Wort deutsch sprechen und sonst keiner irgendwo gebrauchen kann. Und so weiter und so fort. Mittlerweile dürfte auch der Letzte mitbekommen haben, dass Care-Berufe hochverantwortliche Aufgaben umfassen und ein hohes Maß an Qualifikation fordern. Und dafür fordere ich die angemessene Anerkennung. Als Feministin. Als fachkompetente Pflegende. Als Mensch.

Normalerweise juckt es mich wenig, wenn feministische Themen weniger Beachtung finden, als ich es mir wünschen würde. Aber hier geht es um ein Thema, dass JEDEN betrifft. Nicht nur Frauen, oder nicht nur Feministinnen. Sondern Jeden. Über kurz oder lang. Und spätestens dann, wenn ihr selbst mal in einer Klinik liegt und auf Hilfe angewiesen seid, oder eure demenzkranke Mutter ins Heim muß, werdet ihr das auch hautnah zu spüren bekommen.

#Pflegestreik
#Pflegenotstand
#PflegeamBoden
#PflegeamLimit
#mehrAnerkennung
#Pflexit

14 Kommentare zu “Warum der #Pflegestreik ein feministisches Thema ist

  1. „Dafür kann man auch Migranten heranziehen, die kein Wort deutsch sprechen und sonst keiner irgendwo gebrauchen kann.“

    Genau das zeigt wieder, wie geringgeschätzt unsere Arbeit ist, und wie erpicht man darauf ist, in der Pflege an allen Ecken zu sparen. Dabei ist doch die Kommunikation essenziell für eine gute Pflege. In unserem Heim haben wir eine Bewohnerin, die nur ungarisch spricht, und allein das kann schon sehr oft schwierig sein, aber ihre liebe, umgängliche Art und ihre Fähigkeit, sich auf andere Weise zu äußern – z.b. durch Gestik – ist der Grund, warum die alltägliche Pflege trotzdem klappt. Das ist aber was ganz anderes, als wenn eine pflegebedürftige, depressive, und/oder demente Person mit einem Pfleger zu tun hat, der kein oder nur sehr wenig deutsch spricht. Beim Seminar haben wir gelernt, wie wir mit Dementen umzugehen haben, dazu gehören unter anderem Kommunikation auf Augenhöhe, klare Anweisungen geben, nur eine Information vermitteln. Das ist aber unmöglich, wenn der pFlegekraft die nötigen Sprachkenntnisse fehlen

    • Ich habe eine 1-jährige Weiterbildung dazu besucht. So richtig mit Abschlußarbeit und Zertifikat. Darf mich „gerontopsychiatrische Fachkraft“ schimpfen. Ist kein leichtes Thema. In der Theorie klingt das alles toll und logisch. Wie immer. Aber Menschen – und besonders psychiatrisch Erkrankte – sind eben keine Maschinen, bei denen man nur auf einen Knopf drücken muß und alles läuft. Man braucht schon viel Fachwissen, Empathie und Beobachtungsgabe. Dafür fachfremde, unerfahrene Menschen einsetzen zu wollen, um Lücken zu stopfen, weil, „so ein bisschen Betreuung kann ja auch jeder“, kann nicht die Lösung sein.

    • Auf welchen Mist die Idee gewachsen ist, den Pflegenotstand mit billigen, nicht deutschsprechenden Migramten zu kompensieren, das sollte diesen Unsinn ganz schnell wieder verwerfen. Was wir vor allen brauchen, sind mehr PflegeFACHkräfte. In unserem Wohnbereich sind derzeit 45 Bewohner untergebracht. Im Spätdienst sind wir immer vier Pflegekräfte, und davon ist öfters nur eine Fachkraft da, die die Hauptverantwortung für all diese Bewohner trägt. Das ist ja schon stressig genug, aber kommt es zu einem Notfall, dann bricht mal eben der halbe Laden zusammen. Und wir Pflegehelfer reißen uns den Hintern auf, um die Examinierten bestmöglichst zu entlasten. Es ist auch so, dass wir Pflegehilfskräfte – also diejenigen, die zumindestens die einjährige Ausbildung gemacht habe – sogar ein Teil der Behandlungspflege, wenn auch die leichteren Tätigkeiten, übernehmen, obwohl wir eigentlich nicht dafür qualifiziert sind. Ich habe zum Beispiel schon sehr oft Dekubitus bis Grad 2 und andere Wunden versorgt, hab auch schon mal Medikamente verteilt und Klistiere verabreicht, und das Anziehen von Kompressionsstrümpfen ist für mich schon normal. Und das ist doch total Beschissene an der Sache: Jeder erwartet von uns, unsere Arbeit perfekt und gewissenhaft zu erledigen, aber das nötige Personal stellt man uns dafür nicht zur Verfügung.

    • Okay, die Formulierung „billige… Migrnten“ war doch etwas doof, aber ich denke, du weißt, was ich eigentlich damit meine 😉

    • Auf welchen Mist die Idee gewachsen ist, den Pflegenotstand mit billigen, nicht deutschsprechenden Migramten zu kompensieren, das sollte diesen Unsinn ganz schnell wieder verwerfen.

      http://www.welt.de/regionales/baden-wuerttemberg/article143546773/Landtagsenquete-hofft-auf-Fluechtlinge-fuer-die-Pflege.html

      Den gleichen Vorschlag gab es schon vor einigen Jahren für Langzeitarbeitslose.
      http://www.sueddeutsche.de/politik/vorschlag-der-arbeitsagentur-arbeitslose-in-pflegeheime-1.581346

      Übersetzt: Ehe sie dem Staat auf der Tasche liegen, sollen sie lieber die Drecksarbeit machen, die sonst keiner machen will.

      Was nicht kapiert wird, ist das Problem, dass ERST Bedingungen verbessert werden müssen. Wenn es nicht genug Leute gibt, die diese Arbeit machen wollen, hat das Gründe. Diese Löcher dann mit solchen Notlösungen stopfen zu wollen, ist pure Ausbeutung.

  2. Hat dies auf Heide Helga rebloggt und kommentierte:
    Es scheint immer noch so zu sein, dass #Pflegestreik niemanden außer den Pflegenden interessiert.
    Ich hatte da ja schon mal was über das #Frauen Dings geschrieben.
    Und es wird irgendwie nicht so schnell besser.
    Wann werden wir alle streiken?

    • Weder fühle ich mich „genötigt“, noch „rechtfertige“ ich irgendwas. Ich benenne nur ein paar Fakten.

    • Ja, aber dieser Fakt scheint dir aus irgendeinen Grund besonders wichtig zu sein, schließlich hast du ihn auch als Überschrift gewählt. Immerhin schreibst du z.B. auch es ist ein Thema, welches jeden betrifft. Was sicherlich auch eine gute Überschrift gewesen wäre und möglicherweise noch viel wichtiger ist.

    • Ach so, jetzt verstehe ich. Du freust dich darüber, dass ich Feministinnen für ihre Zurückhaltung bei dem Thema kritisiere. Da kann ich dir noch mehr Futter geben, über das du dich freuen kannst

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