Mail an Claus Fussek

Mein persönliches Aha-Erlebnis mit dem Autor und Pflegekritiker Claus Fussek war das Interview im Deutschlandfunk (das es hier nachzuhören gibt), in dem mich die Klarheit und Hartnäckigkeit seiner Worte schwer beeindruckt haben und ich von diesem Tag an den Wunsch hatte, mit ihm in persönlichen Kontakt zu treten. Darum habe ich kurzerhand eine Mail an ihn geschrieben, in der ich schlicht meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen wollte. Dass er mir darauf antwortet, lag weit außerhalb meiner Erwartungen, aber er hat es getan. Und mit seiner ausdrücklichen Zustimmung werde ich nicht nur die Mail, sondern auch seine Antwort veröffentlichen.

„Guten Tag Herr Fussek,

Ich gehe davon aus, dass Sie täglich solche Mails wie diese bekommen.
Aber dennoch möchte ich die Chance nutzen, Ihnen auf diesem Weg einfach persönlich von Herzen für Ihr Engagement zum Thema Pflege/Pflegenotstand zu danken und vor allem dafür, dass Sie Tausenden von Pflegebedürftigen, Pflegekräften und pflegenden Angehörigen mitten aus dem Herzen sprechen. Ich habe viele Interviews von Ihnen gesehen und gelesen und denke immer nur eins: JA, JA, JA!

Ich selbst arbeite seit einigen Jahren als examinierte Pflegekraft in einem Pflegeheim auf einem reinen Demenzwohnbereich mit insgesamt fast 40 Bewohnern. Was das im Einzelnen bedeutet, muß ich Ihnen sicher nicht näher erläutern

Das konkrete Thema Pflegestreik verfolge ich seit einiger Zeit, seit die Pflegekräfte der Berliner Charite auf die Straße gegangen sind und ich bin fassungslos, wie das Problem seitens der Politik und der großen Medien lange Zeit totgeschwiegen wurde und zT immer noch wird. Das habe ich vor allem an mir selbst gemerkt, weil ich von dem Streik nicht etwa in Nachrichten oder Zeitungen mitbekommen habe, sondern in den Social Medias wie Twitter und Facebook, auf denen viele engagierte Menschen zB unter den Hashtags #Pflegestreik, #Pflegenotstand, #PflegeamBoden ihrer Wut darüber Luft machen.

Darum bin ich Ihnen umso dankbarer, dass Sie mit klaren Worten, ohne die Dinge schönzureden, das Thema in die Öffentlichkeit bringen und das aussprechen, was wir alle denken und wissen.

Was mich besonders wütend macht, ist das gesellschaftliche Bild, das die Pflege immer noch hat. Es ist ein Stiefkind, auf das man halb mitleidig und halb angeekelt herabblickt, und mit dem man nichts zu tun haben will. Man wird als Arschputzer und Händchenhalter betrachtet ohne jede Ahnung, was Pflege eigentlich bedeutet und welche fachlichen und persönlichen Anforderungen notwendig sind, um menschenwürdige und qualitative Pflege zu leisten. Das sieht man schon daran, welche Ideen von der Politik gekommen sind, um den Pflegenotstand abzumildern. Langzeitarbeitslose, Minderqualifizierte, Migranten, Prostituierte (ohne die natürlich angreifen zu wollen) sollten in die Pflege geschoben werden, weil die sonst nirgends einer haben will. Welches Bild auf die Pflege hat ein Mensch, der meint, wer sonst nirgends unterkommt, aus Mangel an Bildung oder Sprachkenntissen, soll halt in die Pflege gehen?? Weil, pflegen kann doch schließlich jeder??! Noch dazu gewürzt mit einer gehörigen Portion Abwertung ganzer Berufsstände und Menschengruppen. Ich zitiere aus dem Pflegeblog „Pflegewecker“

„2006/07: Rita Kühn (Diakonie Westfalen) sagt “Pflege sei der nächste logische Schritt nach dem Sex-Job”, sie kann Prostituierten den Ausstieg erleichtern. Es ginge in beiden Fällen um nackte Menschen, das Überwinden von Ekel und Berührungsängsten. (Quelle:Eine neue Chance für Prostituierte, Die Welt, 16.04.2007, Der Spiegel 11/2006).
http://www.welt.de/vermischtes/article812779/Eine-neue-Chance-fuer-Prostituierte.html?subid=skim725X175X47aef8b9b09646c35c5e2f7c21210ced&affmt=2&affmn=1

2011: Kristina Schröder (als CDU, Bundesfamilienministerin): “„Gerade solche aus bildungsfernen Schichten, die wegen schlechter Zeugnisse den Einstieg nicht geschafft hätten“, könnten in Pflegeberufen unterkommen” (Quelle: Schröder will mehr Männer für Pflegeberufe begeistern, Ärzteblatt, 04.02.2011).
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/44567/Schroeder-will-mehr-Maenner-fuer-Pflegeberufe-begeistern

2012: Ursula von der Leyen (als CDU, Bundesarbeitsministerin): “…will den gekündigten Verkäuferinnen der Drogeriemarktkette Schlecker die Umschulung zur Altenpflegerin und Erzieherin erleichtern. „Wir würden uns freuen, wenn viele Arbeitsuchende das Angebot annehmen“, “Unter den Verkäuferinnen seien viele Mütter, die „automatisch“ eine Qualifikation mitbrächten” (Quelle: Die Verkäuferin als Pflegerin, taz, 07.06.2012) -> Frank Bsirske (Vorsitzender Gewerkschaft Ver.di) lt. taz: “Dies „könnte eine Chance eröffnen“”.
http://www.taz.de/!5092096/“

Das schließt recht nahtlos an das an, was Sie in verschiedenen Interviews treffend sagten, dass Menschen in die Pflege gehen, die im Tierpark wegen fehlender Empathie abgelehnt wurden.

Statt also die bestehenden Arbeitsbedingungen endlich so zu gestalten, dass menschenwürdige Pflege möglich ist, sollen einfach Menschen herangezogen werden, die eh schon keine Ansprüche haben sollten und froh sein können, wenn sie irgendwo unterkommen. Die bereit sind, sich für ein paar Hundert Euro im Monat verheizen zu lassen.
In welcher anderen Branche werden solche menschenverachtenden Einstellungen toleriert?
Im Ergebnis haben wir die Zustände, wie wir sie eben heute haben. Unmotivierte, überforderte, überlastete Pflegekräfte, die nur im Beruf sind, weil sie keine Alternativen haben.

Ich liebe meinen Beruf, so anstrengend er auch ist. Ich liebe es, etwas Sinnvolles zu tun, alten Menschen die Möglichkeit zu geben, in Würde leben zu können. Ich liebe es, wenn mir eine demente alte Dame die Hand hält und „danke Schwester“ sagt, weil ich ihre Schmerzen lindern konnte. Ich liebe es, dabei zuzuschauen, wie demenzkranke Leute aus ihrer Abwesenheit aufblühen, wenn sie Musik hören, oder in Verzückung geraten, wenn sie den Therapiehund streicheln können, der jeden Monat zu Besuch kommt.

Und genau darum bin ich unglaublich wütend über die Ignoranz und das Wegsehen der Gesellschaft. Alle möchten ihre Angehörigen professionell gepflegt wissen. Aber was dafür notwendig ist, dafür interessiert sich niemand.

Zum Abschluß möchte ich Sie darum ermutigen, genau so weiter zu machen, nicht aufzuhören, die Finger in die Wunden zu legen und so lange weiterzubohren, bis man uns endlich hört. Tausende und Abertausende Betroffene danken es Ihnen.

Herzliche Grüße“

Und wenige Tage später erhielt ich folgende Antwort:

„Liebe Frau xxx,
vielen Dank für Ihre ehrliche, aber leider sehr erschütternde Nachricht.
Gerne würde ich mit Ihnen telefonieren und gemeinsame Überlegungen/Strategien besprechen. Wir beide wissen: Selbstverständlich geht es auch anders! Ich habe in den vergangen Jahren zahlreiche vorbildliche, leidenschaftliche, verantwortungsbewusste Leitungskräfte und kompetente, begeisterte, empathische Pflegekräfte erleben dürfen: Zufriedene MitarbeiterInnen – zufriedene Gäste/Angehörige!
Zum Thema: Image/gesellschaftliche Bild in der Öffentlichkeit: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus!“ Ich bin immer wieder fassungslos, wenn mir Lehrkräfte von Altenpflegeschulen (anonym) mitteilen, wer bei ihnen in den Klassen sitzt…. Die (noch) motivierten SchülerInnen werden systematisch „verheizt“ …. Die meisten Probleme „in der Pflege“ sind hausgemacht! Verantwortlich für diese Zustände sind alle, die Bescheid wissen, mitmachen, schweigen und mit diesem perversen, absurden System auch noch sehr viel Geld verdienen! Wer schweigt stimmt zu, macht sich mitschuldig! Wir haben doch keine Erkenntnisprobleme mehr!
Erfreulicherweise engagieren sich viele „Menschen in der Pflege“. Allerdings erlebe ich nach wie vor sehr viele persönliche verbale Angriffe, wenn ich die bekannten Probleme öffentlich als Hilferufe benenne.
Ich fordere die Pflegekräfte gebetsmühlenartig auf. „Solidarisiert euch endlich mit den Angehörigen, dann seid ihr stärker/mächtiger wie alle Lokomotivführer und Piloten zusammen!!!
Vielleicht können/wollen Sie mich mal anrufen: Tel. 089/309 04 86 51
Selbstverständlich behandle ich alle Informationen vertraulich!!!!
Herzliche Grüße aus München und vielen Dank für Ihr außergewöhnliches, vorbildliches persönliches und berufliches Engagement und Ihre Zivilcourage!
Weiterhin viel Kraft und Ausdauer!
Kämpfen wir gemeinsam für menschenwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen!
Claus Fussek“

Und in einer weitere Mail folgender Hinweis:

„Möchte Sie noch auf einen sehr interessanten und wichtigen Pflegeselbsthilfeverband aufmerksam machen:
Pflege-SGV
(Eine wichtige Initiative für alle engagierten Menschen „in der Pflege“!)“

Ich fühle mich ja schon ein bisschen geehrt, dass Deutschlands bekanntester Pflegekritiker so begeistert von meiner Mail ist, dass er mit mir in persönlichen Kontakt treten will 🙂

Ich verstehe nicht, warum manche Pflegekräfte ihn für seine Offenheit angreifen und ihn als „Nestbeschmutzer“ beschimpfen. Er ist kein Gegner der Pflegekräfte, nur weil er auch der „Engel der Alten“ genannt wird. Im Gegenteil! Er kämpft mit einer bewundernswerten Energie gegen die Windmühlen der Pflegepolitik und setzt sich damit für eine deutliche Verbesserung für alle Betroffenen ein.

7 Kommentare zu “Mail an Claus Fussek

  1. Herr Fussek berichtet seit Jahren wie es in Pflegeheimen in Deutschland zugeht.
    Es gibt wenig gute, aber dafür mehr schlechte Altenheime, besser Sterbehäuser.
    Auch wird in Medien darüber berichtet, dann hat es sich aber. Nachhaltigkeit ist fehl am Platze. Kommen die Verleugner von Mißständen dann selbst „ins Heim“ können sie sich oft nicht mehr wehren! Das geschieht ihnen dann recht, wenn sie mieses
    Essen bekommen, welches von weit her herangekarrt wird und dann kalt serviert wird. Mann läßt sie mit schiefem Kopf im Rollstuhl an einem Fenster stehen, bis
    eigenartiger Geruch sich breit macht. Freitag um 16,30 bis Montags 8 Uhr sind Heimleiter und Pflegedienstleiter abwesend, machen sich es zu Hause gemütlich
    und lassen ihre Schutzbefohlenen schalten und walten wie sie wollen.
    Sogar in kathl. Häusern ist von Christlichkeit nicht viel zu spüren. Weihnachtsbaum
    auf der Etage, viel zu teuer! Bügelbrett für die die noch klar im Kopf sind nicht vorhanden. Dafür aber Wassersuppe, Eier in Folie, kalorienarmes Essen.
    Aufsichtsräte sollen Heimvorstände kontrollieren, alles nur auf dem Papier.
    Dafür Bestnoten von den Heimaufsichten, nach abgesprochenen Besichtigungen.
    Die ganze „Heimbranche“ stinkt nach „Scheiße“ aber alle haben eine saubere Weste.
    So wie es einen Wehrbeauftrageten für die BW gibt, muss es einen Heimbeauftragten für Heimbewohner geben. Von der Wichtigkeit her angesiedelt
    beim Bundeskanzler mit Namen und Anschrift mit Pflichtinformation jeden Monat in den Medien. Dazu Information an alle Partei Vorsitzende. Wenn man etwas bewegen will geht es man muss es nur machen!

  2. Ich arbeite in einem Domizil im Berlin und schäme mich als Mensch weil ich unmenschlichen mit Bewohnerumgehen muss um meine Stelle noch zu verlieren.Ich erlebe Set 5Jahre Mobbing weil ich gegen Gewalt und Menschen unwürdigen Umgang von Heimleitung PDl und große Teil Personal gegenüber Bewohner nicht akzeptieren kann.Ich könnte nie träumen das so was in Pflege passiert. Ein Heim in dem Menschen werden verachtet.sogar geschlagen.beschimpft.Getranke werden eingetragen obwohl die Bew. keine Essen und Trinken bekommen hat und Personal sitzt und rauch .Ein Heim der von MDK Beste Note bekommen hat1’0 weil Dokumentation stimmte.
    Ich muss meine Familie ernähren aber ich schäme mich in so einem Heim zu arbeiten.

  3. So ist es!!Ich arbeite seid 30Jahren als Fachkraft in der Altenpflege habe das Glück nur 20StdWoche arbeiten zu müssen……
    Konnte vor kurzen in eine Tagespflegeeinrichtung wechseln und kann es immer noch nicht glauben wieviel Zeit ich für die einzelnen Gäste habe…..ich fühle mich wie im Himmel
    Die Berichte von Hr Fussek kann ich nur bestätigen…..ich arbeitete in einem guten Heim dort war es sehr kollegial auch der Chef sehr kompetent…..doch auch das Hilft nicht die Situation zu Retten……..Ich kann nur Hilfe sagen ….27 überwiegend schwierige Klienten ……Wie soll man das in Würde bei gesetzlichen Stellenschlüssel…..schaffen…..es fängt doch schon bei der morgendlichen Waschstrasse an…..jeder vom Fach weiß was ich meine….ich hoffe es bewegt sich bald was und der Staat ändert den Personalschlüssel……
    Ich bin dankbar für meinen Arbeitsplatzwechsel in die Tagespflege endlich wieder Würdevolles arbeiten….sonst hätte ich nach 30Jahren meinen Berufszweig geändert….. physisch psychisch am Ende …..kann auch nur sagen Hilfe warum wird weggeschaut….
    Danke Herr Fussek für ihre Arbeit

  4. Der Weg in den Abgrund geht durch kleine Schritten. Es geht vor allem wenn man nicht die Wahrheit sagt. Claus Fussek hat recht wenn er sagt alle die schweigen, sind schuld. Ich fühle mich für mein Schweigen auch schuldig. Die Situation in der Pflege ist eine Katastrophe. So schlecht ging es noch nie. Ich bin wegen Burnout nicht mehr da tätig aber ich habe über 20 Jahre gesehen wie es kaputt geht. Warum schweigen alle? Weil sie Angst haben ihre Stelle zu verlieren, weil sie Angst haben, dass Missstände an sie angehängt werden können, wenn sie rebellieren. Pflegekräfte sitzen nicht am längeren Hebel, und Solidarität ist unter Pflegekräfte nicht vorhanden. Man traut einander nicht. Die Fluktuation ist gross. Die Asisstentinen sind meistens selbst krank, älter, bildungsschwach. Millionen werden von armen schwachen hilflosen Menschen verdient, die nur noch abgefertigt werden. Diese Scheisse wird zu Gold geredet mit toller Pflegenoten. Es ist absolut absurd, krass und wenn es so weiter driftet, wird es ganz furchtbar enden.

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