„Herr Professorin“ und andere Lügen

In der Wirtschaftswoche gibt es dieser Tage einen Artikel über die Löschung der Hart aber Fair-Sendung des WDR. Leider legt man dort offensichtlich wenig Wert auf Fakten und sachlichen Journalismus, sondern will lediglich ein paar medienwirksame Aufreger unters Volk mischen.

Auch die Akzeptanz sexueller Vielfalt oder der verschiedenen Formen des menschlichen Zusammenlebens, die längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, stehen hier nicht zur Diskussion.

Doch. Genau die stehen natürlich auch zur Diskussion. Denn gerade „Gender-Gegner“ wie Biggi Kelle lehnen gleiche Rechte für homosexuelle Paare vehement ab. Sei es die Heirat oder die Adoption. Die klassische Familie steht über allem und alles andere muß man, wenn überhaupt, halt irgendwie tolerieren. Die sind halt da, kann man nix machen. Aber gleiche Rechte? Wozu? Die arme Frau hat ja Panik, dass Kinder in der Schule verschwult und versext werden. Es ist ja sicher kein Zufall, dass sie aktiv bei der homofeindlichen „Demo für alle außer die, die anders sind als wir“ mitwirkt. Aber diese Fakten verschweigt die Wirtschaftswoche. Sie holt lieber alten, längst widerlegten Unsinn aus dem Keller:

Mittlerweile heißen dann auch männliche Professoren in Sachsen „Professorinnen“.

Alte Lüge, um das Feuer unnötig anzuheizen.
Bild-Blog hat diesen Unsinn bereits vor über 2 Jahren mehrfach widerlegt.

Hier wenige Tage später noch mal, aber vielleicht hinkt man bei der Wirtschaftswoche auch einfach ein bisschen hinterher. Kann ja mal passieren…

Am Montag haben wir gezeigt, dass die Ansprache „Herr Professorin“, die angeblich an der Uni Leipzig eingeführt werden soll, einzig und allein eine Erfindung von „Spiegel Online“ ist – und nichts mit der tatsächlichen Entscheidung der Uni zu tun hat.

Einige Medien haben es aber immer noch nicht kapiert.

Die Kolumne trägt den Titel: „Grüß Gott, Herr Professorin“. Tja – so besiegt man mit Sprache die Wirklichkeit.

Wir haben am Donnerstag bei „Spiegel Online“ nachgefragt, warum die irreführende Überschrift, auf der dieser ganze „Herr Professorin“-Quatsch beruht, immer noch nicht geändert wurde.

„Spiegel Online“ antwortete uns:

„[…] die Zeile „Guten Tag, Herr Professorin“ ist keine Nachrichtenüberschrift, sondern lediglich unser Versuch, humorvoll mit dem Thema der verweiblichten Grundordnung der Universität Leipzig umzugehen. Als Überschrift ist sie eine Anspielung auf die häufig verwendete Formulierung „Frau Professor“. Ähnlich wie die Uni Leipzig in ihrer neuen Grundordnung haben wir die Geschlechterrollen für die Überschrift spielerisch vertauscht und eine Zeile gewählt, die leider mehrfach missverstanden und abgeschrieben wurde. Ein Grund, die Überschrift zu ändern, ist das nicht. Darüber hinaus wurde im Text sowohl das Verfahren als auch die künftige Verwendung der Begriffe genau beschrieben.“

Soso.

Die ganze Aufregung um die Entscheidung der Leipziger Uni wirkt noch viel absurder, wenn man sieht, dass an der Universität Karlsruhe schon vor einigen Jahren das generische Femininum eingeführt wurde. Dort ist seither nicht von „Studenten“ die Rede, sondern ausschließlich von „Studentinnen“. Zumindest in der Studien- und Prüfungsordnung (PDF) des Studiengangs Maschinenbau.

Übrigens: Auch die Entscheidung aus Leipzig ist eigentlich keine Neuigkeit mehr. Schon im Dezember 2011 berichteten die „Leipziger Volkszeitung“ (PDF) und die Leipziger Hochschulzeitung „student!“ über die Pläne des Senats. Einen Aufschrei gab es damals nicht.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 16. Juni: Wie uns einige Leser mitgeteilt haben, hat das „Morgenmagazin“ seinen Fehler am nächsten Tag richtiggestellt. Und „Spiegel Online“ hat den Teaser schon vor der Veröffentlichung unseres Eintrags geändert. Statt „setzt [die Uni Leipzig] nur noch auf weibliche Bezeichnungen“ heißt es jetzt: „setzt [die Uni Leipzig] in ihrer Grundordnung nur noch auf weibliche Bezeichnungen“.

Manche haben es aber immer noch nicht kapiert.

Offensichtlich. Dass auch nach so langer Zeit die Fakten immer noch so verdreht werden, legt den Schluß nahe, dass es keineswegs um Sachlichkeit und Wahrheit, sondern nur darum ging, die Debatten sinnlos zu manipulieren und anzuheizen.

Der Rest des Artikels ist auch nicht besser und bedient sich Polemiken auf einem Niveau, für das mir meine Zeit zu schade ist. Da wird dann zB ein Harald Martenstein bemüht, und sobald der irgendwo zitiert wird, ist sofort klar, dass sich das weiterlesen echt nicht lohnt.

Aber ich habs trotzdem versucht und wurde nicht enttäuscht.

Respekt und Toleranz scheinen aber gerade nicht zu den herausragenden Eigenschaften der VertreterInnen der Gender-Studies zu gehören. Sie glauben, dass nur sie sich im Besitze der einzigen Wahrheit befänden und können es nicht verstehen, dass nicht alle so denken wie sie.

Der Autor glaubt, dass das Recht-haben-wollen ein Alleinstellungsmerkmal von „VertreterInnen der Gender-Studies“ sei?

Dies wurde auch bei „Hart aber fair“ mehr als deutlich, als die Schauspielerin Sophia Thomalla ihre Verwunderung über einige der dort vorgetragenen Forderungen zum Ausdruck brachte

Die „hihihi, kicher. Sexismus, was ist das? Ich kenn das nicht, also gibts das nicht!“- Thomalla? Na wenn das mal kein Argument ist…

Ach es ist zum Fremdschämen. Over and out.

7 Kommentare zu “„Herr Professorin“ und andere Lügen

  1. Solltest man wenn man fehlende Sachlichkeit kritisiert nicht selbst sachlicher sein? Es sind nicht gerade “Gender-Gegner” die gleiche Rechte für homosexuelle Paare vehement ablehnen, sondern Leute die gleiche rechte ablehnen sind natürlich auch „Gender-Gegner“. Das ist ein großer Unterschied. Jeder Eisbär mag ein weißes Fell haben, doch nicht jedes Tier welches ein weißes Fell hat ist ein Eisbär.

    Abgesehen haust du (wenn man den „Herr Professorin“-Teil weglässt) mehr auf die Personen ein als auf die eigentlichen Aussagen.

    Werde jetzt nicht auf alle Einzelheiten eingehen kann nicht alles in dem Beitrag überprüfen. Allerdings kann ich zum Beispiel nachvollziehen, wenn man meint das mit der Hart aber Fair Sendung ginge in Richtung Zensur.

  2. Dass sich SPON nicht schämt solche Unwahrheiten zu verbreiten … das ist BILD-Niveau. Vermutlich freuen sie sich über die Klicks …

    • Dass sich die Wirtschaftswoche nicht schämt, den Käse wieder aufzurollen, nachdem er längst berichtigt wurde.

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