Männer in der #Pflege

Markus Lauter stellte vor einiger Zeit auf seinem Blog eine interessante Frage. Wie sind eigentlich die Erfahrungen mit Männern in der Pflege?

„Emanzipierte Frauen und weltoffene Männer kämpften den Kampf der Gleichheit aller Menschen weiter. Ich bin diesen Menschen sehr dankbar, weil ich keinen Unterschied im Wert ausmachen kann. Für mich erscheint es unerheblich, welche Religion, welche Haarfarbe, welche Schuhgröße, welche Rasse, welche sexuelle Orientierung oder welches Geschlecht die Person hat, mit der ich in irgendeiner Form kommuniziere.

Natürlich gehöre ich auch bestimmten Gruppen an, indem ich bin, wer ich bin, liebe, wen ich liebe und arbeite, was ich arbeite.
Aber kann ich das denn? Kann ich Pflege? Als Mann?
Nun, natürlich soll es nicht um mich persönlich gehen…
Beim Deutschen Pflegetag stellte Frau Susanne Porsche die These auf, Frauen wären für die Pflege von Menschen disponiert, Männer eher untauglich.

Wie sind Ihre und Eure Erfahrungen mit Männern in der Pflege?
Was verändern Männer – zum Guten oder zum Schlechten?
Welche Geschichten kannst Du als Mann erzählen?
Und wie siehst Du als Frau männliche Kollegen?“

Ich beantworte das mal aus meiner lebenspraktischen Erfahrung heraus.

Dass nur Frauen für die Pflege wirklich geeignet sind, ist natürlich hanebüchener biologistischer und sexistischer Unsinn. Aus welchem Weltbild dieser Irrglaube stammt, ist nicht schwer zu erraten, darum halte ich mich damit gar nicht groß auf.

Männliche Kollegen sind natürlich in erster Linie einfach Kollegen. Qualifiziert, gleichberechtigt, kollegial. Vom Geschlecht unabhängig. In zweiter Linie schätze ich männliche Kollegen, weil sie nach meiner Beobachtung weniger dem Druck erlegen sind, besonders „männlich“ (bzw das, was klischeemäßig damit verbunden wird) sein zu wollen. Es gibt erfahrungsgemäß keine Hahnenkämpfe, kein pubertäres „wer hat den Größten“- oder „mein Haus, mein Auto, meine Frau“-Dominanz-Geprolle.
Männer können ein Frauenteam erfrischend bereichern. Sie zeichnen sich durch ein hohes Maß an Empathie, Verantwortung und Realitätsnähe, und oft auch durch einen sehr alltagserleichternden Humor aus. Sie sind entspannt, locker, bleiben auch in Streßsituationen ruhig.
Sie sind keine nadelstreifenstragenden Yuppis, die nur Geld im Kopf haben. Keine Bürohengste und Schreibtischtiger, die die Welt nur von ihrem Monitor oder aus Büchern kennen. Keine Schnösel, denen Drecksarbeit zu „iihbäh“, oder Pflege zu „statusgering“ ist. Keine emotionalen Krüppel, denen Nähe zu Menschen ein Fremdwort oder zu uncool ist. Keine Gockel, die sich als Hahn im Korb von lauter Frauen anhimmeln lassen. Es sind einfach normale Menschen.
Unterschiede zu Frauen sehe ich da eigentlich nicht, abgesehen von dem Phänomen, dass reine Frauenteams tatsächlich anstrengend sein können, je nachdem, mit welchem „Frauentyp“ man es zu tun hat. Was ich nicht sehe, ist das Klischee, dass Frauen plötzlich wie die aufgescheuchten Hennen um die raren Männer wuseln und hysterisch herumkichern, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Im Gegenteil, ich erlebe es öfter, dass Männer, die neu in ein Team kommen und anfänglich vielleicht noch zurückhaltend und unsicher sind, schnell auftauen, wenn sie merken, dass die Frauentruppe auch ein ganz lockerer Haufen ist, der kein großes Gewese um den Mann macht, keine Berührungsängste, und auch keine Scheu vor vermeintlich peinlicher Alltagskomik oder auch mal zotigen Witzen hat. Ich finde es sehr entspannend, zu sehen, dass Männer und Frauen sich hier wirklich kaum unterscheiden, und neben der Professionalität hauptsächlich die Menschlichkeit, und kein Gockelgehabe oder Konkurenzdenken im Vordergrund stehen.

Manchmal gibt es auch ganz handfeste sinnvolle Gründe, männliche Kollegen in der Pflege zu haben (mal abgesehen davon, dass einfach die meist höhere Körperkraft auch oft sehr hilfreich ist). In der Generation unserer Eltern und Großeltern gibt es viele Menschen, die Angst davor haben, dass Menschen des anderen Geschlechts in ihre Intimsphäre eindringen. Das gibt es nicht nur bei Frauen, die zB Vergewaltigungstraumata aus dem Krieg haben, sondern auch bei Männern, die sehr große Scham zeigen, wenn Frauen sie nackt sehen. Solche Situationen kann man vermeiden, wenn man die Möglichkeit hat, gleichgeschlechtliches Personal einzusetzen.

Ich kann Männer in der Pflege nur begrüßen, ich betrachte sie als echte Bereicherung.

16 Kommentare zu “Männer in der #Pflege

    • Ich kann da irgendwie gar keine Unterschiede feststellen. Wir hatten hier schon super Pfleger, super Pflegerinnen und von beidem auch schon ganz furchtbare. Die Körperkraft kann von Vorteil sein, andererseits hatten wir hier auch schon „gsatndne Weibsbilder“, die richtig kräftig waren. Und selbst die Zarten beiderlei Geschlechts kriegen es, weil ausgebildet, meist besser hin als ich.

    • Ja klar. Es gibt bestimmte Techniken, die das bewegen und mobilisieren von immobilen Menschen erleichtern. Aber das funktioniert auch nicht immer und grenzenlos. Manchmal ist schlichte Muskelkraft einfach hilfreicher

  1. „Ich kann Männer in der Pflege nur begrüßen, ich betrachte sie als echte Bereicherung.“

    Das freut mich, dass Männer in Deinen Augen zu etwas nützlich sein können.

  2. Was ich noch hinzufügen möchte – es ist absolut wünschenswert, dass es mehr Männer in der Pflege gibt

    Selbstredend ist nur Feminismus daran Schuld, dass es leider doch nur so wenige Männer in diesen Bereich gibt

  3. Hallo,

    ich habe früher zwei Jahre lang auf einer Altenpflegestation gearbeitet: „Pflegestufe 3“ hieß das damals. Danach kommt nur noch das Beerdigungsinstitut.

    Zwei Gründe haben mich dazu bewogen, diese Tätigkeit aufzugeben:
    1. Die vergleichsweise geringe Bezahlung der Arbeit
    2. Die Verachtung, die mir die meisten anderen Pflegekräfte, aber auch die Insassen entgegengebracht haben.

    @ oheinfussel, @ gleichheitunddifferenz, @ onyx

    Wer sich darüber mokiert, daß nur so wenige Männer in Pflegeberufen arbeiten, der sollte vielleicht nicht so sehr die eigene Ironie bemühen, als den Gender Spending Obligation Gap berücksichtigen. Dieser Gap führt dazu, daß die Mehrzahl der jungen Männer vergleichsweise hohe Ausgaben tätigt und deshalb um lukrative Jobs in der Wirtschaft konkurriert. Als Konsequenz werden mäßig bezahlte Berufe nach Möglichkeit vermieden.

    Man kann natürlich fragen, warum junge Männer immer so viel Geld ausgeben müssen (vergleichsweise). Nun, ein Mann, der bereit ist, als Penner links liegen gelassen zu werden, der muß gar kein Geld ausgeben. (Ich hab‘ das neun Jahre lang so gemacht.) Doch wer bei den jungen Frauen ein wenig Eindruck hinterlassen möchte, wer vielleicht sogar mal eine Familie gründen und Kinder großziehen will, der ist gut beraten, sich eine üppige Portokasse zuzulegen. Ohne Markenklamotten, ohne modisches Auto (kein Gebrauchtwagen!) wird es da schwierig … Ohne das Taschengeld für die eigene Freundin sowieso.

    Und wer von seinen Bekannten als Typ mit Zukunft geschätzt werden möchte (und nicht bemitleidet als Trottel, der den Pflegenotstand verwaltet), der sollte sich zweimal überlegen, ob er nicht doch besser Ingenieur wird, oder wenigstens Steuerberater.

    • @ Jochen
      Es fällt mir schwer zu glauben, was du erzählst. Abgesehen davon, dass der Begriff „Insassen“ für die Pflegebedürftigen eher unüblich ist, ist es genauso unüblich, dass die diese die Pflegekräfte „verachten“. Dass es innerhalb eines Teams Probleme geben kann, mag schon sein, aber die Heimbewohner verachten selten bis nie diejenigen, die für sie sorgen. Da muß es schon gravierende Ursachen geben (übrigens auch dann, wenn „die meisten anderen Pflegekräfte“ einen ablehnen), die auch an der Pflegeleitung nicht vorbei gehen dürften.

      Vor diesem Hintergrund ist eher zu vermuten, das deine Story erfunden ist, oder du einige Details weggelassen hast (zB schlicht bei der Arbeit Mist gebaut hast), dass dich keiner mochte. Kein Mensch verachtet ohne Grund Pflegekräfte. Keiner. Nicht mal Demenzkranke, die oft nicht verstehen, was mit ihnen passiert. (Abgesehen vielleicht von ein paar außenstehenden Spinnern, die keine Ahnung von der Arbeit haben)

    • „Zwei Gründe haben mich dazu bewogen, diese Tätigkeit aufzugeben:

      2. Die Verachtung, die mir die meisten anderen Pflegekräfte, aber auch die Insassen entgegengebracht haben.“

      Da kann ich nur sagen: Augen auf bei der Berufswahl! Wer es sich so bei den Kollegen sowie bei den Bewohnern (so nennt man sie nämlich) so verscherzt, dass einem nur noch Verachtung entgegenweht, dann er oder sie defintiv vieles falsch gemacht und scheint sozial inkompetent zu sein. Man sollte seine Probleme nicht auf andere projezieren, wenn man offenbar selbst das Problem ist.

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