Kann #Pflege Glaube und Spiritualität näherbringen?

Ich bin weit davon entfernt, ein religiöser Mensch zu sein. Dank meiner Erziehung, die irgendwo zwischen agnostisch und atheistisch einzuordnen war, hat mich das Thema auch nie sonderlich interessiert.

Aber im Lauf meiner Berufsjahre hab ich Eines ganz deutlich gemerkt. In Situationen, wo die Möglichkeiten meines Einflusses, meiner Handhabe aufhören, insbesondere, wenn Menschen sterben, nähere ich mich ein Stück weit einer gewissen Spiritualität an. Einer Art Glauben, den ich nicht weiter definieren kann. Wenn ich nur noch danebenstehen und zusehen kann, wie ein Mensch leidet, spüre ich das Bedürfnis, ein Stück meiner Verantwortung abzugeben und das einzige, was ich dann noch tun kann, ist den Wunsch zu äußern, dass die Leiden dieses Menschen beendet werden. Der Wunsch, diesem Menschen eine letzte Ehrerbietung und die letzte Würde zu geben. Aber wem gegenüber kann ich diesen Wunsch äußern? Den Ärzten, die ab eine gewissen Punkt genauso handlungsunfähig sind? Nein, ich äußere diesen Wunsch still ich mich hinein, gewissermaßen in Richtung irgendeiner nicht greifbaren höheren Macht.

Hätte mir das jemand vor 20 Jahren gesagt, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt. Wie bei so ziemlich jedem Menschen war meine Jugend geprägt von Rebellion, Hedonismus und Ausprobieren, und allem anderen als spirituellen Gedanken rund um Sinn und Wert des Menschseins, oder religiösen Fragen rund um Gott und Glauben.

Aber wenn man jeden Tag mit existentiellen Lebensfragen konfrontiert wird, auf die man auch nach langjähriger Erfahrung keine Antworten weiß, und bei denen es schwer ist, immer zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, dann sucht man sich vermutlich unbewußt einen anderen Anker, an dem man sich festzuhalten versucht. Verstärkt wird das natürlich, wenn man täglich mit Menschen arbeitet, die aus einer Generation stammen, in der eine tiefreligiöse Erziehung noch wesentlich stärker im Vordergrund stand, als es heute der Fall ist.

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Sterbefall errinnern. Das war noch in der Ausbildung. Eine Dame war sehr plötzlich verstorben und ich war heillos überfordert. Ich zitterte, mir standen Tränen in den Augen, hab mich kaum getraut, sie anzufassen. Zum Glück hatte ich eine erfahrene und sehr empathische Kollegin an meiner Seite, die mich sehr unterstützt hat. Als wir sie gewaschen und schön angezogen hatten, fragte sie mich, ob ich mich noch verabschieden will. Und mir fiel nichts anderes als ein „Ruhe in Frieden“ ein, und sofort war ich irgendwie erleichtert. Und dieses Gefühl der Erleichterung hat sich über die Jahre immer wieder bestätigt, wenn ich diesem kleinen Bedürfnis nach einem Moment der Ruhe und der letzten Würde nachgegeben habe.

Dazu kommen natürlich die vielen anderen Momente, in denen mir große Dankbarkeit von religiösen Bewohnern entgegenkommt, die mich immer wieder berührt. Unvergessen sind 2 konkrete Beispiele:

„Danke für die Hilfe. Möge Gott Ihnen auch helfen“
„Sie sind ein Engel. Möge Gott Ihnen das Licht zeigen“

Dazu kommen auch andere Beispiele aus dem Privatleben. Das Sterben meiner Großmütter, die Krankheit meines Vaters, auch das waren Situationen, in denen ich mich an Spiritualität festgehalten habe, weil ich nicht anders weiterwußte.

Und damit wieder zum Eingangssatz. Ich bin kein religiöser Mensch. Es gibt gute Gründe, Religiösität und Kirche kritisch zu sehen. Aber ich merke, dass es mir gut tut, mich ein Stück weit zu öffnen und spirituelle Gedanken zuzulassen.

Ein Kommentar zu “Kann #Pflege Glaube und Spiritualität näherbringen?

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