Perspektivenwechsel

Im Geschlechtermatschblog ist heute ein Text erschienen, den ich ausnahmsweise mal hochinteressant finde, und daher auch mal als Lesetipp verlinke.
User Graublau berichtet aus seiner persönlichen Perspektive über seine Sicht auf die Entwicklung der Männerrechtler“szene“, die ich gar nicht verkehrt finde. Warum? Weil ich beim Lesen ein heftiges Dejavu hatte und deutliche Parallelen zu meinen eigenen Erfahrungen in der #Aufschrei-Diskussion gesehen habe.

Er erzählt:

„Ich hatte einige Jahre das dumpfe Gefühl, dass bei Debatten um Gleichberechtigung irgendetwas falsch läuft, die Aufregung schien mir „verbogen“ und nicht auf den Kern der Probleme fokussiert. Aber genau benennen konnte ich das nicht. Es war eben nur ein Bauchgefühl, nicht klar zu benennen, heute da, morgen mal wieder weg.

Dann fand ich Texte wie die von man in the middle. Plötzlich wurden die Gedanken geordnet. Die Sachverhalte und Argumente waren klar; sie konnten ja aus tagesaktuellen Ereignissen abstrahiert und allgemeingültig formuliert werden.“

Genauso ging es mir damals, als der Aufschrei kam. Ich hatte damals auch in einem Artikel erklärt, warum diese Aktion für mich so bedeutend war. Und ich sehe da wie gesagt einige Parallelen zu dem, was @Graublau berichtet. Dass jahrelang irgendwelche Dinge in die Köpfe geimpft wurden, die falsch sind, was aber nicht konkret benannt werden konnte, weil man es ja nicht anders kannte, und plötzlich gab es da diese Möglichkeit, die das alles unter einen Nenner brachte und unzähligen Personen eine Stimme gab.

Für Graublau war es eine wohltuende Neuheit, endlich Dinge aussprechen zu können.

„Ja, dieses sprechen können für die eigenen Anliegen, dieses Dinge formulieren können, das war neu und fühlte sich richtig an.“

Das war es im #Aufschrei auch.

Natürlich sind auch Ängste damit verbunden:

„Also, was tun, wenn der öffentliche Diskurs so verbrannt ist, dass man sich nur noch unter Pseudonym zu äußern traut, um nicht geächtet zu werden?“

Die Angst vor realen Konsequenzen und damit die Bedeutung des Schutzes der eigenen Anonymität kennt wohl jede Feministin.

Ich finde es ganz wichtig, sich hier mal vor Augen zu führen, dass Debatten nicht zielführend sind, die sich nur darauf beschränken, die jeweils andere Position pauschal als „Feindlichkeit“ abzutun, sondern zu erkennen, dass die Intentionen mitunter gar nicht so verschieden sind, wenn man sie aus einer persönlichen Perspektive betrachtet.

Und es bringt genauso wenig, jetzt zu sagen. „Ja du erzählst zwar aus deiner Postion heraus das gleiche wie ich, aber ich hab halt Recht und du nicht“. Das wäre hochgradig anmaßend und tatsächlich ein Zeichen für Feindlichkeit.

Man kann nicht einfach die persönliche Erfahrung anderer als falsch bezeichnen, nur weil sie mit der eigenen nicht übereinstimmt. Denn genau das führt nicht zu Lösungen und Erfolgen, die ja so sehr herbeigesehnt werden, sondern zu Feindseligkeit, Unverständnis und Hass.
Fakt ist, dass auch genau das damals beim Aufschrei passiert ist. Vieles wurde einfach kurzerhand als Lüge, Übertreibung oder Hass bezeichnet. Also etwas, worüber sich Maskulisten und Antifeministen derzeit mal wieder sehr wundern, wenn ihnen das vorgeworfen wird. Das Thema scheint ja jetzt überhaupt wiedermal besonders aktuell zu sein, aber ist vermutlich auch in Kürze wieder vergessen, unterstelle ich mal. Ist ja nicht so, dass es nicht schon oft als Kritik thematisiert worden wäre. Hat sich da irgendwas gebessert? Nö, im Gegenteil. Aber das würde jetzt zu weit führen.

Und ich bin irgendwie neugierig, ob es irgendjemanden da draußen gibt, der angesichts dieser Parallelen jetzt besser nachvollziehen kann, warum die pauschale Diffamierung des Aufschreis nicht besonders schlau war/ist. Einfach mal die Persepektive wechseln und man sieht vielleicht ein bisschen klarer.

Ich bin Graublau für seine Offenheit jedenfalls sehr dankbar und ich finde seinen Text weit gehaltvoller als 99% aller anderen Texte aus diesem Klientel.

3 Kommentare zu “Perspektivenwechsel

  1. Hallo, ich habe eine einfache Frage. Du schreibst:

    „Und es bringt genauso wenig, jetzt zu sagen. „Ja du erzählst zwar aus deiner Postion heraus das gleiche wie ich, aber ich hab halt Recht und du nicht“. Das wäre hochgradig anmaßend und tatsächlich ein Zeichen für Feindlichkeit.“

    Warum ist es ein Zeichen von Feindlichkeit zu sagen: „… ich hab halt Recht und du nicht“? Eine solche Äußerung ist sicher nicht feindlich, warum soll sie nun ein Zeichen von Feindlichkeit sein?

    Etwas später deutest Du an, eine solche Äußerung führe zu „Feindseligkeit, Unverständnis und Hass.“ Nun, in machen Fällen mag eine solche Äußerung zu Feindseligkeit und Hass führen – aber sicher nicht in allen Fällen. In etlichen Fällen führt sie einfach bloß zu Achselzucken.

    Aber nehmen wir einmal an, in einem konkreten Fall sage ich „… ich hab halt Recht und du nicht“, und dies führt bei meinem Gesprächspartner zu Feindseligkeit und Hass. Macht diese Reaktion meine Äußerung von „… ich hab halt Recht und du nicht“ zu einem „Zeichen für Feindlichkeit“? Sicher nicht. Die Reaktion meines Gesprächspartners kann eben nicht den Charakter meiner Äußerung festlegen.

    Darüber hinaus: falls mein Gesprächspartner mit Feindseligkeit und Hass reagiert, warum sollte dies meine Schuld sein? Normalerweise kann man die Äußerung schlichter Aussagesätze nicht verantwortlich machen für die Feindseligkeit anderer Leute.

    Und genau so wenig ist die Äußerung von „… ich hab halt Recht und du nicht“ „hochgradig anmaßend“, wie Du schreibst. Wenn zwei Leute widersprechende Ansichten kundtun, dann können nicht beide Recht haben – auch dann nicht, wenn diese Leute noch so oft „einfach mal die Perspektive wechseln“.

    Du schreibst weiter:

    „Man kann nicht einfach die persönliche Erfahrung anderer als falsch bezeichnen, nur weil sie mit der eigenen nicht übereinstimmt.“

    Hier liegt ein Mißverständnis vor. Viele Leute berufen sich bei allen möglichen Positionen auf ihre eigene Erfahrung, weil sie meinen, sie selbst seien die oberste Autorität in Bezug auf ihre persönliche Erfahrung.

    Nun, betrachten wir mal ein Beispiel und nehmen wir an, ich identifiziere mich als Alien, weil ich mich persönlich ganz subjektiv genau so fühle. Wenn der gütige Mann im weißen Kittel mir nun widerspricht, dann hat er damit nicht meine Erfahrung als falsch bezeichnet – er besteht lediglich darauf, daß diese subjektive Erfahrung – mir ist es jetzt so, als wäre ich ein Alien! – nicht der Wirklichkeit entspricht.

    Derselbe Fall läge vor, wenn ich mich als Frau identifizieren würde. Der Arzt bestreitet nicht, daß mir so ist, als wäre ich eine Frau (genau deswegen behandelt er mich ja) – er verweist lediglich darauf, daß ich de facto keine Frau bin. Und da hilft es jetzt überhaupt nicht, wenn ich insistiere: „Aber ich fühle mich so! Genau das ist meine ganz persönliche Erfahrung!“ Meine Erfahrung kann nicht festlegen, welches Geschlecht ich habe, sie kann auch nicht festlegen, ob ich Einstein bin.

    Nehmen wir einen anderen Fall: Ich sage dem Arzt, daß ich Schmerzen habe. Kann er mich sogar in dieser Frage korrigieren? Nun, vielleicht fragt der Arzt mich: „Wo denn?“, und ich sage: „Na, hier im Arm.“ Und was ist, wenn der Arzt nun sagt: „Sie haben keine Arme mehr. Die sind bei Ihrem Unfall weggerissen worden“?

    Kurzum, die Berufung auf persönliche Erfahrung leistet herzlich wenig. Phantomschmerzen muß man ernst nehmen – aber man darf sie nicht mit der äußeren Realität verwechseln.

    • Warum ist es ein Zeichen von Feindlichkeit zu sagen: „… ich hab halt Recht und du nicht“? Eine solche Äußerung ist sicher nicht feindlich, warum soll sie nun ein Zeichen von Feindlichkeit sein?

      Sie wäre es nicht, wenn sie sich auf rein objektive Fakten beziehen würde, bei denen es ein klares richtig oder falsch gibt. Hier gehts aber grad um persönliche Erfahrungswerte. Die bei anderen Menschen als falsch werten zu wollen, zeugt von einem recht starken Feindbild.

      Aber nehmen wir einmal an, in einem konkreten Fall sage ich „… ich hab halt Recht und du nicht“, und dies führt bei meinem Gesprächspartner zu Feindseligkeit und Hass. Macht diese Reaktion meine Äußerung von „… ich hab halt Recht und du nicht“ zu einem „Zeichen für Feindlichkeit“? Sicher nicht. Die Reaktion meines Gesprächspartners kann eben nicht den Charakter meiner Äußerung festlegen.

      Darüber hinaus: falls mein Gesprächspartner mit Feindseligkeit und Hass reagiert, warum sollte dies meine Schuld sein? Normalerweise kann man die Äußerung schlichter Aussagesätze nicht verantwortlich machen für die Feindseligkeit anderer Leute.

      Also ist es auch nicht die Schuld des Feminismus, dass Antifeministen mit Hass und Feindseligkeit reagieren, und antifeministische Reaktionen können auch nicht den Charakter des Feminismus festlegen? Ok. Gut, dass du das so siehst.

      Und genau so wenig ist die Äußerung von „… ich hab halt Recht und du nicht“ „hochgradig anmaßend“, wie Du schreibst. Wenn zwei Leute widersprechende Ansichten kundtun, dann können nicht beide Recht haben – auch dann nicht, wenn diese Leute noch so oft „einfach mal die Perspektive wechseln“.

      Natürlich können sie das. Warum soll denn nur ein Erfahrungswert richtig sein und der andere damit automatisch falsch? Gibts bei dir nur schwarz oder weiß?

      Hier liegt ein Mißverständnis vor. Viele Leute berufen sich bei allen möglichen Positionen auf ihre eigene Erfahrung, weil sie meinen, sie selbst seien die oberste Autorität in Bezug auf ihre persönliche Erfahrung.

      Nun, betrachten wir mal ein Beispiel und nehmen wir an, ich identifiziere mich als Alien, weil ich mich persönlich ganz subjektiv genau so fühle. Wenn der gütige Mann im weißen Kittel mir nun widerspricht, dann hat er damit nicht meine Erfahrung als falsch bezeichnet – er besteht lediglich darauf, daß diese subjektive Erfahrung – mir ist es jetzt so, als wäre ich ein Alien! – nicht der Wirklichkeit entspricht.

      Derselbe Fall läge vor, wenn ich mich als Frau identifizieren würde. Der Arzt bestreitet nicht, daß mir so ist, als wäre ich eine Frau (genau deswegen behandelt er mich ja) – er verweist lediglich darauf, daß ich de facto keine Frau bin. Und da hilft es jetzt überhaupt nicht, wenn ich insistiere: „Aber ich fühle mich so! Genau das ist meine ganz persönliche Erfahrung!“ Meine Erfahrung kann nicht festlegen, welches Geschlecht ich habe, sie kann auch nicht festlegen, ob ich Einstein bin.

      Nehmen wir einen anderen Fall: Ich sage dem Arzt, daß ich Schmerzen habe. Kann er mich sogar in dieser Frage korrigieren? Nun, vielleicht fragt der Arzt mich: „Wo denn?“, und ich sage: „Na, hier im Arm.“ Und was ist, wenn der Arzt nun sagt: „Sie haben keine Arme mehr. Die sind bei Ihrem Unfall weggerissen worden“?

      Bin mir grad nicht sicher, ob ich das ernst nehmen soll.

    • Warum nicht ernst nehmen? Er bemüht sich doch, mit Beispielen rüber zu bringen, warum subjektive Erfahrung nicht dasselbe ist wie objektive Wahrheit.

      Nun gibt es „objektive Wahrheit“ aber nicht bezüglich allem, über das man sprechen kann. Und auch die vermeintlich „objektive Wahrheit“ besteht oft genug nur insoweit, als man bestimmte Dinge wissenschaflich untersuchen, sprich: messen kann. Schon die Deutung der Daten ist nicht mehr objektiv, wie der Blick auf unzählige Studien leicht beweist.

      Oder nehmen wir das Beispiel Geschlecht: es gibt, soviel ich weiß, wissenschaftliche Belege/Hinweise, dass „dritte Geschlechter“ und verschiedene Trans-Varianten (man verzeihe mir die vielleicht unkorrekten Bezeichnungen, ich steck da nicht so drin im aktuellen Diskurs) durch verschiedene Verläufe während der Schwangerschaft zustande kommen, in der die „übliche“ Reihenfolge und Stärke der einwirkenden Hormone irgendwie „verschüttelt“ bzw. anders ist. Mit dem Ergebnis, dass jemand evtl. äußere Geschlechtsmerkmale aufweist, die jedoch nicht der letztlich zustand gekommen hormonellen Gesamtsituation (bzw. deren psychischem Ergebnis) entsprechen.
      Das Festhalten an äußeren primären Geschlechtsmerkmalen ist insofern nicht „objektiv wahr“, sondern eine gesellschaftliche Deutung.

      Was die subjektive Wahrheit angeht, so führt weder sie noch der Widerspruch zu Feindseligkeiten, wenn beide Seiten sich bewusst bleiben, dass die Erfahrung subjektiv und als solche eben „subjektiv wahr“ ist.
      Dies ist schon lange Erkenntnis und Praxis der „gewaltfreien Kommunikation“ (halte ich für eine unglückliche Bezeichnung, aber egal…). Von sich sprechen, die eigene Erfahrung und Deutung schildern – wer das ohne Anspruch auf objektive Verallgemeinerung für alle tut, wird nicht feindselig wirken. Und sich durch einen Widerspruch, der ebenfalls auf subjektiver Erfahrung beruht, nicht extrem angegriffen fühlen.

      Leider ist das den meisten Leuten egal – insbesondere im Netz, wo man dem Gegenüber je nicht direkt begegnen muss.

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