Anforderungen an die Demenzbetreuung

Hab ich einen Artikel dazu gelesen oder einen Bericht gesehen, ich weiß es nicht mehr. Es wurde sich vor nicht allzu langer Zeit darüber beklagt, dass in der Demenzbetreuung zu wenig Validation und Antidementiva und zuviel Neuroleptika eingesetzt würden, um Patienten ruhigzustellen.

So kann man nur reden, wenn man nicht nur keine praktische Erfahrung, sondern auch keinerlei theoretisches Hintergrundwissen hat.

Antidementiva heilen keine Demenz. Das ist gar nicht möglich, denn Demenz ist nicht heilbar. Sie können im Anfangsstadium (!) Symptome verzögern, sonst nichts.
Anfangsstadium heißt, dass die Symptome noch nicht sehr weit ausgeprägt sind. Es kommt zu Erinnerungslücken, die jeder von uns schon mal erlebt hat. Wo ist das Auto geparkt? Wo ist der Schlüssel? Was wollte ich gerade tun?
Es treten Orientierungsstörungen auf, man findet sich nicht mehr zurecht, findet bekannte Wege nicht mehr. Oft begleitet von depressiven Schüben, weil der Mensch merkt, dass etwas nicht stimmt und das nicht einordnen kann.
In diesem Stadium können Antidementiva helfen, Gedächtnisfunktionen eine Zeit lang zu erhalten.

Ist die Demenz fortgeschritten, helfen Antidementiva genau Nichts. Sie können keinen Verlust von Nervenzellen und damit einhergehende Verhaltenveränderungen ersetzen. Validation ist da auch kein Garant. Es ist ein individuelles Kommunikationsmodell, das temporär Auffälligkeiten lindern KANN. Verstärken sich die Verhaltensauffälligkeiten wie Unruhe, Ängste, Aggressivität, so dass sie nicht mehr kontrolliert werden können, müssen unter Umständen Neuroleptika eingesetzt werden, um eine Eigen- und Fremdgefährdung des Patienten zu vermeiden.

HEILEN kann das alles nicht. Und ich hab die Faxen dicke davon, dass von uns erwartet wird, dass wir jedes anstrengende Verhalten mit einem Fingerschnipp, aber um Gottes Willen ohne Pillen aus der Welt schaffen können. Das funktioniert nicht. Unterstützen kann da höchstens ein individuelles Betreuungskonzept, das viel Ruhe und Erfahrung braucht. In der derzeitigen Personalsituation in der Regel undenkbar. Was meistens bleibt, ist eine medikamentöse Einstellung.

Also,
@ Besserwisser: Wenn ihr alles besser könnt, dann macht es besser.
@ meckernde Angehörige: Wenn ihr uns nix zutraut und sowieso alles Scheiße ist, dann kündigt den Pflegevertrag und kümmert euch selbst um eure Lieben zu Hause. Viel Spaß.

#Pflege: Angehörigenarbeit

Angeregt durch eine Twitterunterhaltung mit @TrullaCouch (ihr Blog: Frau Sofa) möchte ich mal über ein Thema sprechen, dass in meiner Beobachtung mit eine Ursache dafür ist, dass die Arbeit in der Pflege oft unterschätzt wird und für entsprechende Mißverständnisse sorgt.

Ich erlebe es regelmäßig, dass die Angehörigen von Pflegebedürftigen und Demenzkranken nicht ausreichend über die Erkrankungen des Bewohners aufgeklärt sind und demnach oft überfordert sind. Warum ist meine Mutter heute so unruhig? Warum erkennt mich mein Vater nicht? Warum isst er nicht? Warum schreit sie so? Warum will sie nicht mit mir spazierengehen? Warum ist er unrasiert? Warum lässt er keine Hilfe zu? Kümmern sich die Schwestern hier nicht genug? Hat meine Mutter ihre Medikamente nicht bekommen? Oder zu viel? Und wie sieht das Zimmer überhaupt aus? Warum hat Mutter die ganzen Sachen aus dem Schrank geräumt? Warum streitet sie mit dem Mitbewohner, der auf ihrem Platz sitzt? Warum fehlt der Lieblingsteddy auf dem Bett? Klaut hier jemand?

Die Liste solcher und ähnlicher Fragen lässt sich endlos fortsetzen. Dann ist es unsere Aufgabe, Angehörige darüber aufzuklären, welche Verhaltensauffälligkeiten eine Demenzerkankung mit sich bringt. Normalerweise sollte das schon seitens der Heimleitung vor Einzug geschehen, aber manchmal ist den Angehörigen das Ausmaß nicht bewußt. Dass sowas nie böse und absichtlich geschieht, sondern eben Teil der eigenen Welt des Erkrankten ist, die man akzeptieren muß, ist ein gewaltiger Lernprozess, den man nicht unterschätzen darf. In der Regel funktioniert das auch, denn die meisten Angehörigen sind sehr regelmäßig da und nehmen damit großen Anteil an unserem Alltag. Sie kennen uns und unsere Arbeit, wir unterhalten uns oft, oft sind sie sogar eine wertvoll helfende Hand bei der Arbeit, indem sie sich selbst um ihren Angehörigen kümmern und zB das Essen anreichen (der Ausdruck „füttern“ ist hier im Kontext übrigens streng verboten. Man füttert Tiere, keine Menschen). Ein Sohn kommt zB mehrmals in der Woche nachmittags und bringt seine Mutter dazu, sich von uns duschen zu lassen, da sie dies sonst immer ablehnt und uns aus dem Zimmer wirft. Ein anderer Sohn, dessen Vater schon lange verstorben ist, hat uns einen wunderbaren Dankesbrief geschrieben und hat mit der Pflegeleitung vereinbart, dass er für uns gelegentlich dringende Botengänge übernimmt, zB Rezepte aus Arztpraxen holen etc. Eine Ehefrau, deren Mann vor langer Zeit verstorben ist, arbeitet mittlerweile ehrenamtlich im Haus. Eine andere Ehefrau kommt täglich und hilft ihrem Mann beim Essen. Eine weitere andere Ehefrau kommt jedes Wochenende und hilft nachmittags beim Kuchen verteilen und hilft ebenso ihrem Mann beim Essen. Wir haben schon oft gesagt, dass das nicht ihre Aufgabe ist und sie das nicht tun muß, aber sie will es unbedingt, weil sie sich dadurch gebraucht fühlt. Sie will einfach helfen. Mittlerweile haben wir uns an sie gewöhnt und wissen ihre Hilfe sehr zu schätzen. Das war anfänglich auch anders. Auch sie war eine dieser schwierigen Angehörigen, die wegen jeder Kleinigkeit zu uns oder der Pflegeleitung gekommen ist und irgendwelche Beschwerden hatte. Nach vielen Gesprächen und langsamem kennenlernen ist sie jetzt sehr zufrieden mit uns und gehört fast zur Mitarbeiterfamilie. Aber das war ein Stück Arbeit.

Dass es schwer ist, dem geistigen und körperlichen Verfall eines geliebten Menschen zusehen zu müssen, ist absolut verständlich und ich habe mir ein entsprechend dickes Fell und eine Menge Geduld zugelegt und mir im Ergebnis dessen und aufgrund meiner Erfahrung und meiner Kompetenz die Achtung und den Respekt der meisten Angehörigen verdient. Auch das war ein Stück Arbeit. Auch ich hatte Gespräche mit der Pflegeleitung, weil sich Angehörige über mich beschwert haben, weil ich mir eben nicht alles habe gefallen lassen.

Dennoch kommt es immer wieder vor, dass Angehörige einfach nicht verstehen, dass wir bei aller Qualifikation aller Bemühungen keine Wunder vollbringen können. Vorwürfe, Unterstellungen, gezielte Fehlersuche, überhöhte Ansprüche. All das sind Probleme, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden. Es sind nur wenige Personen, die so anstrengend sind, aber sie können einen Stationsalltag sprengen. Gerade in besonders emotional belastenden Situationen wie in der präfinalen Phase eines Menschen ist das spürbar. Da will eine Tochter am liebsten, dass rund um die Uhr ein Arzt bei der Mutter ist und Händchen hält. Das ist nicht mal im Krankenhaus realisierbar, geschweige denn im Heim. Da bekommt sie einmal zu viele Medikamente, dann wieder zu wenig. Einmal ist es zu heiß, warum läuft der Ventilator nicht, dann bläst er ihr zu stark ins Gesicht. Einmal ist sie zu unruhig, dann schläft sie zu viel. Und so weiter und so fort…

Ich habe festgestellt, dass der Umgang mit schwierigen Angehörigen ähnlich zu handhaben ist, wie mit den Demenzkranken selbst. Stichwort: Validation. Das Gegenüber ernstnehmen, sie emotional dort abholen, wo sie stehen und ihre Sorgen als Realität betrachten. Souverän und verständnisvoll auftreten und über Sachverhalte aufklären. Das heißt natürlich nicht dass man sich alles bieten lassen muß. Wenn es die Situation verlangt, auch mal zur Ruhe auffordern oder das Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt verlagern oder aber auch Vorgesetzte einbeziehen. Das funktioniert natürlich nur, solange ein sachliches Gespräch auch möglich ist. Wenn die negativen Emotionen allzu hoch kochen, ist es sinnvoller, das Gespräch abzubrechen.

Rückblickend auf all diese Erfahrungen kann folgendes noch mal deutlich sagen. Menschen, die ihre „Kenntnisse“ vom Hörensagen haben oder einmal im halben Jahr die Omma im Heim besuchen, sich ständig über Kleinigkeiten beschweren, oder aus sonstwelchen Gründen meinen, beurteilen zu können, dass Pflege kein anspruchsvoller Beruf sei, sind im besten Fall genau solche anstrengenden Angehörigen, die überfordert und unaufgeklärt sind. Im schlechtesten Fall sind sie einfach dumm.

#Gewalt in der #Pflege

Ich gehe eine Wette ein.

Jeder Einzelne meiner werten Leserschaft hatte beim Lesen des Titels ein bestimmtes Bild vor Augen.
Schlecht versorgte Pflegebedürftige in erbarmungswürdigem Zustand. Unterernährt, übermüdet, einsam, in Exkrementen liegend, übersät mit Hämatomen, umgeben von überforderten, gestressten oder unmotivierten Pflegekräften, die sich einen Dreck um das Wohl der Leute sorgen. Die sie anschreien, gewaltsam Essen reinstopfen oder es ganz bleiben lassen, Toilettengänge verweigern, Intimsphäre mißachten oder sogar schlagen. Gefundenes Fressen für Team Wallraff & Co und immer für einen Aufreger und eine Schlagzeile gut, wie scheiße die Pflege in Deutschland ist.

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Demenz – keine Unterstützung für Angehörige

„Monitor“ am 09.09.2010:

Immer mehr Menschen erkranken in Deutschland an Demenz. 1,2 Millionen Menschen sind es heute, bis 2050 soll sich ihre Zahl verdoppeln. Die meisten von ihnen müssen von ihren Angehörigen rund um die Uhr betreut werden. Dennoch erhalten viele nicht die nötige Pflegestufe, weil das Gesetz hauptsächlich körperliche Gebrechlichkeit als Maßstab der Hilfsbedürftigkeit ansieht. Körperlich sind viele Demenzkranke jedoch lange Zeit noch fit, ihre geistigen Schwächen werden dagegen nicht hinreichend erfasst. Abhilfe schaffen könnte ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff, über den seit 15 Jahren diskutiert wird. Doch die Politik schiebt die Reform der Pflege weiter vor sich her.

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