Emanzipation zerstört Erotik? Nope.

Die SZ hat während ihrer Recherche-Reihe zur „Gleichberechtigung heute“ ja schon einige recht lesenwerte Artikel hervorgebracht. ZB

zur Aufgabenverteilung bei der Haus- und Familienarbeit.

zur Lebenserwartung von Männern und Frauen

über sexuelle Gewalt

ein Rant über pöbelnde Maskulisten

oder ein Videoquiz über Sexismus

Es wird natürlich auch Unsinn geschrieben, wie jüngst von Violetta Simon, die da behauptet, dass „Emanzipation die Erotik tötet“.

Untermauert mit einer Menge an bekanntem biologistischem Kram, und der unterschwelligen, oder eigentlich vielmehr sehr deutlichen Botschaft, dass Frauen häuslich, sanft und submissiv, und Männer dagegen wild, stark und dominant sein müssen, wenns im Bett laufen soll. So weit, so langweilig.

Dieses Bild, dass Sex nur dann sexy ist, wenn der starke Mammutjäger seine Beute an den Haaren ins Bett zerrt, mag ja partiell anregend sein, aber daraus die plumpe Idee zu stricken, dass gelebte Emanzipation die Erotik töten würde, und einer ja immer die Führung übernehmen müsse, erinnert eher an den Versuch, irgendwelche 50 Shades of Schwachsinn-Phantasien krampfhaft als das einzig selig machende NonplusUltra darstellen zu wollen. Und bei solchen penetranten Versuchen, wenns darum geht, eine Lebensweise als optimal zu glorifizieren, und jede andere daneben als Frustgarant zu verteufeln, sollte doch jeder Mensch mit Verstand mißtrauisch werden. Kennen wir alles schon zur Genüge von Hermann, Kelle & Konsorten. Warum soll es denn nicht möglich sein, sich vorzustellen, oder – welch rebellischer Gedanke – es sogar zu akzeptieren, dass es unzählige Facetten und Möglichkeiten gibt, Sex und Erotik im kommunikativen Austausch auszuleben? So, Augenhöhe, Gleichberechtigung, Emanzipation und so. Jeder kann machen, worauf alle Beteiligten Bock haben. So verrücktes Zeug halt. Ich finde ja nichts langweiliger und unerotischer als Menschen, die meinen, zu wissen, was andere geil oder ungeil finden müssen. Woher kommt dieser Drang danach, die Welt in schwarz und weiß einzuteilen, und praktischerweise gleich zu verurteilen, wenns nicht in den eigenen Kram passt? „Tradition“ = yay, Emanzipation = pfuibäh. Ist es irgendeine irrationale Angst vor Veränderung? Oder davor, selbst nicht in irgendeine wie auch immer gepresste Norm zu passen? Ich weiß es nicht. Und ehrlich gesagt, will ich es auch nicht wissen. Weil diese Art Denke so gar nichts mit meiner Lebensrealität zu tun hat und ich kenne auch niemanden, bei dem das signifikant anders ist. An alle Violetta Simons da draußen: Es gibt ganz andere Baustellen da draußen, an die wir ran müssen. Emanzipation als Lustkiller zu verkaufen, ist mal ein gründlich überflüssiger Backlash in die 50er. Das brauchen wir wie Fußpilz.

Daher mein Fazit: Nicht Emanzipation, sondern Engstirnigkeit und fehlende Kommunikation zerstören die Erotik.

Sehr schön und weit ausführlicher hat dazu Svenja Gräfen bereits treffende Worte gefunden.
http://svenjagraefen.de/liebe-violetta-simon-lassen-sie-uns-ueber-sex-reden/

Feministinnen sind an allem Schuld

Glaubt man der veröffentlichten Meinung, hat die bewegte Frau den Mann ins Unglück gestürzt. Aber warum haben Feministinnen einen so schlechten Ruf?

Hundert Jahre Frauentag – und wo stehen die Frauenrechtlerinnen und Feministinnen heute? Am Pranger. Wie sind die da nur wieder hingekommen?

Wirst du gefragt, ob du ne Feministin bist, sag lieber nicht „ja“, wenn du in keiner Schublade landen willst. Denn derzeit haben Feministinnen einen schlechten Ruf. Feministinnen, das sind die, die den Eros vom Sockel gefegt haben. Feministinnen, das sind die, die die Männer ins Unglück stürzen, weil sie Mädchen einreden, dass sie missbraucht wurden.

Feministinnen, das sind die, die die hohen Scheidungsraten zu verantworten haben, weil sie den Gattinnen zuflüstern, dass sie unglücklich seien mit ihren Männern. Die niedrige Geburtenrate und der demografische Wandel gehen ebenfalls auf ihr Konto. Feministinnen, das sind die, die Karrierefrauen den Erfolg neiden.

Verantwortlich dafür, dass Mädchen jetzt zuschlagen und Jungs schlecht sind in der Schule, sind sie auch. Feministinnen haben keinen Humor. Und Feministinnen, das sind die, die dafür gesorgt haben, dass Mädchen Pink lieben, weil sie so sehr dagegen gewettert haben, dass Mädchen Pink lieben.

Quellen für die Thesen gefällig? Kein Problem: Die finden Sie in der taz.

Ha, gehts noch?

Rückblende

Rücklauftaste drücken, brrrrröorrröorrüp. Das Jahr 1911: Frauen dürfen nicht wählen. Frauen dürfen nicht habilitieren. Frauen dürfen nicht abtreiben. Unverheiratete Mütter sind gesellschaftlich nicht geschützt. Verheiratete Frauen dürfen ohne Erlaubnis der Gatten nicht arbeiten. Über die Finanzen bestimmt er. Seinen Namen tragen die Ehefrauen. Frauen müssen in der Ehe gehorsam sein. Bei nicht einvernehmlichen Scheidungen liegt die Schuld bei der Frau. Das Sorgerecht für Kinder haben die Väter. Lehrerinnen dürfen nicht verheiratet sein.

Zusammenfassung Frau 1911: Zierde, Haussklavin, Gebärmaschine, Arbeitstier, Muse. Sicher, Ausnahmen gibts immer. Sie zeigen, dass es auch anders sein kann. Besser, freier womöglich.

Damit sich der Status quo damals änderte, mussten zornige Mutbürgerinnen gegen die Unterdrückung protestierten. Denn freiwillig verzichten nur Masochisten aufs Paradies. Danke, ihr Frauen, ihr Ururgroßmütter, Urgroßmütter, Großmütter für eure Widerständigkeit.

Ihr habt den Männern gesagt, dass Ungleichheit Unrecht ist. Ihr wusstet, dass eine ungleiche Gesellschaft allen schadet – denen, die bestimmen, und denen, die gehorchen müssen. Weil Ungleichheit das Denken korrumpiert.

Schnellvorlauf

Vorlauftaste drücken, brrrrröorrröorrüp. Das Jahr 2011: Vor dem Gesetz sind Männer und Frauen gleich. Dass es auch im Alltag so ist, darum wird seit Jahrzehnten gerungen. Denn ja, es ist ein langer Weg von der Standesehe zur Sichtbarkeit von lesbischen Frauen, die sich heiraten können.

Ja, es ist ein langer Weg vom Ausschluss lediger Mütter aus der Gemeinschaft hin zu einer Gesellschaft, in der ein Drittel der Mütter unverheiratet ist.

Ja, es ist ein langer Weg von der Frau, deren Erwerbstätigkeit von der Not oder dem Einverständnis des Mannes diktiert wird, hin zur berufstätigen Frau.

Ja, es ist ein langer Weg von der erlaubten Züchtigung der Gattin hin zur verbotenen Vergewaltigung in der Ehe.

Hat es der Gesellschaft geschadet?

Viel Herzblut von Frauen ist die letzten hundert Jahre in die Gleichberechtigung geflossen. Alles könnte so gut sein.

Und nun der Schock: Irgendwas stimmt nicht. Bei der Zusammenfassung „Frau 2011“ schimmert „Frau 1911“ durch. Die Zierde heißt jetzt Model, die Haussklavin jetzt Sexobjekt, die Gebärmaschine ist zur Doppellastenträgerin geworden, das Arbeitstier zur Hartz-IV-lerin oder Quotenfrau und die Muse zu Merkel.

Und Bascha Mika sagt, die Frau ist feige.

Suchlauf

Das alles erklärt nicht, warum nun plötzlich ausgerechnet die Feministinnen schuld sein sollen am sexuellen Missbrauch und an den schlechten Ergebnissen der Jungen in der Schule. Schuld sein sollen an den geschiedenen Gatten, den gewalttätigen Mädchen und der Farbe Pink.

Aber warum bringen Heerscharen von Buchautoren und Artikelschreibenden so viel Energie auf, genau solche Behauptungen in die Welt zu setzen? Und was sagt es über eine Gesellschaft, wenn sie diese Behauptungen goutiert, als handelte es sich um den allerletzten Stein der Weisen?

Es ist notwendig, ein wenig vor- und zurückzuspulen, um die Antwort zu finden. Und die Antwort lautet: Furcht. Es darf nicht verstanden werden, dass Model, Sexobjekt, Doppellastenträgerin, Hartz-IV-lerin, Ouotenfrau und Merkel nicht der siebte Himmel der Emanzipation ist, in den wir Frauen wollten.

Nein, nein, es ist ein Emanzipationsvorhof und für manche eine Emanzipationsvorhölle. Käme das raus, ginge es der Wirtschaft und den Männern schlechter.

Wer aber wäre ist in der Lage, das rauszuschreien? Die Feministinnen! Deshalb müssen sie im Zaum gehalten und mundtot gemacht werden. Wie? Durch Manipulation. Indem man Nebenschauplätze aufmacht und die Feministinnen mit absurden Behauptungen diskreditiert. Solange sie damit beschäftigt sind, das Gegenteil zu beweisen, kann der Rest der Gesellschaft in Ruhe an Model, Sexobjekt, Doppelbelastung, Hartz IV, Quote und Merkel weiterdrehen. Feministinnen sollen sich mit grandiosem Blödsinn beschäftigen, damit alles bleibt, wie es ist.

Der Trick mit dem Ablenken ist eine Falle. Geh ich zum Chef und sag: „Ich will mehr Mitsprache und mehr Geld“, antwortet der: „Was haben Sie da für einen Fleck im Gesicht, sind Sie krank?“ „Äh, wo ist ein Fleck? Vorhin war da noch keiner. Entschuldigen Sie, kann ich mal in den Spiegel schauen …“

Hallo, nicht ablenken lassen. Mit einem Blick in den Spiegel darf dieser Artikel nicht enden. Es ging um Mitsprache und Geld. Es ging um Zähnezeigen. Es ging um mutige Frauen. Es ging um widerspenstige, zornige Frauen, ja Feministinnen. Ich liebe sie. Sie können gar nicht zornig genug sein. Nur so wird sich was ändern. „Mutbürgerinnen, bravo!“ Applaus. „Encore, encore!“

Ein Taz-Artikel von Waltraud Schwab

Kritik an klassischen Rollenkorsetts

Ich habe den Beitrag von Dragger zum Anlass genommen, zu diesem Thema einen neuen Strang zu öffnen, da ich meine dass das breite Thema der klassischen Rollenbilder und deren Kritik nicht in einem Strang untergehen sollte, der sich nur mit Definitionsfragen beschäftigt. Ich kopiere daher den von ihm zitierten Text noch mal hier hin.

Das Buch „Mythos Männermacht“ von Warren Farrell kann auch ich wärmstens empfehlen. Aber nicht die deutsche Version, die Übersetzung ist grottenschlecht.

Zur deutschen Ausgabe das Vorwort von Marianne Grabrucker („Typisch Mädchen – Zur Entstehung von rollenspezifischem Verhalten in den ersten drei Lebensjahren“):

Weiterlesen