„nur Arschputzen?“ – Was Pflegende leisten

Durch privaten Mailkontakt mit einem männerrechtlichen Kommentator bin ich auf die Idee gebracht worden, einen Beitrag darüber zu schreiben, welche Klischeevorstellungen zum Thema Pflege sehr weit verbreitet sind. Auslöser waren die zT doch sehr unwissenenden Kommentare unter Erzählmix’s Comic über Sozialarbeit. Mein erster Gedanke dazu war „gibts doch alles schon“. Es gibt einige sehr gute und interessante Pflegeblogs, zB Pflegewecker, die „Pisspage“, oder auch Anerkennung-Pflege (gibt noch mehr, aber die fallen mir spontan ein, wer will, kann in den Kommentaren gern ergänzen), die aber außerhalb der Insider kaum bekannt sind. Auch bei unserem Pflegestreik-Treffen war das lebhaftes Diskussionsthema. Einstimmiger Konsens: „mehr Öffentlichkeit, aber weg von der Scheiße“. Damit gemeint war das Bestreben, Pflege als ganzheitliche Arbeit positiv darzustellen und wertzuschätzen und nicht auf „Scheiße wegputzen“ zu reduzieren. Denn seien wir ehrlich, genau das ist doch das Bild, das die allermeisten von der Pflege haben. Die erste Assoziation ist doch das Bild einer vollgeschissenen Windel, oder? Aber Pflege ist weit mehr als das. Natürlich gehört die Intimpflege von Menschen auch dazu. Aber unterm Strich macht das etwa 2% aller Aufgaben einer Pflegefachkraft aus. Unter dem Hashtag #Pflegekann kann man in Kurzfassung einiges verfolgen, was Pflege alles bedeutet.

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Arbeiten in der #Altenpflege, was heißt das eigentlich?

Die meisten Menschen haben de facto keine Ahnung, was das Berufsbild einer Pflegekraft ausmacht. Im Kopf schwirren meist nur die Begriffe Händchen halten, füttern, windeln und waschen herum. Ein dementsprechend niedriges Ansehen hat der Beruf und dementsprechend kursiert auch das Klischee, das ja eigentlich jeder pflegen könne, weil, das kann ja nicht so schwer sein. Oder so.
Dass das meilenweit an der Realität vorbeigeht, und an eine Pflegekraft enorme fachliche und persönliche Anforderungen gestellt werden, wissen natürlich all die, die sich mal eingehender mit dem Thema beschäftigt haben, bzw natürlich die, die unmittelbar selbst betroffen sind.

Was leistet eine Pflegekraft eigentlich, was gehört zu ihren Aufgaben?
Wie sieht der Alltag in der Pflege aus?
Was motiviert Menschen, in die Pflege zu gehen?
Welches Ansehen hat die Pflege in Politik und Gesellschaft?
Was nützt uns die Pflegereform?
Warum genießt die Pflege so ein geringes politisches Interesse?

Zu diesen und mehr Fragen wird wieder mal im Deutschlandfunk diskutiert.

Mail an Claus Fussek

Mein persönliches Aha-Erlebnis mit dem Autor und Pflegekritiker Claus Fussek war das Interview im Deutschlandfunk (das es hier nachzuhören gibt), in dem mich die Klarheit und Hartnäckigkeit seiner Worte schwer beeindruckt haben und ich von diesem Tag an den Wunsch hatte, mit ihm in persönlichen Kontakt zu treten. Darum habe ich kurzerhand eine Mail an ihn geschrieben, in der ich schlicht meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen wollte. Dass er mir darauf antwortet, lag weit außerhalb meiner Erwartungen, aber er hat es getan. Und mit seiner ausdrücklichen Zustimmung werde ich nicht nur die Mail, sondern auch seine Antwort veröffentlichen.

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#Pflegenotstand – Diskussionsrunde im Deutschlandfunk

Im Deutschlandfunk gab es gestern eine Diskussionsrunde zum Thema „Alt, dement, bettlägerig – Droht Deutschland der Pflegenotstand?“

Abgesehen vom eher blind gewählten Titel, nämlich der naiven Frage, ob uns der Notstand droht, ungeachtet der Tatsache, dass wir den längst haben, bin ich doch froh, dass das Thema überhaupt zum Gespräch gekommen ist.

Zu Gast in der Sendung waren

Claus Fussek, Sozialpädagoge und Buchautor
Erwin Rüddel, CDU, MdB, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit
Elisabeth Scharfenberg, Bündnis 90/Grüne, MdB, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit

Erwin Rüddel eiert in typischer Politikermanier herum, Claus Fussek und Elisabeth Scharfenberg (ebenso wie die diversen telefonisch zugeschalteten Zuhörer) dagegen sprechen mit erfrischernder lebensnaher Offenheit Betroffenen (also Pflegekräften, pflegenden Angehörigen und Pflegebedürftigen selbst) aus der Seele, reden sich regelrecht in Rage und bringen Rüddel mit ihren klaren Worten zum stottern.

Hier kann (und sollte!) man die Sendung nachhören.

Warum der #Pflegestreik ein feministisches Thema ist

Zum ersten Mal fiel er mir Ende Juni in die Augen. Der Hashtag #Pflegestreik. Damals hab ich noch gar nicht so richtig wahrgenommen, welche Bedeutung er eigentlich hatte.
So richtig bewußt wurde er mir ein paar Tage später. Ich klickte mich durch und dachte

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Der #Pflegestreik. Mein Alltag und meine Lieblingstweets

Der #Pflegestreik auf Twitter hat mich in den letzten Tagen massiv berührt und die vielen Tweets dazu sind hauptsächlich in zwei große Aussagen unterteilt. Erstens das inhaltliche Problem des Pflegenotstandes und die Betonung der großen Verantwortung und der harten Arbeit, die wir Pflegekräfte jeden Tag leisten. Und zweitens die Ignoranz, die alle großen Medien dazu an den Tag legen. Der Pflegestreik scheint einfach kein Thema zu sein, mit dem man sich auseinandersetzen will. Keine Berichterstattung in den Nachrichten, bis auf wenige Ausnahmen auf einigen Seiten und persönlichen Artikel auf diversen Blogs kaum Artikel in Online-Medien. In den großen Medien wie der Zeit, Welt, FAZ, TAZ etc oder im TV kein Wort dazu. Im Gegensatz zu den Streiks bei der Deutschen Bahn, der Post, den Piloten oder in Kitas hat der Pflegestreik keine Relevanz. Berichtet wird nur über Skandale und Skandälchen, wenn in irgendeinem Krankenhaus oder Pflegeheim was dramatisches passiert ist und man sich über unmögliche Zustände beklagt. Die Ursachen dafür sind aber keine Beachtung wert. Darüber gibt es auf Twitter die berechtigte Empörung.

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Wenn Zufall, Glück und ein paar Sekunden über Leben oder Tod entscheidend sind

Dass ich täglich bei meiner Arbeit vielen Menschen das Leben rette, ist eine Tatsache, die bisher bei mir eher unter „ferner liefen“ abgespeichert war. Klar, die Versorgung mit Nahrung, Flüssigkeit, Medikamenten, ärztliche Betreuung und Wundversorgung sichert erstmal täglich das leibliche Leben, und eine persönliche individuelle Betreuung, so gut es geht, auch ein wenig das seelische Wohlbefinden. So weit, so klar.

Aber wie man unmittelbar einem Menschen das Leben retten kann und wie wahnsinnig viel Glück dabei sein kann, wird einem nicht jeden Tag so krass vor Augen geführt.

Eine Dame, die unter schizophrenischen Anfällen leidet, ist bekannt dafür, oft und laut zu schimpfen. Wäre kein größeres Problem, wenn man verstehen würde, was sie sagt, denn sie spricht kein Wort deutsch.

Heute war sie wieder besonders gut drauf und hielt die ganze Station in Stimmung. Sie saß im großen Aufenthaltsraum und marschierte zielstrebig auf den Balkon, wo sie ganz gern sitzt und mal eine raucht. Also noch kein Grund zur Beunruhigung.

Der glückliche Zufall wollte es aber heute, dass ich just in dem Moment auf den Balkon rausschaute, als sie sich einen Stuhl an die Balkonbrüstung geschoben hat, da rauf geklettert ist und bereits mit einem Knie auf der Brüstung hockte (wir sitzen im 3. OG).

Ich bin wie von der Tarantel gestochen rausgeflitzt und hab sie dort wieder zurück geholt, was zum Glück trotz mangelnder Sprachkenntnisse kein Problem war. Ein größeres Problem war die Tatsache, dass keiner rauskriegen konnte, warum sie das getan hat. Einmaliger extremer Aussetzer oder tatsächlicher bewußter Wille, sich umzubringen?

Ich mußte auf Nummer sicher gehen. Ich hab dann erstmal die nächsten Stunden damit verbracht, mit Pflegeleitung, Ärzten und Betreuern zu telefonieren. Irgendwann hat es dann zwischendurch jemand geschafft, auf die Frage, ob sie sich etwas antun wollte, ein deutliches Nicken rauszubringen.

Jetzt hatte ich ein richtiges Problem. Bei so deutlichen suizidalen Anzeichen bei psychisch Erkrankten ist nicht lange Fackeln und Diskutieren angesagt, sondern Notarzt. Ich bin ja sonst ein Verfechter des Rechts auf Selbstbestimmung, was das eigene Ableben angeht. Aber wir haben es ja hier mit Schutzbefohlenen zu tun, die in aller Regel selbst nicht mehr wissen, was sie tun. Und nach langem hin und her hat sie sich glücklicherweise damit einverstanden erklärt, in eine psychiatrische Klinik mitzukommen, deren Einweisung aufgrund der Akutsituation Gott sei Dank reibungslos verlief.

Nach all dem Theater, während dem ich – wie immer eigentlich in solchen oder ähnlichen Streßsituationen – ruhig blieb und einfach routiniert funktionierte, kam die Pflegeleitung kurz vor Feierabend noch zu mir und fragte, ob alles ok sei. Und dann ist alles hochgekommen und ich fing an zu heulen. Der Gedanke, dass es reiner Zufall war, dass ich die Situation auf dem Balkon gerade so mitbekommen habe, und nur wenige Sekunden später wahrscheinlich alles zu spät gewesen wäre, war auf einmal zu viel für mich. Sie hat mich beruhigend in den Arm genommen und mir beteuert dass ich keine Schuld habe, es ist gerade noch mal alles gut gegangen, und ich soll ruhig heulen, das tut halt gut. Das war vermutlich auch das Beste, was sie in dem Moment tun konnte.
Ich glaube, so viele Schutzengel wie heute hatte ich selten im Leben.

Wenn selbsternannte Lebensschützer über das Leben anderer entscheiden wollen

Ich habe mich sehr über einen Artikel von Hermann Gröhe aufgeregt. Jener Hermann Gröhe, der jüngst seine Entscheidung zur Rezeptpflicht der Pille danach verkündete. Aber das meine ich jetzt nicht. Herr Gröhe ist nicht nur gegen die rezeptfreie Pille danach, er ist auch gegen die in Deutschland straffreie Beihilfe zur Selbsttötung.

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Armut als Option?

Ja es geht wiedermal um Prostitution.

Um offensichtliche Zwangsprostitution mit Zuhältern, Schlepperbanden, Menschenhandel, billigen Straßen-/Drogenstrich, müssen wir hoffentlich nicht reden.
Um selbständig arbeitende Frauen, die die freie Wahl haben, was sie tun und lassen und Spaß dabei haben, auch nicht.

Worüber ich reden will, ist der indirekte Zwang, der letztlich natürlich auch Zwang ist.

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chemische Fixierung – Alltag in Pflegeheimen

Über den gestrigen Beitrag „Schicksal Demenz – rechtlos und ausgeliefert“ möchte ich ein paar Worte loswerden.
Es geht um Kritik an den Zuständen in Pflegeheimen, wie die Bewohner dort apathisch vor sich hin vegetieren, chemisch fixiert mit Psychopharmaka. „Chemisch fixiert“, weil durch die starke Medikamentenwirkung der natürliche Bewegungs- oder Mitteilungsdrang zum Teil drastisch eingeschränkt wird. Pflegepersonal und Ärzte sind schlicht überfordert mit demenzkranken Bewohnern mit ihren individuellen krankheitsbedingten Verhaltensänderungen und greifen daher auf medikamentöse Ruhigstellung zurück. Das passiert natürlich nicht grundlos und einfach so, sondern aus Eigen- und Fremdschutz. Wer keinen Bewegungsdrang mehr verspürt und nur noch ruhig sitzt, fällt auch seltener hin. Diese Rechnung geht allerdings oft nicht auf, denn ein völlig benebelter Bewohner, der dennoch einen Bewegungsdrang verspürt – und das ist nicht selten – fällt natürlich noch öfter hin. Wer nicht ständig ruhelos durch die Gegend zieht und alles in die Hand nimmt und damit spielt, was nicht niet- und nagelfest ist, ist generell weniger Gefährdungen ausgesetzt. Wenn Aggressionen zurückgefahren werden, werden auch andere Menschen dadurch geschützt. Wer sich nicht immer lautstark mitteilt, verbreitet auch keine Unruhe oder Aggression bei anderen Bewohnern, die sich das den ganzen Tag anhören müssen.
Aber die Nebenwirkungen bleiben eben auch nicht aus. Teilnahmslosigkeit, völlige Apathie, Müdigkeit sind da noch harmlos.

Das alles ist die Folge der völlig unrealistischen und menschenunwürdigen Berechnung dessen, wie viel die Pflege und Betreuung eines alten kranken Menschen Wert ist. Berechnet werden hier ja nur rein mechanische Handlungen. Wie lange dauert das Waschen, das Kämmen, das zur Toilette bringen, dass Essen verabreichen, das Umziehen, etc. Je mehr Minuten hier zusammenkommen, desto höher die Pflegestufe. Wie lange es aber dauert, mit einem Menschen zu reden, ihm Zuwendung zu geben, wie viel Zeit, Kraft und Nerven es kostet, aggressive Bewohner zu besänftigen, unruhige Bewohner zu beruhigen, depressive und ängstliche Bewohner zu trösten, bewegungsintensive Bewohner nicht ständig zu bremsen sondern in ihrem Drang zu begleiten, allgemein demenzkranke Bewohner zu verstehen, diese Leistungen werden zwar in der Pflegebegutachung mit berücksichtigt, allerdings nur sehr unzureichend. Denn diese Leistungen lassen sich nicht im Minutentakt beurteilen, da sie eigentlich eine 24-Stunden-Bereitschaftsleistung darstellen.
Wen wundert es da, dass auf medikamentöse Behandlung ausgewichen wird, wenn alternative, nichtmedikamentöse Behandlungs- und Betreuungsmöglichkeiten rein rechnerisch gar nicht vorgesehen sind, also auch nicht bezahlt werden?
Es gibt verschiedene Betreuungsansätze, die speziell für demenzkranke Menschen entwickelt wurden. Diese bedürfen allerdings einer speziellen kostenintensiven Zusatzausbildung, die in der herkömmlichen klassischen Pflegeausbildung nicht oder nur grob im Ansatz enthalten ist. Hier ist meiner Meinung nach eine grundsätzliche Reform nötig, um den so händeringend gesuchten qualifizierten Pflegekräften mehr als nur ein solides Grundwissen, sondern eine gezielte Qualifizierung zu vermitteln, da das Thema Demenzbetreuung ein Thema mit Zukunft ist. Damit das Bild des Pflegeberufes „Arschputzen kann jeder, dafür braucht es keine Ausbildung“ endlich vom Tisch gefegt wird, weil es einfach nicht mehr zeitgemäß ist, noch nie war.
Solange das nicht der Fall ist, werden Bewohner eben der „Einfachheit halber“ mit Psychopharmaka ruhig gestellt. Der Unmut der Angehörigen, die sich um ihre Eltern, Großeltern oder Ehepartner sorgen, ist absolut nachvollziehbar. Aber ich frage nochmal, wer wundert sich darüber?