#Pflege: Schüleranleitung

Aus den konkreten Erfahrungen der letzten Tage möchte ich heute mal über ein Thema sprechen, das ich zweischneidig betrachte.

Ich freue mich grundsätzlich sehr über jeden, der sich entschließt, die Pflegeausbildung zu absolvieren. Dass wir Nachwuchs an Fachkräften brauchen, ist schließlich kein Geheimnis.

Nun hatte ich in den letzen Tagen die konkrete Aufgabe, unseren Schüler in den Aufgabenbereich der Schichtleitung einzuarbeiten. Sprich, neben der Pflege der Bewohner Medikamente vorbereiten und verabreichen, Bestellungen, Schriftkram erledigen, Arztvisiten begleiten, den Schichtablauf organisieren, etc. Er sollte das alles unter meiner Anleitung und Aufsicht erledigen. War auch alles kein größeres Problem. Mit ein bisschen Hilfe hat er das unter Berücksichtigung seiner fehlenden Erfahrung ganz gut gemacht. Hätte er sich total verrannt im Stress, hätte ich natürlich eingegriffen, aber dass er anfangs für alles etwas länger braucht, weil er alles genau nachlesen muß, ist völlig normal und das werte ich eher positiver als wenn er schlampig gearbeitet hätte, weil er schnell alles hinter sich bringen will. Am ersten Tag hab ich ihn noch in diversen Dingen unterstützt und Aufgaben abgenommen, aber später hat er das ganz gut selbst hingekriegt. Nur ans Telefon bin ich immer selbst gegangen, immer mit dem Hinweis, dass das jetzt eigentlich seine Aufgabe wäre und ich sah seinen Schweiß auf der Stirn. Aber ich wollte ihn zu Anfang noch nicht überfordern.
Insofern also alles gut und schön.

Aber jeder, der Ahnung von der Materie hat, weiß, wie selten es der Fall ist, dass Schüler und ihre Mentoren so viel Zeit haben, dass sie diverse Aufgaben gemeinsam in Ruhe durcharbeiten können. Ich erinnere mich an meine eigene Ausbildung, dass ich nicht den Luxus hatte, unter helfenden Adleraugen eine ganze Schicht zu organisieren, um den Ablauf der Schichtleitung kennenzulernen.

Heute gab es das Abschlußgespräch und er meinte, er fand das ganz toll, dass er alles mal kennenlernen konnte und ich immer unterstützend dabei war und Fragen beantworten konnte. Kleine Sticheleien meinerseits konnte ich mir dabei natürlich nicht verkneifen: „Morgen hast du Bereitschaft und musst im ganzen Haus die Diabetiker spritzen. Auf der anderen Station ist heute keine Fachkraft, da zieht heute ein neuer Bewohner ein, das musst du erledigen, der MDK kommt zur Begutachtung, Frau x und Herr y kommen aus dem Krankenhaus zurück, nachher musst du noch 5 Ärzte anrufen und Anordnungen klären und dann kollabiert auch noch jemand, dann musst du den Notarzt rufen, und alle 5 Minuten Telefon, Angehörige, die Fragen an dich haben und Pflegehelfer, die ständig zu dir kommen und deine Hilfe brauchen. Daran musst du dich gewöhnen“.
„Puh“.
„Aber mach dir keine Panik, mit der Zeit kriegst du das alles hin“

Von der WBL bekam ich das Feedback, dass ich wohl eine ganz gute fachliche Anleitung geleistet habe. Die gleiche WBL, die mir schon mehrmals die Weiterbildung zur Mentorin nahegelegt hat. Ich habe aber abgelehnt, weil ich die Verantwortung nicht tragen will, einen Schüler 3 Jahre zum Examen zu begleiten, solange nicht sichergestellt ist, dass wir die erforderliche Zeit für gemeinsame Aufgaben haben.

Mich würden mal die Alltagserfahrungen der Mentoren interessieren, die regelmäßig 3 Jahre lang Schüler unter sich haben und sie auf das Examen vorbereiten müssen. Wie funktioniert die Praxisanleitung im Alltag?

#Pflege: Aushilfen von Zeitarbeitsfirmen

Ein tagtägliches Problem in der Pflege dank des Pflegenotstandes. Wer kennt es nicht. Regelmäßig müssen von außen Aushilfen bestellt werden, weil das übrig gebliebene Stammpersonal den Bedarf nicht abdecken kann. Dann werden Leute von Personaldienstleistern bestellt.

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#Pflege: #Religionskritik

Nicht nur das Thema Feminismus hängt meiner Überzeugung nach eng mit dem Thema Pflege zusammen, auch das Thema Religionskritik.

Um das zu verstehen, muß man etwas in die Geschichte ausholen, und berücksichtigen, dass es früher ausschließlich Nonnen waren, die Pflegearbeit verrichtet haben. Daher kommt auch die Bezeichnung der „Schwester“, die nicht aus den Köpfen zu kriegen ist, auch wenn die offiziellen Berufsbezeichnungen längst andere sind. Altenpfleger hießen schon immer Altenpfleger, aber auch die Krankenschwestern heißt nicht mehr Schwestern, sondern Krankenpfleger. Der Begriff der „Schwester“ stammt also noch aus Zeiten, als sich Kirchenfrauen mit altruistischem Eifer und zum vergelts Gott-Tarif um Alte und Kranke gekümmert haben.

Sprache und Denken unterliegt permanentem Wandel, aber es dauert immer eine gewisse Zeit, bis das auch in den letzten Kopf eingedrungen ist.

Ich habe jetzt persönlich kein größeres Problem damit, wenn ich „Schwester“ genannt werde. Den demenzkranken Pflegebedürftigen kann man daraus ohnehin keinen Vorwurf machen.

Ich rege mich über ganz andere Dinge auf.

Die beiden großen Kirchen in Deutschland erheben einen gewaltigen Anspruch darauf, „im Namen Gottes“ so wahnsinngig viel Gutes zu tun. In ihrem Namen werden unzählige soziale Einrichtungen geführt.
Über der Tür steht „katholisch“ oder „evangelisch“ und jeder meint, im Schoß der Kirche gut aufgehoben zu sein.

Die Realität ist aber eine andere.

Es ist das eine, dass man als Mitarbeiter einer kirchlich geführten sozialen Einrichtung selbst Mitglied einer Kirche sein muß und Geschiedene und Homosexuelle diskriminiert werden, sogar jede Putzfrau muß einer Kirche angehören.

Das allein ist schon Aufreger genug. Aber noch viel schlimmer finde ich die Tatsache, dass diese kirchlich geführten Einrichtungen nur zu einem geringen Bruchteil auch von der Kirche finanziert werden. Der weitaus größte Teil (über 90%) wird aus öffentlicher Hand finanziert. Jeder (auch konfessionslose) Steuerzahler bezahlt also dafür, dass kirchliche Einrichtungen ihre eigenen Gesetze haben, die über dem Staat stehen und gegen das allgemeine Gleichstellungsgesetz verstoßen. Näheres dazu hier.

Pflege ist keine altruistische Dienstleistung, die für Gottes Lohn von jedem Menschen mit ein bisschen Herz verrichtet werden kann, sondern eine qualitativ hochwertige Profession, die nicht grundlos höchste Ansprüche hat.
Deswegen ist in höchsten Maß kritikwürdig, wenn qualifizierte BewerberInnen nur aufgrund fehlender Konfession abgelehnt werden.

Das ist einer der Hauptgründe dafür, warum ich nicht für einen kirchlichen Träger arbeiten würde. Meine Arbeitskraft, meine Kompetenz, meine Erfahrung nicht einer Einrichtung zur Verfügung stellen würde, die sich auf die Fahnen schreibt, im Namen der Kirche soziale Dienste zu verrichten und eigene Gesetze hat, sich aber fast ausschließlich vom Staat bezahlen lässt.
Das ist ungefähr so logisch und gerecht, als würde man Alkoholabstinenzler zwingen, den Alkoholikern den Schnaps zu bezahlen.

Von mir aus sollen Kirchen ihre eigenen Gesetze haben und nach eigenen Regeln leben. Aber dann sollen sie sich auch bitte schön gefälligst selbst finanzieren und ihre Gesetze nicht auf alle anderen überstülpen. Solange diese Ungerechtigkeit und Unlogik besteht, kann man nur jedem davon abraten, sich in den Dienst einer konfessionellen Einrichtung zu begeben. Kein Streikrecht, kein Betriebsrat, diskriminierende Einstellungspolitik, kein Tarifrecht. Und das bei den desolaten Zuständen in so ziemlich jeder Pflegeeinrichtung. Also bitte…

#Pflege: Krisengespräch

Bezugnehmend auf meinen Tweet

möchte ich eine Geschichte erzählen.

Es gab in den vergangenen Wochen mehrere Krisengespräche mit Kollegen. Auch ich wurde zum Vorgesetzten zitiert.
Das Gespräch lief etwa folgendermaßen ab (sinngemäß und verkürzt aus dem Gedächtnis widergegeben)

WBL: Ich kenne Sie seit mehreren Jahren und schätze Sie als kompetente Fachkraft, auf die ich mich immer verlassen kann. Immer da, nie krank, beliebt bei allen Kollegen. Aber in letzter Zeit sehe ich eine Motivationsminderung. Was ist los bei Ihnen? Haben Sie ein Problem?

Ich: Sie wissen, dass wir hier alle an unseren Grenzen arbeiten.

WBL: Warum kommen Sie nicht zu mir, wenn Sie Hilfe brauchen?

Ich: Ich bin nicht der große Jammerer, der sofort so Ihnen gerannt kommt, wenn es ihm mal schlecht geht. Es staut sich eben mit der Zeit einiges an.

WBL: Aber wie kann ich Ihnen denn helfen?

Ich: Das wissen Sie sehr genau. Wir haben zu wenige Fachkräfte. Einer allein für 35 Demenzkranke verantwortlich. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Ich überlege ernsthaft, von den 100% runter zu gehen, weil ich nicht mehr kann. Ich habe Schmerzen, kann nicht mehr schlafen und nehme jeden Tag Probleme von der Arbeit mit nach Hause.

WBL: Es wird vorerst keine neue FK geben. Es werden Betten reduziert und dementsprechend auch das Personal.

Ich: Im Moment wird nur Personal reduziert, aber keine Betten. Es ziehen neue Bewohner ein, aber für wegfallendes Personal kommt kein Ersatz. Für „abc“ und „xyz“ ist auch kein Ersatz gekommen.

WBL: Setzen Sie Prioritäten. Geben Sie auch mal Aufgaben ab, damit Sie sich auf wichtige Dinge konzentrieren können.

Ich: Das fällt mir schwer. Ich sehe doch, dass alle Kollegen auch rennen wie die Irren und ihre Arbeit kaum schaffen. Und dann sollen die auch noch meine Pflegearbeit übernehmen?

WBL: Sie müssen lernen, sich auch mal unbeliebt zu machen.

…….

Grandiose Idee. Wenn das die Antwort auf alle Probleme ist, ist ja alles gut. Ich werde einfach zum Arschloch, das die Kollegen herumscheucht und zusätzliche Aufgaben verteilt, damit ich alles schaffe, was zusätzlich anfällt.

Ich denke darüber nach.

#Pflege: unsozial

Pflege ist ein sozialer Beruf, heißt es immer. Das stimmt auch, zumindest in der Bezugnahme auf andere Menschen. Nicht jedoch in der Bezugnahme auf sich selbst. Bezogen auf das eigene Leben ist der Pflegeberuf hochgradig unsozial. Familienfeindlich und unsozial. Abends, nachts, an Wochenenden und Feiertagen arbeiten zu müssen, schränkt das eigene Privatleben massiv ein und damit auch die eigene Pflege des persönlichen sozialen Umfeldes. Partnerschaften und Freundschaften pflegen, das ist sehr schwer, wenn man arbeiten muß, wenn andere frei haben und umgekehrt. Es ist wichtig, Menschen um sich zu haben, die Verständnis dafür haben, dass man nicht immer Zeit für sie hat. Und solche Menschen sind selten und darum Gold wert. Die meisten Menschen haben weder Lust, sich Alltagsgeschichten aus der Pflege anzuhören, weil es anstrengend, traurig oder einfach eklig ist, noch haben sie Lust, jedesmal Rücksicht zu nehmen, wenn man gerade müde und fertig ist und keine Lust auf Party hat.

Es ist unsozial, von heute auf morgen Dienständerungen hinnehmen zu müssen.
Es ist unsozial, sein Privatleben nicht planen zu können.
Es ist unsozial, aus dem Frei zum Dienst zitiert zu werden, weil wieder irgendjemand ausgefallen ist.
Es ist unsozial, wenn man in seiner Freizeit so ausgebrannt ist, dass man die Zeit zum schlafen nutzen muß und keine Energie für Familie und Freunde hat.
Es ist unsozial, wenn man es sich finanziell nicht leisten kann, seine Arbeitszeit so zu gestalten, dass man sich mehr Zeit für seine Familie und Freunde nehmen kann.
Es ist unsozial, sich trotz massiver gesundheitlicher Einschränkungen jahrelang durch eine Vollzeitstelle schleppen zu müssen, weil man Angst vor der Altersarmut hat.
Es ist unsozial, wichtige Termine wie Arztbesuche oder Behördengänge auf lange Zeit hinausschieben zu müssen, weil sie mit dem eigenen Schichtplan unkompatibel sind.

Es wäre schön, wenn Pflege mal ein wirklich sozialer Beruf werden würde.

#Pflege: Angehörigenarbeit

Angeregt durch eine Twitterunterhaltung mit @TrullaCouch (ihr Blog: Frau Sofa) möchte ich mal über ein Thema sprechen, dass in meiner Beobachtung mit eine Ursache dafür ist, dass die Arbeit in der Pflege oft unterschätzt wird und für entsprechende Mißverständnisse sorgt.

Ich erlebe es regelmäßig, dass die Angehörigen von Pflegebedürftigen und Demenzkranken nicht ausreichend über die Erkrankungen des Bewohners aufgeklärt sind und demnach oft überfordert sind. Warum ist meine Mutter heute so unruhig? Warum erkennt mich mein Vater nicht? Warum isst er nicht? Warum schreit sie so? Warum will sie nicht mit mir spazierengehen? Warum ist er unrasiert? Warum lässt er keine Hilfe zu? Kümmern sich die Schwestern hier nicht genug? Hat meine Mutter ihre Medikamente nicht bekommen? Oder zu viel? Und wie sieht das Zimmer überhaupt aus? Warum hat Mutter die ganzen Sachen aus dem Schrank geräumt? Warum streitet sie mit dem Mitbewohner, der auf ihrem Platz sitzt? Warum fehlt der Lieblingsteddy auf dem Bett? Klaut hier jemand?

Die Liste solcher und ähnlicher Fragen lässt sich endlos fortsetzen. Dann ist es unsere Aufgabe, Angehörige darüber aufzuklären, welche Verhaltensauffälligkeiten eine Demenzerkankung mit sich bringt. Normalerweise sollte das schon seitens der Heimleitung vor Einzug geschehen, aber manchmal ist den Angehörigen das Ausmaß nicht bewußt. Dass sowas nie böse und absichtlich geschieht, sondern eben Teil der eigenen Welt des Erkrankten ist, die man akzeptieren muß, ist ein gewaltiger Lernprozess, den man nicht unterschätzen darf. In der Regel funktioniert das auch, denn die meisten Angehörigen sind sehr regelmäßig da und nehmen damit großen Anteil an unserem Alltag. Sie kennen uns und unsere Arbeit, wir unterhalten uns oft, oft sind sie sogar eine wertvoll helfende Hand bei der Arbeit, indem sie sich selbst um ihren Angehörigen kümmern und zB das Essen anreichen (der Ausdruck „füttern“ ist hier im Kontext übrigens streng verboten. Man füttert Tiere, keine Menschen). Ein Sohn kommt zB mehrmals in der Woche nachmittags und bringt seine Mutter dazu, sich von uns duschen zu lassen, da sie dies sonst immer ablehnt und uns aus dem Zimmer wirft. Ein anderer Sohn, dessen Vater schon lange verstorben ist, hat uns einen wunderbaren Dankesbrief geschrieben und hat mit der Pflegeleitung vereinbart, dass er für uns gelegentlich dringende Botengänge übernimmt, zB Rezepte aus Arztpraxen holen etc. Eine Ehefrau, deren Mann vor langer Zeit verstorben ist, arbeitet mittlerweile ehrenamtlich im Haus. Eine andere Ehefrau kommt täglich und hilft ihrem Mann beim Essen. Eine weitere andere Ehefrau kommt jedes Wochenende und hilft nachmittags beim Kuchen verteilen und hilft ebenso ihrem Mann beim Essen. Wir haben schon oft gesagt, dass das nicht ihre Aufgabe ist und sie das nicht tun muß, aber sie will es unbedingt, weil sie sich dadurch gebraucht fühlt. Sie will einfach helfen. Mittlerweile haben wir uns an sie gewöhnt und wissen ihre Hilfe sehr zu schätzen. Das war anfänglich auch anders. Auch sie war eine dieser schwierigen Angehörigen, die wegen jeder Kleinigkeit zu uns oder der Pflegeleitung gekommen ist und irgendwelche Beschwerden hatte. Nach vielen Gesprächen und langsamem kennenlernen ist sie jetzt sehr zufrieden mit uns und gehört fast zur Mitarbeiterfamilie. Aber das war ein Stück Arbeit.

Dass es schwer ist, dem geistigen und körperlichen Verfall eines geliebten Menschen zusehen zu müssen, ist absolut verständlich und ich habe mir ein entsprechend dickes Fell und eine Menge Geduld zugelegt und mir im Ergebnis dessen und aufgrund meiner Erfahrung und meiner Kompetenz die Achtung und den Respekt der meisten Angehörigen verdient. Auch das war ein Stück Arbeit. Auch ich hatte Gespräche mit der Pflegeleitung, weil sich Angehörige über mich beschwert haben, weil ich mir eben nicht alles habe gefallen lassen.

Dennoch kommt es immer wieder vor, dass Angehörige einfach nicht verstehen, dass wir bei aller Qualifikation aller Bemühungen keine Wunder vollbringen können. Vorwürfe, Unterstellungen, gezielte Fehlersuche, überhöhte Ansprüche. All das sind Probleme, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden. Es sind nur wenige Personen, die so anstrengend sind, aber sie können einen Stationsalltag sprengen. Gerade in besonders emotional belastenden Situationen wie in der präfinalen Phase eines Menschen ist das spürbar. Da will eine Tochter am liebsten, dass rund um die Uhr ein Arzt bei der Mutter ist und Händchen hält. Das ist nicht mal im Krankenhaus realisierbar, geschweige denn im Heim. Da bekommt sie einmal zu viele Medikamente, dann wieder zu wenig. Einmal ist es zu heiß, warum läuft der Ventilator nicht, dann bläst er ihr zu stark ins Gesicht. Einmal ist sie zu unruhig, dann schläft sie zu viel. Und so weiter und so fort…

Ich habe festgestellt, dass der Umgang mit schwierigen Angehörigen ähnlich zu handhaben ist, wie mit den Demenzkranken selbst. Stichwort: Validation. Das Gegenüber ernstnehmen, sie emotional dort abholen, wo sie stehen und ihre Sorgen als Realität betrachten. Souverän und verständnisvoll auftreten und über Sachverhalte aufklären. Das heißt natürlich nicht dass man sich alles bieten lassen muß. Wenn es die Situation verlangt, auch mal zur Ruhe auffordern oder das Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt verlagern oder aber auch Vorgesetzte einbeziehen. Das funktioniert natürlich nur, solange ein sachliches Gespräch auch möglich ist. Wenn die negativen Emotionen allzu hoch kochen, ist es sinnvoller, das Gespräch abzubrechen.

Rückblickend auf all diese Erfahrungen kann folgendes noch mal deutlich sagen. Menschen, die ihre „Kenntnisse“ vom Hörensagen haben oder einmal im halben Jahr die Omma im Heim besuchen, sich ständig über Kleinigkeiten beschweren, oder aus sonstwelchen Gründen meinen, beurteilen zu können, dass Pflege kein anspruchsvoller Beruf sei, sind im besten Fall genau solche anstrengenden Angehörigen, die überfordert und unaufgeklärt sind. Im schlechtesten Fall sind sie einfach dumm.

#EqualPayDay und „Frauenberufe“

Zum gestrigen Equal Pay Day sei auf einen großartigen Text von Aufrecht pflegen verwiesen, der es Wert ist, in Gänze zitiert zu werden, denn er weist auf ein Phänomen hin, das mich in seiner Unlogik immer wütend macht.

Equal Pay und die sogenannten Frauenberufe

Es ist wieder Equal Pay Day. Die Zeit im Jahr, in der wir Vorschläge diskutieren, wie die Lohnschieflage in Deutschland ausgeglichen werden kann.

Scherz! Natürlich werden wir wieder darüber diskutieren, OB es sich bei der allgemein bekannten Schieflage überhaupt um ein Problem handelt. Denn solange etwas gerechtfertigt werden kann, ist es keine Diskriminierung.

Ein Rechtfertigungsgrund für den Gender Pay Gap ist unter anderem die Berufswahl von Frauen. Denn würden Frauen sich nicht immer die falschen Berufe aussuchen, wäre die Lohngleichheit gar nicht so groß. Zu diesen Berufen gehören unter anderem soziale Berufe wie Pflegerin und Erzieherin. Und man wird nicht müde, in Equal-Pay-Diskussionen von genau diesen Berufen abzuraten. Und das trotz des derzeitigen Fachkräftemangels, der schon jetzt zu Problemen führt, einfach weil diese Berufe Tätigkeiten ausführen, die sowohl für den Einzelnen, als auch für die gesamte Gesellschaft notwendig und wichtig sind.

Und doch greifen in diesen Berufen die Angebot-Nachfrage-Mechanismen nicht. Was unter anderem auch damit zu tun hat, dass soziale Berufe meist in irgendeiner Form aus öffentlicher Hand bzw. dem Sozialsystem bezahlt werden und diese Ressourcen nicht unendlich sind. Das ist aber nicht der einzige Grund, schließlich gelten nicht alle Berufe im öffentlichen Dienst als schlecht bezahlt.

Ein weiterer Faktor ist, dass man die Tätigkeiten der Pflegerinnen und Erzieherinnen fachlich nicht als besonders anspruchsvoll bewertet. Erzieherinnen spielen und singen mit den Kindern, Pflegerinnen wischen Ärsche ab und geben Essen ein. Und Menschen, die nicht in diesen Berufen arbeiten, können sich offenbar kaum vorstellen, dass hinter einfachen Handgriffen komplexe theoretische Konzepte stecken, die dann aber auf eine einzelne Person mit individuellen Anforderungen angewandt und zugeschnitten werden müssen. Stattdessen glaubt man, dass diese Tätigkeiten irgendwie in der Natur von Frauen liegt und gebt ihnen den Stellenwert von Wohltaten: Nett, aber nicht notwendig.

Und dann ist da noch die weit verbreitete Vorstellung, dass es den Menschen in diesen Berufen nicht ums Geld ginge. Gerade der Pflege wird ja gerne eine ordentliche Portion Altruismus unterstellt, deren größter Lohn ein Lächeln und ein Dankeschön ihrer Patient*innen ist. Fast schon anerkennend verweist man immer wieder darauf, dass die Pflegenden (momentan) nicht mehr Lohn, sondern vor allem bessere Arbeitsbedingungen fordern. Anders sah es im Sommer 2015 aus, als flächendeckend Kitas bestreikt wurden – da verbreitete sich, neben der Wut über die Bedrängnis der Eltern, sehr schnell die Auffassung, dass Erzieherinnen eigentlich sogar überbezahlt wären.

In den Diskussionen über Equal Pay und Gender Pay Gap wird gerne und viel darüber gesprochen wie man Frauen in MINT-Berufe und Führungspositionen bringt. Was einerseits natürlich gut und richtig ist, aber andererseits auch das Bild der seichteren anspruchslosen Sozialberufen zementiert. Es braucht daher genauso Diskussionen darüber, wie Berufe in denen sehr viele Frauen tätig sind (und das sind übrigens nicht nur Sozialberufe) besser bezahlt werden, anstatt die niedrigen Löhne dort als gegeben hinzunehmen. Und dies wäre übrigens nicht nur ein Selbstzweck, schließlich geht es auch darum wie wir unser Zusammenleben gestalten wollen und wieviel uns die Unterstützung und Förderung der Schwächeren in unserer Gesellschaft ist.

(Jeder Satz darf als hervorgehoben betrachtet werden)

Unlogik deswegen, weil regelmäßig, wie im Text betont, immer wieder das „Argument“ vorgebracht wird, warum Frauen sich die „falschen“ Berufe aussuchen, in denen sie weniger verdienen, und man sich gleichzeitig darüber wundert, warum diese Berufe so unattraktiv sind, dass wir einen massiven Fachkräftemangel zu beklagen haben.

Mit anderen Worten. Wer Frauen (und natürlich auch Männern) einredet, soziale Berufe seien eine „falsche Wahl“, trägt Mitschuld daran, dass unser gesamtes Gesundheits- und Pflegesystem noch weiter den Bach runtergeht. Angesichts der Tatsache, dass das Problem jeden irgendwann treffen wird, geradezu idiotischer Selbstmord. Statt also aus reiner Unwissenheit Mythen darüber zu verbreiten, dass „falsche Berufswahl“ Schuld an ungerechter Entlohnung sei, lieber darüber informieren, was soziale Berufe im Kern ausmachen und dafür kämpfen, dass sie so bezahlt, und in Folge dessen so attraktiv für BewerberInnen werden, dass es möglich ist, sie fachgerecht und menschenwürdig ausüben zu können.

Sätze, die jede #Pflegekraft immer gern hört… #sarcasm

„Du bist doch intelligent und hast Abitur. Warum machst du Pflege?“

Was hier vielleicht als verstecktes Kompliment daherkommen will, ist nichts anderes als die klassische Abwertung, dass in der Pflege eher mittel ausgeprägte Intelligenz und Kognition völlig genügen.

„Ist ja eklig. Ich könnte nicht den ganzen Tag nur Kacke wegputzen“

Aber ich! Ich tue den ganzen Tag nichts anderes. Ich bin Stuhlgang-Fetischistin. Darum bin ich schließlich in die Pflege gegangen. Jawollja.
haufen

„Wer reich werden will, darf eben nicht in die Pflege gehen“

Eine Binsenweisheit, die genau dann hervorgekramt wird, wenn das Thema Lohnforderung mal wieder auf den Tisch kommt. Dazu nur ein kleiner Tipp am Rande: „reich werden“ und „angemessen entlohnt werden“ ist nicht immer das gleiche.

„Frauen haben eine natürliche Begabung für die Pflege“

Klassiker unter den biologistischen und sexistischen Mythen. Ich dachte immer, die Eignung für Berufe hängt geschlechtsunabhägig von individuellen Fähigkeiten und Interessen des Einzelnen ab. Aber was weiß ich schon.
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„Warum beschwerst du dich? Mach doch was anderes“

Brilliante Idee. Alle engagierten Pflegekräfte, die mit dem System Pflege, wie es derzeit herrscht, unzufrieden sind, kündigen einfach, statt lästige Änderungen zu fordern und alle zu nerven. Das wird alle Probleme lösen, besonders das des Plegenotstandes. Halleluja. Dass wir darauf noch nicht selbst gekommen sind.
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„Räumen Sie endlich mal den Müll hier weg und bringen Kaffee! Dafür werden Sie doch bezahlt!“

Aber selbstverständlich. Ich kann Ihnen auch gern noch die Fußnägel lackieren, Ihnen täglich ein Huldigungs-Ständchen singen und den Boden ablecken, auf dem Sie gehen. Respekt brauche ich keinen, ich bin gern Ihr Fußabtreter. Herzlichst, Ihre persönliche rundum-sorglos-24-Stunden-Privatdienerin.

„Für die Pflege braucht es keine besondere Qualifikation. Das kann jeder“

Na wenn das jeder kann, schlage ich vor, dass jeder nach einem Unfall oder einer OP seine frischen Wunden von seinem Sohn oder seiner Fleischereifachverkäuferin versorgen lässt, oder seine dementen alten Eltern zu Hause selbst pflegt. Wie, könnt ihr nicht? Wollt ihr nicht? Wieso das denn? Ich dachte, Pflege kann jeder?

„Von so ner sexy Schwester im kurzen Kleidchen würd ich mir auch gern mal den Pimmel waschen lassen, höhö“

Tja, dumme Männer und ihre feuchten Träume. Was soll man dazu sagen?
horror-krankenschwester-sprueche

„Warum nicht Langzeit-Arbeitslose, Männer aus bildungsfernen Schichten oder Prostituierte in die Pflege schicken?“

Mein persönlicher unvergessener Hass-Klassiker, den ich damals beim Pflegewecker kennenlernen durfte.

„Pflegekräfte sind vermutlich nur zu dumm, um was besseres zu machen“

Wow. Just wow. Kein weiterer Kommentar.

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Ich hab mir übrigens keinen dieser Sätze ausgedacht. All das hab ich exakt so oder in ähnlicher Form gehört bzw gelesen, obwohl es längst auf den intellektuellen Schrotthaufen der Geschichte gehört.

Kann #Pflege Glaube und Spiritualität näherbringen?

Ich bin weit davon entfernt, ein religiöser Mensch zu sein. Dank meiner Erziehung, die irgendwo zwischen agnostisch und atheistisch einzuordnen war, hat mich das Thema auch nie sonderlich interessiert.

Aber im Lauf meiner Berufsjahre hab ich Eines ganz deutlich gemerkt. In Situationen, wo die Möglichkeiten meines Einflusses, meiner Handhabe aufhören, insbesondere, wenn Menschen sterben, nähere ich mich ein Stück weit einer gewissen Spiritualität an. Einer Art Glauben, den ich nicht weiter definieren kann. Wenn ich nur noch danebenstehen und zusehen kann, wie ein Mensch leidet, spüre ich das Bedürfnis, ein Stück meiner Verantwortung abzugeben und das einzige, was ich dann noch tun kann, ist den Wunsch zu äußern, dass die Leiden dieses Menschen beendet werden. Der Wunsch, diesem Menschen eine letzte Ehrerbietung und die letzte Würde zu geben. Aber wem gegenüber kann ich diesen Wunsch äußern? Den Ärzten, die ab eine gewissen Punkt genauso handlungsunfähig sind? Nein, ich äußere diesen Wunsch still ich mich hinein, gewissermaßen in Richtung irgendeiner nicht greifbaren höheren Macht.

Hätte mir das jemand vor 20 Jahren gesagt, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt. Wie bei so ziemlich jedem Menschen war meine Jugend geprägt von Rebellion, Hedonismus und Ausprobieren, und allem anderen als spirituellen Gedanken rund um Sinn und Wert des Menschseins, oder religiösen Fragen rund um Gott und Glauben.

Aber wenn man jeden Tag mit existentiellen Lebensfragen konfrontiert wird, auf die man auch nach langjähriger Erfahrung keine Antworten weiß, und bei denen es schwer ist, immer zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, dann sucht man sich vermutlich unbewußt einen anderen Anker, an dem man sich festzuhalten versucht. Verstärkt wird das natürlich, wenn man täglich mit Menschen arbeitet, die aus einer Generation stammen, in der eine tiefreligiöse Erziehung noch wesentlich stärker im Vordergrund stand, als es heute der Fall ist.

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Sterbefall errinnern. Das war noch in der Ausbildung. Eine Dame war sehr plötzlich verstorben und ich war heillos überfordert. Ich zitterte, mir standen Tränen in den Augen, hab mich kaum getraut, sie anzufassen. Zum Glück hatte ich eine erfahrene und sehr empathische Kollegin an meiner Seite, die mich sehr unterstützt hat. Als wir sie gewaschen und schön angezogen hatten, fragte sie mich, ob ich mich noch verabschieden will. Und mir fiel nichts anderes als ein „Ruhe in Frieden“ ein, und sofort war ich irgendwie erleichtert. Und dieses Gefühl der Erleichterung hat sich über die Jahre immer wieder bestätigt, wenn ich diesem kleinen Bedürfnis nach einem Moment der Ruhe und der letzten Würde nachgegeben habe.

Dazu kommen natürlich die vielen anderen Momente, in denen mir große Dankbarkeit von religiösen Bewohnern entgegenkommt, die mich immer wieder berührt. Unvergessen sind 2 konkrete Beispiele:

„Danke für die Hilfe. Möge Gott Ihnen auch helfen“
„Sie sind ein Engel. Möge Gott Ihnen das Licht zeigen“

Dazu kommen auch andere Beispiele aus dem Privatleben. Das Sterben meiner Großmütter, die Krankheit meines Vaters, auch das waren Situationen, in denen ich mich an Spiritualität festgehalten habe, weil ich nicht anders weiterwußte.

Und damit wieder zum Eingangssatz. Ich bin kein religiöser Mensch. Es gibt gute Gründe, Religiösität und Kirche kritisch zu sehen. Aber ich merke, dass es mir gut tut, mich ein Stück weit zu öffnen und spirituelle Gedanken zuzulassen.

Der neue Sündenbock in der #Pflege: „Faire Löhne“

Die Welt veröffentlichte heute einen Artikel über zu teure Pflegeheime und zu teure Pflegekräfte.
Wie bereits in den beiden sehr lesenswerten Repliken von @emergencymum und @nanunana zu lesen ist, ist in dem Artikel so viel falsch, dass auch ich unter so ziemlich jeden Satz eine zynische Spitze setzen könnte.

„Das Durchschnittseinkommen Hochbetagter reicht laut einer aktuellen Studie oft nicht aus, um ein Altenheim aus eigener Tasche zu bezahlen. Das liegt an vergleichsweise fairen Löhnen für Pflegekräfte.“

Allein schon diese Einleitung ist ein Schlag in die Fresse all derer, die so total familienfreundliche Arbeitsbedingungen wie Wochenend-, Feiertags- und Nachtschichten in Vollzeit in Kauf nehmen, um über die Runden zu kommen. Und die faseln was von Pflegestreik und wollen noch mehr Geld und noch mehr Kollegen, die auch mehr Geld kriegen? Wie unverschämt!

„So verdient ein Pflegender in Borken mit mehr als 3175 Euro brutto im kreisweiten Durchschnitt fast doppelt so viel wie in Leipzig mit 1714 Euro.“

Tja, in Borken müßte man leben, was? Pflegekräfte dort leben ja in purem Luxus auf Kosten der Pflegebedürftigen. Weder den Familien noch dem Sozialstaat darf man offenbar zumuten, Pflegebedürftige zu unterstützen.

Jeder will gute Pflege. Aber gute Pflege ist teuer. Für viele zu teuer. Aber statt sich zu fragen, warum Menschen eine so geringe Rente bekommen, dass sie sich gute menschenwürdige Pflege nicht leisten können, wird ausgerechnet auf die gezeigt, die sich Tag und Nacht den Arsch aufreißen und ihr menschenmöglichstes tun, ihre eigene Gesundheit und ihr soziales Umfeld aufs Spiel setzen, um diese gute Pflege leisten zu können.
Was soll denn die Lösung sein? Pflege billiger machen? Löhne wieder senken? Noch weniger Pflegepersonal? Weiter an allen Ecken und Enden sparen? Alle Nase lang wird über unhaltbare Zustände in Heimen und Krankenhäusern berichtet. Ein Skandal jagt den nächsten. Ja warum wohl? Wegen der „fairen Löhne“, die einen Heimplatz für viele unbezahlbar machen?
Nein, verdammte Scheiße! Die ZU GERINGEN RENTEN nach einem arbeitsreichen Leben, die ZU GERINGEN LÖHNE für harte Arbeit und die ZU WENIGEN FACHKRÄFTE für ZU VIELE HEIMBEWOHNER sind der Grund. Aber das zu berücksichtigen war der „Welt“ wohl zu komplex. Die ach so „fairen Löhne“ hier als alleinigen Schuldfaktor hinzustellen, ist große Scheiße und an Perversion und Realitätsferne eigentlich nicht zu überbieten.

Ach, was sollen die vielen Worte. Ehe ich mich noch mehr in Wut schreibe, lest euch einfach die beiden oben verlinkten Antworten an die „Welt“ durch. Dort ist schon alles gesagt.