Sätze, die jede #Pflegekraft immer gern hört… #sarcasm

„Du bist doch intelligent und hast Abitur. Warum machst du Pflege?“

Was hier vielleicht als verstecktes Kompliment daherkommen will, ist nichts anderes als die klassische Abwertung, dass in der Pflege eher mittel ausgeprägte Intelligenz und Kognition völlig genügen.

„Ist ja eklig. Ich könnte nicht den ganzen Tag nur Kacke wegputzen“

Aber ich! Ich tue den ganzen Tag nichts anderes. Ich bin Stuhlgang-Fetischistin. Darum bin ich schließlich in die Pflege gegangen. Jawollja.
haufen

„Wer reich werden will, darf eben nicht in die Pflege gehen“

Eine Binsenweisheit, die genau dann hervorgekramt wird, wenn das Thema Lohnforderung mal wieder auf den Tisch kommt. Dazu nur ein kleiner Tipp am Rande: „reich werden“ und „angemessen entlohnt werden“ ist nicht immer das gleiche.

„Frauen haben eine natürliche Begabung für die Pflege“

Klassiker unter den biologistischen und sexistischen Mythen. Ich dachte immer, die Eignung für Berufe hängt geschlechtsunabhägig von individuellen Fähigkeiten und Interessen des Einzelnen ab. Aber was weiß ich schon.
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„Warum beschwerst du dich? Mach doch was anderes“

Brilliante Idee. Alle engagierten Pflegekräfte, die mit dem System Pflege, wie es derzeit herrscht, unzufrieden sind, kündigen einfach, statt lästige Änderungen zu fordern und alle zu nerven. Das wird alle Probleme lösen, besonders das des Plegenotstandes. Halleluja. Dass wir darauf noch nicht selbst gekommen sind.
daumenhoch

„Räumen Sie endlich mal den Müll hier weg und bringen Kaffee! Dafür werden Sie doch bezahlt!“

Aber selbstverständlich. Ich kann Ihnen auch gern noch die Fußnägel lackieren, Ihnen täglich ein Huldigungs-Ständchen singen und den Boden ablecken, auf dem Sie gehen. Respekt brauche ich keinen, ich bin gern Ihr Fußabtreter. Herzlichst, Ihre persönliche rundum-sorglos-24-Stunden-Privatdienerin.

„Für die Pflege braucht es keine besondere Qualifikation. Das kann jeder“

Na wenn das jeder kann, schlage ich vor, dass jeder nach einem Unfall oder einer OP seine frischen Wunden von seinem Sohn oder seiner Fleischereifachverkäuferin versorgen lässt, oder seine dementen alten Eltern zu Hause selbst pflegt. Wie, könnt ihr nicht? Wollt ihr nicht? Wieso das denn? Ich dachte, Pflege kann jeder?

„Von so ner sexy Schwester im kurzen Kleidchen würd ich mir auch gern mal den Pimmel waschen lassen, höhö“

Tja, dumme Männer und ihre feuchten Träume. Was soll man dazu sagen?
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„Warum nicht Langzeit-Arbeitslose, Männer aus bildungsfernen Schichten oder Prostituierte in die Pflege schicken?“

Mein persönlicher unvergessener Hass-Klassiker, den ich damals beim Pflegewecker kennenlernen durfte.

„Pflegekräfte sind vermutlich nur zu dumm, um was besseres zu machen“

Wow. Just wow. Kein weiterer Kommentar.

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Ich hab mir übrigens keinen dieser Sätze ausgedacht. All das hab ich exakt so oder in ähnlicher Form gehört bzw gelesen, obwohl es längst auf den intellektuellen Schrotthaufen der Geschichte gehört.

Arbeiten in der #Altenpflege, was heißt das eigentlich?

Die meisten Menschen haben de facto keine Ahnung, was das Berufsbild einer Pflegekraft ausmacht. Im Kopf schwirren meist nur die Begriffe Händchen halten, füttern, windeln und waschen herum. Ein dementsprechend niedriges Ansehen hat der Beruf und dementsprechend kursiert auch das Klischee, das ja eigentlich jeder pflegen könne, weil, das kann ja nicht so schwer sein. Oder so.
Dass das meilenweit an der Realität vorbeigeht, und an eine Pflegekraft enorme fachliche und persönliche Anforderungen gestellt werden, wissen natürlich all die, die sich mal eingehender mit dem Thema beschäftigt haben, bzw natürlich die, die unmittelbar selbst betroffen sind.

Was leistet eine Pflegekraft eigentlich, was gehört zu ihren Aufgaben?
Wie sieht der Alltag in der Pflege aus?
Was motiviert Menschen, in die Pflege zu gehen?
Welches Ansehen hat die Pflege in Politik und Gesellschaft?
Was nützt uns die Pflegereform?
Warum genießt die Pflege so ein geringes politisches Interesse?

Zu diesen und mehr Fragen wird wieder mal im Deutschlandfunk diskutiert.

Mail an Claus Fussek

Mein persönliches Aha-Erlebnis mit dem Autor und Pflegekritiker Claus Fussek war das Interview im Deutschlandfunk (das es hier nachzuhören gibt), in dem mich die Klarheit und Hartnäckigkeit seiner Worte schwer beeindruckt haben und ich von diesem Tag an den Wunsch hatte, mit ihm in persönlichen Kontakt zu treten. Darum habe ich kurzerhand eine Mail an ihn geschrieben, in der ich schlicht meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen wollte. Dass er mir darauf antwortet, lag weit außerhalb meiner Erwartungen, aber er hat es getan. Und mit seiner ausdrücklichen Zustimmung werde ich nicht nur die Mail, sondern auch seine Antwort veröffentlichen.

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#Pflegenotstand – Diskussionsrunde im Deutschlandfunk

Im Deutschlandfunk gab es gestern eine Diskussionsrunde zum Thema „Alt, dement, bettlägerig – Droht Deutschland der Pflegenotstand?“

Abgesehen vom eher blind gewählten Titel, nämlich der naiven Frage, ob uns der Notstand droht, ungeachtet der Tatsache, dass wir den längst haben, bin ich doch froh, dass das Thema überhaupt zum Gespräch gekommen ist.

Zu Gast in der Sendung waren

Claus Fussek, Sozialpädagoge und Buchautor
Erwin Rüddel, CDU, MdB, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit
Elisabeth Scharfenberg, Bündnis 90/Grüne, MdB, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit

Erwin Rüddel eiert in typischer Politikermanier herum, Claus Fussek und Elisabeth Scharfenberg (ebenso wie die diversen telefonisch zugeschalteten Zuhörer) dagegen sprechen mit erfrischernder lebensnaher Offenheit Betroffenen (also Pflegekräften, pflegenden Angehörigen und Pflegebedürftigen selbst) aus der Seele, reden sich regelrecht in Rage und bringen Rüddel mit ihren klaren Worten zum stottern.

Hier kann (und sollte!) man die Sendung nachhören.

Warum der #Pflegestreik ein feministisches Thema ist

Zum ersten Mal fiel er mir Ende Juni in die Augen. Der Hashtag #Pflegestreik. Damals hab ich noch gar nicht so richtig wahrgenommen, welche Bedeutung er eigentlich hatte.
So richtig bewußt wurde er mir ein paar Tage später. Ich klickte mich durch und dachte

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Der #Pflegestreik. Mein Alltag und meine Lieblingstweets

Der #Pflegestreik auf Twitter hat mich in den letzten Tagen massiv berührt und die vielen Tweets dazu sind hauptsächlich in zwei große Aussagen unterteilt. Erstens das inhaltliche Problem des Pflegenotstandes und die Betonung der großen Verantwortung und der harten Arbeit, die wir Pflegekräfte jeden Tag leisten. Und zweitens die Ignoranz, die alle großen Medien dazu an den Tag legen. Der Pflegestreik scheint einfach kein Thema zu sein, mit dem man sich auseinandersetzen will. Keine Berichterstattung in den Nachrichten, bis auf wenige Ausnahmen auf einigen Seiten und persönlichen Artikel auf diversen Blogs kaum Artikel in Online-Medien. In den großen Medien wie der Zeit, Welt, FAZ, TAZ etc oder im TV kein Wort dazu. Im Gegensatz zu den Streiks bei der Deutschen Bahn, der Post, den Piloten oder in Kitas hat der Pflegestreik keine Relevanz. Berichtet wird nur über Skandale und Skandälchen, wenn in irgendeinem Krankenhaus oder Pflegeheim was dramatisches passiert ist und man sich über unmögliche Zustände beklagt. Die Ursachen dafür sind aber keine Beachtung wert. Darüber gibt es auf Twitter die berechtigte Empörung.

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gekündigte Altenpflegerin bekommt Recht

Die fristlose Kündigung einer Arbeitnehmerin wegen der Veröffentlichung von Missständen bei ihrem Arbeitgeber verstößt gegen die Menschenrechtskonvention. Das entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in einem am Donnerstag verkündeten Urteil.

Die Straßburger Richter schützen damit sogenannte „Whistleblower“-Arbeitnehmer, die auf Missstände in Unternehmen oder Institutionen öffentlich aufmerksam machen. Die Kündigung nach der Kritik an ihrem Arbeitgeber verstoße gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung, so das Urteil der Richter.

Im konkreten Fall hatte die Berliner Altenpflegerin Brigitte Heinisch gegen ihren Arbeitgeber, den Klinikbetreiber Vivantes, Strafanzeige wegen Betrugs erstattet. Sie habe damit auf dem Pflegenotstand aufmerksam machen wollen, erklärte Heinisch. Vivantes habe zu wenig Personal und sei deshalb nicht in der Lage, die Bewohner eines Pflegeheims ausreichend zu versorgen.

Daraufhin war die Altenpflegerin fristlos gekündigt worden. Die deutschen Gerichte hatten dann die Kündigung bestätigt. Der EGMR sieht darin eine Verletzung der Meinungsfreiheit und sprach der Pflegerin eine Entschädigung von insgesamt 10.000 Euro zu.

Heinisch zeigte sich mit dem Urteil „sehr zufrieden“. Gleichwohl müsse sich die Berliner Landesspitze, die schließlich im Vivantes-Aufsichtsrat sitze, bei ihr „klar entschuldigen“. Klaus Wowereit als Regierender Bürgermeister, aber auch Justizsenatorin Gisela von der Aue (beide SPD) und Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) sollten sich dafür einsetzen, dass ihre Kündigung zurückgenommen werde.

Der Senat lehnte eine Entschldigung ab. Vivantes sei ein eigenständig operierender Klinikkonzern, sagte Gesundheits-Staatssekretär Benjamin Hoff (Linke). Der Senat als Eigentümer mische sich nicht in das operative Geschäft von Vivantes ein. Auch bei der Peronalentscheidung habe der Senat keine Weisungsbefugnis.

Heinisch geht es jetzt um die Rücknahme der Kündigung und die Wiedereinstellung. Sie glaube an ein Wiederaufnahmeverfahren ihrer Arbeitsrechtsprozesse, sagte sie dem rbb.

Kein Kommentar zum Urteil von Vivantes

Eine Sprecherin von Vivantes wollte das Urteil nicht kommentieren. Sie wies darauf hin, dass die deutschen Arbeitsgerichte die Kündigung bestätigt hatten. „Das arbeitsrechtliche Verfahren in Deutschland ist ausgeurteilt.“ Die Entscheidung aus Straßburg habe keine Auswirkungen auf die Gültigkeit des arbeitsgerichtlichen Urteils.

Hintergrund dieser Einschätzung ist die juristische Zuordnung. Beschwerden vor dem EGMR richten sich immer gegen den Staat, dessen Justiz eine Entscheidung zuzurechnen ist, hier also gegen die Bundesrepublik.

Das Urteil des EGMR ist noch nicht rechtskräftig. Die Bundesregierung hat drei Monate Zeit, um Einspruch einzulegen und die Verweisung an die Große Kammer des Gerichtshofs zu beantragen.

Quelle

Tja, man soll halt immer schön die Klappe halten und funktionieren, selbst unter den unwürdigsten Umständen. Aber wehren lohnt sich offenbar doch. Schon aus Prinzip.
Nur eins verstehe ich nicht. Warum will sie jetzt zu ihrem alten Arbeitgeber zurück? Unter solchen Voraussetzungen würde ich dort keinen Fuß mehr reinsetzen wollen.