Armut als Option?

Ja es geht wiedermal um Prostitution.

Um offensichtliche Zwangsprostitution mit Zuhältern, Schlepperbanden, Menschenhandel, billigen Straßen-/Drogenstrich, müssen wir hoffentlich nicht reden.
Um selbständig arbeitende Frauen, die die freie Wahl haben, was sie tun und lassen und Spaß dabei haben, auch nicht.

Worüber ich reden will, ist der indirekte Zwang, der letztlich natürlich auch Zwang ist.

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„Wer keine Wahl hat, handelt nicht frei“ – Birgit Kelle und die Prostitution

Na was sagt man dazu? Frau Kelle hat ja doch mal realistische Ansichten. Außer ihrem polemischen Gepolter um geöffnete Blusen und ihrer verschleierten Sicht auf Sexismus, wodurch sie erst richtig Aufmerksamkeit bekam, gibt es durchaus Lichtpunkte, die weit mehr Aufmerksamkeit verdienen. Bevor die Sexismus-Debatte Anfang des Jahres medienstark ins Rollen, und sie selbst in die Diskussion kam, hat sie sich zum Thema Prostitution geäußert.

Jenseits von Pretty Woman

Charlotte Lindholm wird sie zur Strecke bringen nächsten Sonntag. Zuhälter und Männer aus feinster Gesellschaft, die junge Mädchen zu Zwangsprostituierten gemacht haben, um sie anschließend auf den Müll zu werfen. Es wird leider nur ein „Tatort“-Etappensieg in einem Milieu, das auch mitten in Deutschland real existiert.

Ist Prostitution inzwischen ein ganz normaler Beruf?

Und auch wenn immer wieder behauptet wird, dass die Mehrheit der deutschen Männer regelmäßig zu Prostituierten geht – eine Behauptung, für die der Beweis noch aussteht – so kennen die meisten von uns das Thema Prostitution doch eher aus den „Wanderhure“- und„Pretty Woman“ -Geschichten des Fernsehens, denn aus dem realen Alltag. Entsprechend überraschend traf auch mich diese Woche die Frage eines Kollegen: „Was halten Sie von Prostitution?“

Meine tatsächlichen Berührungspunkte beschränken sich auf Begegnungen in diversen Großstädten Europas. Mein erster Besuch in Berlin nach dem Fall der Mauer. Die Bushaltestelle morgens um vier. Gegenüber zwei Damen in Skianzügen und hochhackigen Stiefeln. Ich erinnere mich bis heute, darüber nachgedacht zu haben, welchen Club die beiden wohl besucht haben in dem Aufzug, bevor mir klar wurde, dass sie wohl nicht wie ich auf den Bus warten. Ich erinnere mich an Amsterdam mit 23 Jahren. Wie ich mit meiner Freundin durch das einschlägige Viertel schlenderte und wir die Damen in den Schaufenstern betrachteten, die kaum älter aussahen als meine älteste Tochter heute, die ich damals im Bauch trug. Ware, die zur Schau gestellt wird, beleuchtet in Rot und Pink. Fehlte nur noch das Preisschild.

Ernüchternd diese Normalität. Wie freiwillig machen diese Frauen das tatsächlich? Die Frage treibt mich um. Wie man als Frau, als Mensch, gewerbsmäßig seine Sexualität vom eigenen Geist trennt. Sex als Job, als Geschäft, als Dienstleistung, die ich an einem anderen Körper verrichte. Verrichte, allein das Wort! Wie fühlt sich das an? Ist Prostitution inzwischen ein ganz normaler Beruf, wie Einzelhandelskauffrau oder Rechtsanwaltsgehilfin?

Betroffene Frauen aus der Branche haben darum gekämpft, aus der Illegalität herauszukommen. Sie dürfen heute ihren Lohn einklagen und sind krankenversichert, was für sie real eine Verbesserung ihrer Lebensumstände darstellt. Zumindest einige sind heute nicht mehr so schutzlos der Straße ausgeliefert, wie noch vor einigen Jahrzehnten. Ja es gibt diese Frauen, die sagen, sie machen das freiwillig und sie verdienen ihren Lebensunterhalt damit. Sie haben es als ihr Recht proklamiert, ihren Körper legal verkaufen zu dürfen. Ein normales Dienstleistungsgewerbe zu sein und nicht mehr in der Schmuddelecke der Gesellschaft zu stehen. Es wurde als Recht der Frau erkämpft. Wie viel von der eigenen Seele verkauft man dabei wohl mit?

Prostitution hat die Mitte der Gesellschaft nicht erreicht

Wahrscheinlich ist es die einzige Ansicht, die ich mit Alice Schwarzerteile, dass die Legalisierung der Prostitution keine Befreiung der Frau darstellt. Dass es keine Errungenschaft ist, dass wir Frauen uns selbst als Ware anbieten. Trotz Seitensprungagenturen und steigender Untreue betrachtet die Mehrheit sexuelle Treue doch immer noch als wesentlichen Faktor einer Beziehung. Weil wir Einzigartigkeit wollen, nicht Beliebigkeit. Weil wir die Sexualität des Partners nicht teilen wollen, sondern Exklusivrechte beanspruchen. Weil es für die meisten eben doch nicht dauerhaft trennbar ist, Liebe und Sexualität. Weil es eben doch nicht so einfach ist, die eigene Seele und Intimsphäre beliebig zur Verfügung zu stellen.

In der Mehrheit unserer Gesellschaft ist der Gang zur Prostituierten nach wie vor verpönt. Sie ist das Gegenteil von Einzigartigkeit. Sie ist Beliebigkeit, sie ist kurzer Spaß gegen Geld. Es gehört nicht gerade zum guten Ton, vom Bordell-Besuch am letzten Wochenende zu berichten oder über die Qualitäten des Call-Girls von letzter Nacht zu fachsimpeln. Obwohl es also das älteste Gewerbe der Welt ist, hat es niemals die Normalität der Gesellschaft erreicht.

Nein, ich will mich nicht daran gewöhnen, dass Prostitution angeblich ein normaler Beruf wie jeder andere sei. Nicht, weil ich die Frauen verurteile, die ihm nachgehen, sondern weil ich es als Armutszeugnis für unsere Gesellschaft empfinde. Weil es erschreckend ist, dass Frauen heute noch mitten in Deutschland offensichtlich glauben, mit nichts anderem ihren Lebensunterhalt verdienen zu können als mit ihrem Körper. Wir sind eines der reichsten Länder der Erde, unsere Mädchen sind heute besser ausgebildet als je zuvor. Wir wollen sie in den Führungsetagen sehen und nicht in den dunklen Gassen und Saunaclubs unserer Großstädte.

Die Frage nach der Freiwilligkeit der Prostitution erinnert ein bisschen an die Debatte um ein Kopftuch-Verbot. Auch dort haben wir die Frauen, die nach eigener Aussage ganz bewusst und stolz dasselbe tragen. Für die es eine Beschneidung ihrer Rechte bedeuten würde, sollte man ihnen das Tragen des Tuches verbieten. Gleichzeitig ist es für sehr viele ein Symbol der Unterdrückung. Es verfestigt die Ansicht, dass Frauen minderwertig sind und dem Mann untertan. Dass er bestimmen darf, was sie tut.

Einfach abgehakt durch die Legalisierung?

Die rechtliche Anerkennung von Prostitution verfestigt analog die Ansicht, dass der Körper einer Frau nichts weiter als eine Ware ist. Das dieser zu haben ist, wenn nur der Preis stimmt. Dass Sexualität auch nichts weiter als eine Ware ist, die losgelöst von Gefühlen jederzeit und überall konsumiert werden kann wie ein Eisbecher, bei dem ich nur ab und zu die Geschmacksrichtung ändere. Und wie einfach ist es doch für uns als Gesellschaft, die Sache damit abzuhaken. Denn wenn man Prostitution einfach nur legalisiert, wo ist dann noch das Problem? Wer kümmert sich dann noch um die Frage, wie man eventuell andere Perspektiven auftut im Leben dieser Frauen, die nicht die Preisgabe der eigenen Sexualität und der eigenen Intimität abverlangen?

Die Tatsache, dass die meisten Prostituierten in unserem Land aus osteuropäischen Ländern, aus Thailand oder aus afrikanischen Staaten kommen, spricht Bände. Geben wir diesen Frauen auch eine reale andere Chance, in unserem Land ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Oder kümmert uns ihre Zwangslage einfach nicht genug? Haben wir unsere Schuldigkeit getan, indem wir ihre Arbeitsplätze heute sauberer und sicherer gestaltet haben und sie bei Verdi einen eigenen Arbeitskreis „Besondere Dienstleistungen“ besitzen?

Hinzu kommen in heutiger Zeit noch ganz andere Formen der Prostitution, die sich weltweit langsam aber sicher ausbreiten. Die Wissenschaft macht es möglich. War es bislang nur die Sexualität der Frau, die zum Kauf anstand, so ist es heute auch noch zusätzlich ihre Fruchtbarkeit, die gegen Zahlung zu haben ist. In Osteuropa verkaufen Frauen ihre Eizellen für die Forschung und an kinderlose Paare. Sie unterziehen sich dafür körperlich anstrengenden und gefährlichen Hormonbehandlungen. In Deutschland ist das verboten. Noch jedenfalls. Bei manchen endet es tödlich. Sie kassieren dafür mehr Geld, als sie in einem normalen Job in einem halben Jahr verdienen können. Ihre finanzielle Not treibt sie dazu, ihre Gesundheit und ihr Leben zu riskieren. Ist das noch Freiwilligkeit? Ist es in Ordnung, dass wir ihren Körper nutzen, weil sie ja dafür bezahlt werden?

Wir stehlen uns aus der Verantwortung

In Indien und auch anderen Ländern existiert ein blühender Markt für Leihmutterschaft. Auch das ist in Deutschland verboten. Noch jedenfalls. Es gibt zahlreiche Agenturen, die damit werben, das Geschäftliche abwickeln und damit gut verdienen. Eine moderne Form der Zuhälterei. Auch hier sind es die armen Frauen, die ihren Körper für Geld zur Verfügung stellen, um Kinder zu gebären, die dann in den reichen Westen abgegeben werden. Sie bringen damit ihre anderen Kinder und ihre Familien zu Hause durch. Ist es Freiwilligkeit, dass sie ihren Körper hergeben, nur weil sie dafür bezahlt werden? Ist es einfach nur ein Geschäft, ein Kind auszutragen?

Wir stehlen uns aus der Verantwortung, wenn wir das alles nur unter dem Hinweis der Freiwilligkeit abhaken. Wer keine Wahl hat, handelt nicht frei.

Bravo, Frau Kelle! Ich kann jeden einzelnen Satz unterschreiben. Auch wenn sonst viel Unsinn von ihr kommt. DAMIT hat sie mal voll ins Schwarze getroffen.

„Die Stripperin da ist echt geil. – Aber meine Frau ist nicht so eine billige Nutte!“

Eine kleine Filmszene:

Ein junges Paar, total verliebt und überglücklich, stehen kurz vor der Hochzeit. Sie schwärmt pausenlos von ihrem tollen Hochzeitskleid, er lässt sich von seinen Freunden feiern und geht mit ihnen auf Junggesellenabschiedstour durch die Kneipen. So landen sie schließlich in feuchtfröhlicher Laune in einem Striplokal. Begeistert und angeheitert feuern sie die Tänzerinnen an.
Was er nicht weiß, seine Freundin tanzt selbst nebenbei in einem solchen Lokal, um die Schulden ihrer spielsüchtigen Mutter zu finanzieren. Und wie es der Teufel nun mal will, landen sie in genau jenem Lokal, wo sie auch arbeitet. Eben noch johlt er der Tänzerin zu, die sich mit dem Rücken zum Publikum an der Stange räkelt und sich langsam ihrer spärlichen Kleidung entledigt. Doch als sie sich umdreht und er sie erkennt, weicht alle Farbe aus seinem Gesicht, er ist schlagartig nüchtern und fängt an sie zu beschimpfen: „Was machst du denn hier?! Wie siehst du überhaupt aus?! Bist du eine billige Nutte?!“ Sie, völlig entsetzt, bricht in Tränen aus, versucht, sich zu erklären, kommt aber nicht zu Wort. Wutentbrannt verlässt er fluchtartig das Lokal.

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Emotionsloses Fremdgehen ist kein Fremdgehen…

…So jedenfalls die Meinung von Jon Millward (bei Christian gefunden).
Dort wird die Behauptung aufgestellt, dass Sex mit einer Prostituierten nicht als Fremdgehen bezeichnet werden könne, weil keine Gefühle im Spiel sind, sondern „nur“ eine Dienstleistung in Anspruch genommen wird. Die konkrete Aussage lautet:

Because they require an uncomplicated emotionally detached sexual service as opposed to an affair. This allows them to cognitively justify the act of adultery and therefore alleviates feelings of guilt and betrayal.”

Der Einfachheit halber direkt die Übersetzung:
„Weil sie einen unkomplizierten emotional distanzierten sexuellen Dienst im Gegensatz zu einer Affäre verlangen. Das erlaubt ihnen, die Tat des Ehebruchs kognitiv zu rechtfertigen, und erleichtert deshalb Gefühle der Schuld und des Verrats.“

Meiner Meinung nach eine völlig falsche Argumentation, die lediglich als Schutzbehauptung dient. Erstens wird hier einfach vorausgesetzt, dass Affären immer von tieferen Gefühlen geleitet sind, was ja schon mal Unsinn ist. Nicht selten geht es dort auch „nur um Sex“. Nach Millwards Logik wäre das dann auch kein Fremdgehen.
Abgesehen davon, welchen Unterschied macht es, ob Gefühle im Spiel sind oder nicht? Sexuelle Handlungen mit einem anderen Partner als dem eigenen ist nun mal Fremdgehen. Daran gibt es nichts schönzureden. Ob dafür bezahlt wird oder nicht, ob Gefühle dabei sind oder nicht, ist irrelevant.

Ich betrachte Fremdgehen mit einer Prostituierten sogar als noch schlimmer als „normales“ Fremdgehen, weil hier der Akt des Fremdgehens nicht als Affekthandlung aus Geilheit heraus bzw „ist halt so passiert“ betrachtet werden kann (was auch schlimm genug ist), sondern bewußt die Entscheidung getroffen wird, die Befriedigung des sexuellen Triebes von einer anderen Person als dem eigenen Partner gegen Bares erfüllen zu lassen. D.h. hier kommen zwei Faktoren zusammen, die einzeln betrachtet schon demütigend genug sind (das Fremdgehen selbst, und der Egoismus, die sexuelle Befriedigung daraus zu ziehen, dass die eigenen Bedürfnisse im Fokus stehen und die des Sexualpartners keine Rolle spielen. Die Kombination aus Beidem macht es nicht besser. Im Gegenteil.