#Pflege: #Religionskritik

Nicht nur das Thema Feminismus hängt meiner Überzeugung nach eng mit dem Thema Pflege zusammen, auch das Thema Religionskritik.

Um das zu verstehen, muß man etwas in die Geschichte ausholen, und berücksichtigen, dass es früher ausschließlich Nonnen waren, die Pflegearbeit verrichtet haben. Daher kommt auch die Bezeichnung der „Schwester“, die nicht aus den Köpfen zu kriegen ist, auch wenn die offiziellen Berufsbezeichnungen längst andere sind. Altenpfleger hießen schon immer Altenpfleger, aber auch die Krankenschwestern heißt nicht mehr Schwestern, sondern Krankenpfleger. Der Begriff der „Schwester“ stammt also noch aus Zeiten, als sich Kirchenfrauen mit altruistischem Eifer und zum vergelts Gott-Tarif um Alte und Kranke gekümmert haben.

Sprache und Denken unterliegt permanentem Wandel, aber es dauert immer eine gewisse Zeit, bis das auch in den letzten Kopf eingedrungen ist.

Ich habe jetzt persönlich kein größeres Problem damit, wenn ich „Schwester“ genannt werde. Den demenzkranken Pflegebedürftigen kann man daraus ohnehin keinen Vorwurf machen.

Ich rege mich über ganz andere Dinge auf.

Die beiden großen Kirchen in Deutschland erheben einen gewaltigen Anspruch darauf, „im Namen Gottes“ so wahnsinngig viel Gutes zu tun. In ihrem Namen werden unzählige soziale Einrichtungen geführt.
Über der Tür steht „katholisch“ oder „evangelisch“ und jeder meint, im Schoß der Kirche gut aufgehoben zu sein.

Die Realität ist aber eine andere.

Es ist das eine, dass man als Mitarbeiter einer kirchlich geführten sozialen Einrichtung selbst Mitglied einer Kirche sein muß und Geschiedene und Homosexuelle diskriminiert werden, sogar jede Putzfrau muß einer Kirche angehören.

Das allein ist schon Aufreger genug. Aber noch viel schlimmer finde ich die Tatsache, dass diese kirchlich geführten Einrichtungen nur zu einem geringen Bruchteil auch von der Kirche finanziert werden. Der weitaus größte Teil (über 90%) wird aus öffentlicher Hand finanziert. Jeder (auch konfessionslose) Steuerzahler bezahlt also dafür, dass kirchliche Einrichtungen ihre eigenen Gesetze haben, die über dem Staat stehen und gegen das allgemeine Gleichstellungsgesetz verstoßen. Näheres dazu hier.

Pflege ist keine altruistische Dienstleistung, die für Gottes Lohn von jedem Menschen mit ein bisschen Herz verrichtet werden kann, sondern eine qualitativ hochwertige Profession, die nicht grundlos höchste Ansprüche hat.
Deswegen ist in höchsten Maß kritikwürdig, wenn qualifizierte BewerberInnen nur aufgrund fehlender Konfession abgelehnt werden.

Das ist einer der Hauptgründe dafür, warum ich nicht für einen kirchlichen Träger arbeiten würde. Meine Arbeitskraft, meine Kompetenz, meine Erfahrung nicht einer Einrichtung zur Verfügung stellen würde, die sich auf die Fahnen schreibt, im Namen der Kirche soziale Dienste zu verrichten und eigene Gesetze hat, sich aber fast ausschließlich vom Staat bezahlen lässt.
Das ist ungefähr so logisch und gerecht, als würde man Alkoholabstinenzler zwingen, den Alkoholikern den Schnaps zu bezahlen.

Von mir aus sollen Kirchen ihre eigenen Gesetze haben und nach eigenen Regeln leben. Aber dann sollen sie sich auch bitte schön gefälligst selbst finanzieren und ihre Gesetze nicht auf alle anderen überstülpen. Solange diese Ungerechtigkeit und Unlogik besteht, kann man nur jedem davon abraten, sich in den Dienst einer konfessionellen Einrichtung zu begeben. Kein Streikrecht, kein Betriebsrat, diskriminierende Einstellungspolitik, kein Tarifrecht. Und das bei den desolaten Zuständen in so ziemlich jeder Pflegeeinrichtung. Also bitte…

mein Beitrag zu #Ostern: Einfluss, Sonderrechte und Machtanspruch der Kirchen

Da nun gerade an Ostern wieder die Diskussionen rund das Thema Religion, Glauben, Christentum etc gehäuft auftreten, will ich mal ein paar Gedanken dazu ordnen.

Und ich will vorwegschicken, dass ich mich hier recht religions-/kirchenkritisch äußern werde. Wer also befürchtet, dass Religionskritik – wohlbemerkt Kritik an institutioneller Religion, keine Glaubenskritik! – seine religiösen Gefühle verletzt, liest besser nicht weiter. Wobei es mir natürlich fernliegt, persönlichen Glauben zu verletzen.
Bin aber auch auf Gegenargumente gespannt.

Ich habe ein recht ambivalentes Verhältnis zur Religion.

Ich bin religionsfrei erzogen worden, und habe auch keine religiöse Schulbildung erhalten. Obwohl mich Ethikuntericht interessiert hätte, aber der wurde zu meiner Schulzeit nicht angeboten. Trotzdem kam ich in gewisser Weise mit Religion in Kontakt, da ich natürlich mit christlichgläubigen Menschen in meinem Umfeld aufgewachsen bin. Allerdings habe ich das eher in negativer Form in Errinnerung, da ich mich deutlich an eine Schulkameradin erinnere, die immer versucht hat, zu missionieren und mich das sehr genervt hat. Insofern war ich froh, dass ich sowohl in der Schule als auch im Elternhaus weitestgehend davon verschont blieb.
Das blieb auch Jahre später im Erwachsenenalter so und ich kann mich nicht errinnern, etwas vermisst zu haben. Etwas mehr beschäftigt hat mich das erst, seit ich in meinem Beruf zwangsläufig mit existentiellen, spirituellen und religiösen Themen und Fragen konfrontiert werde. Siehe dazu hier

Man kann also nicht sagen, dass ich dogmatischer Atheist sei, der Glauben grundsätzlich für phantastische Spinnerei hält. Im Gegenteil.

Womit ich aber ein großes Problem habe, ist die institutionelle Religion und deren Machtanspruch. Wenn ich an das gerade sehr aktuelle Beispiel des Tanzverbotes an Karfreitag denke, fällt mir sehr auf, wie stark die Kirchen in das Leben aller Menschen eingreifen, nicht nur bei Gläubigen. Ich lese immer wieder, dass man sich mal nicht so aufregen soll, dass man mal an einem Tag im Jahr nicht tanzen darf. Und wer tanzen will, der soll dann auch arbeiten.
Das halte ich für viel zu kurz gedacht. Denn es geht nicht ums Tanzen oder ums Arbeiten. Die Kirche erlaubt sich hier einen Eingriff in das Privatleben aller Menschen, die den Glauben überhaupt nicht teilen und denen es ketzerisch gesagt scheißegal ist, wer da warum vor 2000 Jahren gestorben ist.
Wobei das Gewese um das Tanzverbot ja tatsächlich eher eine Nebensache ist. Mich ärgert das eher prinzipiell, nicht weil ich unbedingt an diesem einen Tag tanzen muß.

Viel bedenklicher finde ich die Tatsache, dass die Kirchen jedes Jahr Staatsgelder in schwindelerregenden Höhen kassieren. Und das nicht etwa, um kirchliche Sozialarbeit zu unterstützen, sondern zB auch um ihre innerkirchlichen Amtsträger zu finanzieren. Gleichzeitig erlauben sich zB Diakonie und Caritas, die beiden größten konfessionellen Arbeitgeber nach dem Staat (natürlich auch zum größten Teil vom Staat finanziert) Sonderregelungen im Arbeitsrecht, die dem allgemeinen Gleichstellungsgesetz komplett widersprechen. Man denke nur an das Streikrecht oder die Diskrminierung homosexueller, geschiedener oder konfessionsfreier Mitarbeiter.
Siehe dazu hier oder hier

Kleine Tweetreihe dazu von mir, wo ich diese Gedanken versucht habe, in Kürze zusammenzufassen.

Ich habe im Zuge dieser Überlegungen natürlich auch Gegenargumente gehört und gelesen.

„Niemand muß der Kirche beitreten und Kirchensteuern zahlen. Alles freiwillig“

Der Kirchenbeitritt mag freiwillig sein. Aber wie oben belegt, finanziert JEDER steuerpflichtige Bürger die Kirchen zwangsweise mit. Von einem säkularen Staat, einer Trennung von Kirche und Staat sind wir also weit entfernt.

„Ohne die Kirchen wäre ein soziales Miteinander in Deutschland nicht möglich, denke man an die vielen ehrenamtlich Tätigen in den Gemeinden und sozialen Einrichtungen.“

Doch, wäre es. Aus finanzieller Sicht sowieso. Aber man muß auch kein religiöser Mensch sein, um sich für andere einzusetzen. Da reicht gesunder Menschenverstand und ein normales Maß an Empathie.
Es ist unbestritten, dass viele Menschen unverzichtbare Arbeit im Bereich der Kirchen leisten. Aber sollte man ihnen wirklich unterstellen dass sie das nur tun, weil sie an Gott glauben und auf ein ewiges Leben im Himmel hoffen? Ist es nicht wahrscheinlicher (oder wäre jedenfalls aus humanistischen Gesichtspunkten für sie zu hoffen), dass das einfach hilfsbereite Menschen sind, die auch ohne Kirchen sozial engagiert wären?

2. großes Problem, das ich nennen will, ist die Indoktrination und Manipulation von Kindern. Jeder Mensch muß seine Religion oder Nicht-Religion frei wählen können und ich halte es für grob fahrlässig, Kindern mit Märchen über Hölle und Teufel bewußt Angst zu machen, wenn sie sich nicht an diese oder jene Regeln halten. Natürlich obliegt es der Erziehungsfreiheit der Eltern, ihre Kinder gemäß ihres Glaubens zu erziehen, aber gezielt mit Angstbildern zu arbeiten, halte ich für eine infame Strategie der Kirchen, um ihre Macht zu festigen.
Daher halte ich auch den Religionsunterricht an Schulen für verzichtbar und stattdessen einen Ethikunterricht, der sich undogmatisch und vorurteilsfrei mit allgemeinen Fragen um Religionen und Weltanschauungen befasst, für wesentlich sinnvoller.

3. Problem: Vom Frauenbild in den Kirchen will ich gar nicht erst anfangen…

(PS. Ich hoffe, ich bin damit niemandem persönlich auf die Füße getreten.)