#Pflege: Angehörigenarbeit

Angeregt durch eine Twitterunterhaltung mit @TrullaCouch (ihr Blog: Frau Sofa) möchte ich mal über ein Thema sprechen, dass in meiner Beobachtung mit eine Ursache dafür ist, dass die Arbeit in der Pflege oft unterschätzt wird und für entsprechende Mißverständnisse sorgt.

Ich erlebe es regelmäßig, dass die Angehörigen von Pflegebedürftigen und Demenzkranken nicht ausreichend über die Erkrankungen des Bewohners aufgeklärt sind und demnach oft überfordert sind. Warum ist meine Mutter heute so unruhig? Warum erkennt mich mein Vater nicht? Warum isst er nicht? Warum schreit sie so? Warum will sie nicht mit mir spazierengehen? Warum ist er unrasiert? Warum lässt er keine Hilfe zu? Kümmern sich die Schwestern hier nicht genug? Hat meine Mutter ihre Medikamente nicht bekommen? Oder zu viel? Und wie sieht das Zimmer überhaupt aus? Warum hat Mutter die ganzen Sachen aus dem Schrank geräumt? Warum streitet sie mit dem Mitbewohner, der auf ihrem Platz sitzt? Warum fehlt der Lieblingsteddy auf dem Bett? Klaut hier jemand?

Die Liste solcher und ähnlicher Fragen lässt sich endlos fortsetzen. Dann ist es unsere Aufgabe, Angehörige darüber aufzuklären, welche Verhaltensauffälligkeiten eine Demenzerkankung mit sich bringt. Normalerweise sollte das schon seitens der Heimleitung vor Einzug geschehen, aber manchmal ist den Angehörigen das Ausmaß nicht bewußt. Dass sowas nie böse und absichtlich geschieht, sondern eben Teil der eigenen Welt des Erkrankten ist, die man akzeptieren muß, ist ein gewaltiger Lernprozess, den man nicht unterschätzen darf. In der Regel funktioniert das auch, denn die meisten Angehörigen sind sehr regelmäßig da und nehmen damit großen Anteil an unserem Alltag. Sie kennen uns und unsere Arbeit, wir unterhalten uns oft, oft sind sie sogar eine wertvoll helfende Hand bei der Arbeit, indem sie sich selbst um ihren Angehörigen kümmern und zB das Essen anreichen (der Ausdruck „füttern“ ist hier im Kontext übrigens streng verboten. Man füttert Tiere, keine Menschen). Ein Sohn kommt zB mehrmals in der Woche nachmittags und bringt seine Mutter dazu, sich von uns duschen zu lassen, da sie dies sonst immer ablehnt und uns aus dem Zimmer wirft. Ein anderer Sohn, dessen Vater schon lange verstorben ist, hat uns einen wunderbaren Dankesbrief geschrieben und hat mit der Pflegeleitung vereinbart, dass er für uns gelegentlich dringende Botengänge übernimmt, zB Rezepte aus Arztpraxen holen etc. Eine Ehefrau, deren Mann vor langer Zeit verstorben ist, arbeitet mittlerweile ehrenamtlich im Haus. Eine andere Ehefrau kommt täglich und hilft ihrem Mann beim Essen. Eine weitere andere Ehefrau kommt jedes Wochenende und hilft nachmittags beim Kuchen verteilen und hilft ebenso ihrem Mann beim Essen. Wir haben schon oft gesagt, dass das nicht ihre Aufgabe ist und sie das nicht tun muß, aber sie will es unbedingt, weil sie sich dadurch gebraucht fühlt. Sie will einfach helfen. Mittlerweile haben wir uns an sie gewöhnt und wissen ihre Hilfe sehr zu schätzen. Das war anfänglich auch anders. Auch sie war eine dieser schwierigen Angehörigen, die wegen jeder Kleinigkeit zu uns oder der Pflegeleitung gekommen ist und irgendwelche Beschwerden hatte. Nach vielen Gesprächen und langsamem kennenlernen ist sie jetzt sehr zufrieden mit uns und gehört fast zur Mitarbeiterfamilie. Aber das war ein Stück Arbeit.

Dass es schwer ist, dem geistigen und körperlichen Verfall eines geliebten Menschen zusehen zu müssen, ist absolut verständlich und ich habe mir ein entsprechend dickes Fell und eine Menge Geduld zugelegt und mir im Ergebnis dessen und aufgrund meiner Erfahrung und meiner Kompetenz die Achtung und den Respekt der meisten Angehörigen verdient. Auch das war ein Stück Arbeit. Auch ich hatte Gespräche mit der Pflegeleitung, weil sich Angehörige über mich beschwert haben, weil ich mir eben nicht alles habe gefallen lassen.

Dennoch kommt es immer wieder vor, dass Angehörige einfach nicht verstehen, dass wir bei aller Qualifikation aller Bemühungen keine Wunder vollbringen können. Vorwürfe, Unterstellungen, gezielte Fehlersuche, überhöhte Ansprüche. All das sind Probleme, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden. Es sind nur wenige Personen, die so anstrengend sind, aber sie können einen Stationsalltag sprengen. Gerade in besonders emotional belastenden Situationen wie in der präfinalen Phase eines Menschen ist das spürbar. Da will eine Tochter am liebsten, dass rund um die Uhr ein Arzt bei der Mutter ist und Händchen hält. Das ist nicht mal im Krankenhaus realisierbar, geschweige denn im Heim. Da bekommt sie einmal zu viele Medikamente, dann wieder zu wenig. Einmal ist es zu heiß, warum läuft der Ventilator nicht, dann bläst er ihr zu stark ins Gesicht. Einmal ist sie zu unruhig, dann schläft sie zu viel. Und so weiter und so fort…

Ich habe festgestellt, dass der Umgang mit schwierigen Angehörigen ähnlich zu handhaben ist, wie mit den Demenzkranken selbst. Stichwort: Validation. Das Gegenüber ernstnehmen, sie emotional dort abholen, wo sie stehen und ihre Sorgen als Realität betrachten. Souverän und verständnisvoll auftreten und über Sachverhalte aufklären. Das heißt natürlich nicht dass man sich alles bieten lassen muß. Wenn es die Situation verlangt, auch mal zur Ruhe auffordern oder das Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt verlagern oder aber auch Vorgesetzte einbeziehen. Das funktioniert natürlich nur, solange ein sachliches Gespräch auch möglich ist. Wenn die negativen Emotionen allzu hoch kochen, ist es sinnvoller, das Gespräch abzubrechen.

Rückblickend auf all diese Erfahrungen kann folgendes noch mal deutlich sagen. Menschen, die ihre „Kenntnisse“ vom Hörensagen haben oder einmal im halben Jahr die Omma im Heim besuchen, sich ständig über Kleinigkeiten beschweren, oder aus sonstwelchen Gründen meinen, beurteilen zu können, dass Pflege kein anspruchsvoller Beruf sei, sind im besten Fall genau solche anstrengenden Angehörigen, die überfordert und unaufgeklärt sind. Im schlechtesten Fall sind sie einfach dumm.

Nein heißt Nein – Vorteile/Nachteile

Nein heißt Nein, eine unendliche Geschichte. Nachdem Evolutions-Christian mir erst vorhielt, eine persönliche Befriedigung dabei zu empfinden, wenn ich für die These „Nein heißt Nein“ spreche, fragt er nun nach allgemeinen Vorteilen. Da kann ich einige nennen.

1. Sicherheit
Nein heißt Nein zu befolgen ist im Zweifelsfall IMMER der sicherste Weg. Das allein sollte schon Grund genug sein, aber es gibt noch mehr.

2. Anerkennung
Ich denke, keine Frau wird sauer oder verächtlich auf einen Mann reagieren, der ihr auf die eventuelle Frage, warum er denn aufgehört hat, antwortet: Du hast Nein gesagt. Das nehme ich ernst.

3. Verantwortung gegenüber unsicheren und unerfahrenen Frauen
Eine unsichere Frau, die noch nicht so genau weiß was sie will, wird dankbar sein, wenn man ihr rücksichtsvoll und einfühlsam begegnet. Ihre Unsicherheit auszunutzen und sie in eine Richtung zu lenken, die sie vielleicht nicht will, ist gefährlich und egoistisch. Sich über ihr Nein hinwegzusetzen kann sich negativ prägend auswirken. Wenn sie sich fragen muß „warum macht der jetzt weiter, ich hab doch nein gesagt“, wird das ihre Unsicherheit nur bestärken. Zumindest innehalten und sich vergewissern, ist nie falsch.

4. langfristiges Beseitigen von Mißverständnissen
Natürlich gibt es sie. Diese Frauen, die lieber Spielchen spielen, als klar zu sagen, was sie wollen. Diesen Spaß sollen sie haben. Aber sie sollten sich klar sein, dass diese Spielchen der Hauptgrund dafür sind, dass manche Männer glauben, dass ein Nein prinzipiell nicht bindend ist und damit den Weg ebnen für Mißverständnisse.
Was passiert im schlimmsten Fall, wenn ein Mann an eine Frau gerät, die nur spielt, aber er lässt nach dem Nein von ihr ab? Sie wird enttäuscht sein. Ist Enttäuschung über verpassten Sex nun schwerwiegender zu bewerten als die Tatsache, dass er ihr Wort ernstgenommen hat? Ist der Verzicht auf Sex seitens des Mannes schwerer zu ertragen als die Ungewissheit ob der Sex gewollt war oder nicht?

Nachteile von Nein heißt Nein?

Ein Nein kann so nicht mehr beliebig ausgelegt werden.
Eventuelle Enttäuschung bei Frauen, die eine andere Reaktion erhofft haben.

Natürlich kann ein Nein Auslegungssache sein. Aber nicht Nein vs. Ja, sondern Nein vs. Nicht jetzt, nicht hier, nicht so oder nicht mit dir. Aber immer Nein die gegenwärtige Situation betreffend.
Ich streite nicht ab, dass es auch auf die nonverbale Reaktion der Frau ankommt, ob sie sich in einer sexuellen Situation wohl fühlt oder nicht. Sagt sie Nein, zeigt aber körperliche Reaktionen, die einen anderen Schluß erlauben, ist es wohl nicht zuviel verlangt, sicherzugehen und nachzufragen. Nicht jede unwillkürliche Reaktion des Körpers ist auch ein Zeichen für Erregung und Sexlust. Ein geschickter Liebhaber wird es auch schaffen, die Stimmung dadurch nicht zu ruinieren.

Zum Vorwurf, Nein heißt Nein sei eine dogmatische Ideologie sei angemerkt, dass das auf Nein heißt nicht Nein nicht weniger zutrifft. Nur mit dem Unterschied, dass Nein heißt Nein mehr Konsequenz und Disziplin erwartet.

„Nein“

Er schmust sich an sie ran. Streichelt und küsst sie. Was er will, ist eindeutig. Er wird fordernder, sein Griff fester. Sein Atem schneller. Sie rührt sich keinen Millimeter, macht keine Anstalten, zurückzuschmusen. Im Gegenteil. Sie versucht, ihr Gesicht abzuwenden, verkrampft sich.

-Hör auf, ich will nicht.
-Ach komm…
-Nein, bitte nicht.
-Nur ein bisschen…
-Nein.
-Ich weiß doch, was du willst.
-Aber jetzt will ich nicht.
-Komm schon Baby, ich hab solche Lust…
-NEIN VERDAMMT, LASS MICH ENDLICH IN RUHE!

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