Wenn Zufall, Glück und ein paar Sekunden über Leben oder Tod entscheidend sind

Dass ich täglich bei meiner Arbeit vielen Menschen das Leben rette, ist eine Tatsache, die bisher bei mir eher unter „ferner liefen“ abgespeichert war. Klar, die Versorgung mit Nahrung, Flüssigkeit, Medikamenten, ärztliche Betreuung und Wundversorgung sichert erstmal täglich das leibliche Leben, und eine persönliche individuelle Betreuung, so gut es geht, auch ein wenig das seelische Wohlbefinden. So weit, so klar.

Aber wie man unmittelbar einem Menschen das Leben retten kann und wie wahnsinnig viel Glück dabei sein kann, wird einem nicht jeden Tag so krass vor Augen geführt.

Eine Dame, die unter schizophrenischen Anfällen leidet, ist bekannt dafür, oft und laut zu schimpfen. Wäre kein größeres Problem, wenn man verstehen würde, was sie sagt, denn sie spricht kein Wort deutsch.

Heute war sie wieder besonders gut drauf und hielt die ganze Station in Stimmung. Sie saß im großen Aufenthaltsraum und marschierte zielstrebig auf den Balkon, wo sie ganz gern sitzt und mal eine raucht. Also noch kein Grund zur Beunruhigung.

Der glückliche Zufall wollte es aber heute, dass ich just in dem Moment auf den Balkon rausschaute, als sie sich einen Stuhl an die Balkonbrüstung geschoben hat, da rauf geklettert ist und bereits mit einem Knie auf der Brüstung hockte (wir sitzen im 3. OG).

Ich bin wie von der Tarantel gestochen rausgeflitzt und hab sie dort wieder zurück geholt, was zum Glück trotz mangelnder Sprachkenntnisse kein Problem war. Ein größeres Problem war die Tatsache, dass keiner rauskriegen konnte, warum sie das getan hat. Einmaliger extremer Aussetzer oder tatsächlicher bewußter Wille, sich umzubringen?

Ich mußte auf Nummer sicher gehen. Ich hab dann erstmal die nächsten Stunden damit verbracht, mit Pflegeleitung, Ärzten und Betreuern zu telefonieren. Irgendwann hat es dann zwischendurch jemand geschafft, auf die Frage, ob sie sich etwas antun wollte, ein deutliches Nicken rauszubringen.

Jetzt hatte ich ein richtiges Problem. Bei so deutlichen suizidalen Anzeichen bei psychisch Erkrankten ist nicht lange Fackeln und Diskutieren angesagt, sondern Notarzt. Ich bin ja sonst ein Verfechter des Rechts auf Selbstbestimmung, was das eigene Ableben angeht. Aber wir haben es ja hier mit Schutzbefohlenen zu tun, die in aller Regel selbst nicht mehr wissen, was sie tun. Und nach langem hin und her hat sie sich glücklicherweise damit einverstanden erklärt, in eine psychiatrische Klinik mitzukommen, deren Einweisung aufgrund der Akutsituation Gott sei Dank reibungslos verlief.

Nach all dem Theater, während dem ich – wie immer eigentlich in solchen oder ähnlichen Streßsituationen – ruhig blieb und einfach routiniert funktionierte, kam die Pflegeleitung kurz vor Feierabend noch zu mir und fragte, ob alles ok sei. Und dann ist alles hochgekommen und ich fing an zu heulen. Der Gedanke, dass es reiner Zufall war, dass ich die Situation auf dem Balkon gerade so mitbekommen habe, und nur wenige Sekunden später wahrscheinlich alles zu spät gewesen wäre, war auf einmal zu viel für mich. Sie hat mich beruhigend in den Arm genommen und mir beteuert dass ich keine Schuld habe, es ist gerade noch mal alles gut gegangen, und ich soll ruhig heulen, das tut halt gut. Das war vermutlich auch das Beste, was sie in dem Moment tun konnte.
Ich glaube, so viele Schutzengel wie heute hatte ich selten im Leben.

Wenn selbsternannte Lebensschützer über das Leben anderer entscheiden wollen

Ich habe mich sehr über einen Artikel von Hermann Gröhe aufgeregt. Jener Hermann Gröhe, der jüngst seine Entscheidung zur Rezeptpflicht der Pille danach verkündete. Aber das meine ich jetzt nicht. Herr Gröhe ist nicht nur gegen die rezeptfreie Pille danach, er ist auch gegen die in Deutschland straffreie Beihilfe zur Selbsttötung.

Weiterlesen