#Pflege: unsozial

Pflege ist ein sozialer Beruf, heißt es immer. Das stimmt auch, zumindest in der Bezugnahme auf andere Menschen. Nicht jedoch in der Bezugnahme auf sich selbst. Bezogen auf das eigene Leben ist der Pflegeberuf hochgradig unsozial. Familienfeindlich und unsozial. Abends, nachts, an Wochenenden und Feiertagen arbeiten zu müssen, schränkt das eigene Privatleben massiv ein und damit auch die eigene Pflege des persönlichen sozialen Umfeldes. Partnerschaften und Freundschaften pflegen, das ist sehr schwer, wenn man arbeiten muß, wenn andere frei haben und umgekehrt. Es ist wichtig, Menschen um sich zu haben, die Verständnis dafür haben, dass man nicht immer Zeit für sie hat. Und solche Menschen sind selten und darum Gold wert. Die meisten Menschen haben weder Lust, sich Alltagsgeschichten aus der Pflege anzuhören, weil es anstrengend, traurig oder einfach eklig ist, noch haben sie Lust, jedesmal Rücksicht zu nehmen, wenn man gerade müde und fertig ist und keine Lust auf Party hat.

Es ist unsozial, von heute auf morgen Dienständerungen hinnehmen zu müssen.
Es ist unsozial, sein Privatleben nicht planen zu können.
Es ist unsozial, aus dem Frei zum Dienst zitiert zu werden, weil wieder irgendjemand ausgefallen ist.
Es ist unsozial, wenn man in seiner Freizeit so ausgebrannt ist, dass man die Zeit zum schlafen nutzen muß und keine Energie für Familie und Freunde hat.
Es ist unsozial, wenn man es sich finanziell nicht leisten kann, seine Arbeitszeit so zu gestalten, dass man sich mehr Zeit für seine Familie und Freunde nehmen kann.
Es ist unsozial, sich trotz massiver gesundheitlicher Einschränkungen jahrelang durch eine Vollzeitstelle schleppen zu müssen, weil man Angst vor der Altersarmut hat.
Es ist unsozial, wichtige Termine wie Arztbesuche oder Behördengänge auf lange Zeit hinausschieben zu müssen, weil sie mit dem eigenen Schichtplan unkompatibel sind.

Es wäre schön, wenn Pflege mal ein wirklich sozialer Beruf werden würde.