sexistische Einstellungsverfahren – je nach Geschlecht erlaubt oder nicht

Mal eine kurze Anmerkung nebenbei.

Das mit den Quoten bei Einstellungsverfahren ist ja immer so eine Sache. Was wird immer, wenn Frauen bei gleicher Qualifikation ggü Männern bevorzugt eingestellt werden sollen, Zeter und Mordio geschrieen. Erst recht, als irgendwo gesagt wurde, dass Frauen irgendwo angeblich trotz geringerer Qualifizierung bevorzugt eingestellt werden sollen. Antifeministen sehen hier immer – na was? Männerdiskriminierung!!! Aber warum? Obliegt es nicht der Entscheidung eines Personalers, sich die gewünschten Mitarbeiter für die Stelle auszusuchen?

Die sexistische Einstellungspolitik, die „Anne Nühm“ vor einiger Zeit recht offenherzig beschrieb, nämlich qualifizierte Bewerberinnen für eine bestimmte Stelle gar nicht erst einzuladen, einfach weil sie Frauen sind, (offizielle Ausrede, weil sie es halt weder können, noch wirklich wollen, weil wegen Natur und so) wird immerhin als legitimes Recht eines jeden Arbeitgebers akzeptiert. Nachzulesen, wie glasklar der Sexismus nachgewiesen, und wie geschmeidig sie von der Userin @Aurelie an die Wand argumentiert wurde, hier (Unbedingte Leseempfehlung! Die Geduld von @Aurelie, mit Fakten gegen dumpfen Sexismus zu argumentieren, ist bemerkenswert).

Also was jetzt. Ist es nun das Recht eines jeden Arbeitgebers, einzuladen und einzustellen, wen er will, oder nicht? Entscheidet euch mal.

#Fettlogik – Die zweite Zeit danach

Vor etwas mehr als einem Jahr schrieb ich über meine ersten Erfahrungen mit meinen Ernährungsumstellungen nach der Lektüre von Nadja Hermmans Buch „Fettlogik überwinden“. Damals war ich beeindruckt von der Logik der Gewichtskontrolle, die, einfach und lebensnah dokumentiert, mit simpler Mathematik nachvollziehbar wurde. Und auch wenn ich damals wie heute kein Freund des Kalorienzählens war und bin, habe ich es auf dem Weg versucht und konnte schließlich auch Erfolge verbuchen. Irgendwann wurde ich dann etwas nachlässiger, schrieb nicht mehr alle meine Mahlzeiten auf und schätzte meinen Konsum lediglich unter der vermeintlichen Gewissheit „wird schon passen“. Ich dachte, „du isst täglich Gemüse, genießt deine kleinen Sünden nur ab und zu, hast einige Dinge konsequent umgestellt, bewegst dich regelmäßig, also was soll diese lästige Zählerei“. Dann kam Weihnachten, Ostern, Urlaub. Wie kann man in den schönsten Zeiten des Jahres, die man genießen soll, an all den Verführungen vorbeilaufen? Das schaffte ich nicht. Asche auf mein Haupt. Wenn jemand praktische Tipps dafür hat, immer gern her damit.

Und so kam es wie es kommen mußte. Ich nahm wieder zu. Der gute alte Jojo-Effekt. Nicht das komplette Gewicht das ich bis dahin verloren hatte, aber doch genug, dass es für mich irgendwann spürbar störend war.
Das ärgerte mich deswegen so, weil ich während meiner Umstellung nicht gelitten habe, keinen quälenden Hunger hatte und endlich mal wieder richtig satt sein wollte. Ich war einfach zu faul geworden, mich selbst konsequent zu beobachten und zu kontrollieren.

Daher mein 2. Resümee: schätzen funktioniert nicht!

Das sogenannte intuitive Abnehmen, was ich als optimal für mich angenommen hatte, war eine grobe Fehleinschätzung. Man ignoriert kleine Happen zwischendurch, unterschätzt Essensmengen, überschätzt seine tägliche Aktivität.
Wenn man jahrelang das hat, was man im allgemeinen Sprachgebrauch einen „gesunden Appetit“ nennt, stellt man nicht von heute auf morgen seine Gewohnheiten mal eben um. Das muß sehr bewußt passieren.

Es fing damit an, dass mich Kollegen und Freunde ansprachen. „Hast du wieder zugenommen?“. Ich winkte ab und dachte, „ach komm, 1 oder 2 Kilo“. Auf die Waage ging ich nicht mehr regelmäßig. Vermutlich wußte mein Unterbewußtsein schon genau, was die Uhr geschlagen hatte. Ich traute mich schlicht nicht, die Zahl auf der Waage zu sehen. Aber, und das hatte ich schließlich gelernt, eine Umstellung beginnt mit der Wahrnehmung der schonungslosen Realität.

Das Problem, warum ich damals nachlässig wurde, lag auch darin, dass ich zwar die Komplimente meiner Umwelt vernahm, und die Veränderungen auf der Waage sah, aber nicht in meinem Spiegel. Ich hatte das Gefühl, dass sich optisch gar nichts verändert hat, also sah ich auch keine Veränderung, als ich wieder zunahm. Ich hatte auch solche Gedanken wie „ok jetzt bist du schlank, also kannste auch noch die Pizza essen“. Ich hatte einfach eine völlig verdrehte Wahrnehmung von meinem Körper und schätzte mein Essverhalten immer noch falsch ein. Und das, obwohl der Schalter im Kopf längst umgelegt war. Dachte ich. So meine bittere Erkenntnis.

Also fing es wieder von vorn an. Ab auf die Waage. Kalorien-App runtergeladen, Bedarf ausgerechnet. Bewußteres Einkaufen. Kleinere Portionen. Aufhören zu essen, wenn ich satt bin. Mahlzeiten konsequent notieren.

Dank meiner ersten Erfahrungen vor einem Jahr habe ich jetzt den Vorteil, nicht gleich ungeduldig zu werden. Im Gegenteil bin ich sogar noch motivierter. Ich hatte es schon mal geschafft, mit Willen und Disziplin eine nicht geringe Menge an Gewicht zu verlieren (die 3,5 kg von denen ich im letzten Artikel so stolz berichtet habe, waren ja nur ein erstes Etappenziel. Insgesamt waren es am Ende fast 10 kg), also schaffe ich es noch mal.

Tschaka!🙂

(Ach ja, es sind schon wieder fast 2 kg runter🙂 )

Intellektuelle Bankrotterklärung: die Hässlichkeitskeule

Ein interessanter Text ist auf watson.ch erschienen. Stefanie Sprengnagel macht sich dort ein paar sehr lesenswerte Gedanken zu einem der unzähligen, ähm… eher mittel intelligenten antifeministischen Mythen der angeblich so häßlichen Feministinnen bzw linken Frauen. Zitate dazu gibt es Dutzende. Ein paar Beispiele findet man im Text:

«Der Feminismus ist der Kommunismus der Frauen, die unter der Tatsache ungleich verteilter Schönheit leiden.»

«Dass die meisten hässlichen Frauen links sind, ist nicht grundlos. Schliesslich hoffen sie, dass wenigstens ein verzweifelter Migrant bei ihnen drüber geht. Bevorzugt Moslems, die verwenden eine Burka und einigermassen gut ist.»

–ŸŸ «Adipöse Linksfrustlerin.»
– «Hässliche Schlampe.»
– «Hässlichkeit begleitete einen eben ein ganzes Leben lang.»
– «Kein Wunder, wer so hässlich ist, braucht sich nicht mal vor notgeilen Rapefugees zu fürchten.»
– «Nur weil du so unattraktiv bist, musst du nicht permanent andere Leute anekeln.»
– «Pfui Teifl, ist die Frau ekelhaft … bitte schlagt ihr in die Fresse, das wird alles besser machen.»

(Auf ihrer Facebook-Seite hat sie dazu eine kleine Sammlung gelistet)

Charles Bukowski sagte: „Feminismus existiert nur, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren“
Rene Kuhn, ehemaliger SVP-Präsident bezeichnete linke Frauen als „zerlumpte Vogelscheuchen“.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Feminismus und/oder „Links“ mit fehlender Attraktivität in Verbindung zu setzen, hat ja eine lange Tradition. Nicht nur als spinnertes Randphänomen irgendwelcher antifeministischer und/oder rechter Hohlköpfe, sondern durchaus sehr breit gefächert durch die Gesellschaft gezogen.

Das Prinzip funktioniert einfach: Willst du eine unbequeme Frau angreifen und kleinmachen, triff sie dort, wo es ihr gefälligst am meisten zu schmerzen hat – bei ihrer Attraktivität. Das ist es schließlich, worum Frauen sich am meisten sorgen. Attraktiv auf andere zu wirken. Eine Frau, der die Attraktivität abgesprochen wird, hat ihre Würde als Frau verloren. Es beschämt sie so sehr, dass sie für immer den Mund hält und sich zurückzieht. Zumindest so der heimliche Wunsch. Hinter dieser Denke ist ein ziemlich sexistisches Weltbild verankert. Die einzige Aufgabe einer Frau ist es, schön zu sein. Erfüllt sie diese Aufgabe nicht, hat sie verloren. Und weil man sie so am besten demütigen kann, wird sie der Einfachheit halber darauf reduziert. Sie schreibt Gedichte? Arbeitet in der Krebsforschung? Repariert Autos? Kann toll singen? Pflegt Menschen gesund? Engagiert sich ehrenamtlich? Ist Unternehmerin? Hat 5 Kinder groß gezogen? Steht im Guinnesbuch der Rekorde? Sie leistet einfach irgendwas tolles im Leben, das unabhängig ihres Aussehens funktioniert? Egal, sobald sie Feministin oder links ist. Sie in irgendeiner Kompetenz zu kritisieren, würde voraussetzen, sich damit zu befassen. Einfach „häßlich!!“ zu schreien, geht auch ohne jede Ahnung von irgendwas.

Leider hat das Prinzip auch einen Nebeneffekt. Es nutzt sich ab. Nicht dass die Häßlichkeitskeule jemals ein Ersatz für Argumente war, aber je inflationärer sie eingesetzt wird, desto lächerlicher wird sie.

Dennoch verfehlen solche Angriffe natürlich nicht immer ihre Wirkung. Sprengnagel beschreibt es folgendermaßen:

«Du bist so hässlich» ist psychologische Kriegsführung. Das Argument, mit dem man zuverlässig jede Frau trifft. «Bodyshaming» und seine Untergruppe, das «Fatshaming», schmerzen, ganz einfach. Wer stark ist, schluckt’s runter, macht einen lustigen Spruch und hofft, dass es nicht aufstösst. Wer nicht so stark ist, wird essgestört.

Wenn das so stimmt, muß ich wohl verdammt stark sein. Mich sollten solche Auswürfe auch schon des öfteren treffen. Haben sie aber nie. Die einzige Wirkung, die bei mir eingetreten ist, ist wahlweise herzhaftes Lachen oder facepalmen. In jedem Fall aber die Gewissheit über die Dummheit desjenigen, der mich da treffen wollte. Zumal es bisher ausschließlich von irgendwelchen fremden Kommentatoren kam, die online natürlich leicht die Fresse aufreißen können, ohne die Person, über die sie da herziehen, auch nur ansatzweise zu kennen. Wenn das keine abgrundtiefe Dummheit ist, was bitte dann?

Aber nur weil mich das Phänomen nicht trifft, ist es natürlich trotzdem existent. Die Häßlichkeitskeule wird nach wie vor ungehemmt geschwungen, ungeachtet der Tatsache, dass sie weit mehr über den Lästerer aussagt als über die Person, die er treffen will. In dieser Hinsicht (nicht nur in dieser) sind die antifeministischen/rechten Keulenschwinger einfach völlig lernresistent. Vielleicht deswegen weil sie wirklich weder eigene Ideen für ihre Agenda, geschweige denn rationale Argumente haben, und deswegen auf die primitive Schiene ausweichen müssen. Die Hässlichkeitskeule als „psychologische Kriegsführung“, wie Stefanie Sprengnagel es in ihrem Text formuliert, ist schlicht eine intellektuelle Bankrotterklärung. Punkt.

#Gewalt in der #Pflege

Ich gehe eine Wette ein.

Jeder Einzelne meiner werten Leserschaft hatte beim Lesen des Titels ein bestimmtes Bild vor Augen.
Schlecht versorgte Pflegebedürftige in erbarmungswürdigem Zustand. Unterernährt, übermüdet, einsam, in Exkrementen liegend, übersät mit Hämatomen, umgeben von überforderten, gestressten oder unmotivierten Pflegekräften, die sich einen Dreck um das Wohl der Leute sorgen. Die sie anschreien, gewaltsam Essen reinstopfen oder es ganz bleiben lassen, Toilettengänge verweigern, Intimsphäre mißachten oder sogar schlagen. Gefundenes Fressen für Team Wallraff & Co und immer für einen Aufreger und eine Schlagzeile gut, wie scheiße die Pflege in Deutschland ist.

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„#Pöbelmaskulismus“ und „Werner Stahl“ – echtes Problem oder Hetze?

Der Text von Simon Hurtz über den „Pöbelmaskulismus“ hat einige Diskussionen ausgelöst, die ich mit teilweise amüsiertem Interesse verfolgt habe.
Bei Lucas Schoppe wurde dazu einiges kommentiert. Es wurde unter anderem vorgeworfen, dass der Artikel eine „Hetzpropaganda“ sei, weil er sich an radikalen Vertretern wie „Werner Stahl“ aufhänge, was gängige Ängste und Vorurteile bestätigen würde. In mehreren Äußerungen wurde die Existenz von „Werner Stahl“ sogar schlicht geleugnet. Dass „Werner Stahl“ tatsächlich existiert, und lediglich der Name geändert wurde, wurde von Herr Hurtz bereits erklärt.

Da sich die beginnende Diskussion dazu dazu in meinem anderen Themenstrang zu einem eigenen Thema zu entwickeln scheint, führe ich das mal gesondert hier fort:

Ich habe selbst damit begonnen, den Hurtz-Artikel um die Pöbelmaskulisten zu thematisieren:

„Worüber ich mich gewundert habe, ist eher, warum Einzelfälle, über die Frau Simon berichtet als etwas bezeichnet werden, „was jeder Mann seit 10 Jahren kennt“, also zur Allgemeinheit erhoben wird, aber die Existenz frauenfeindlicher Idioten wie „Werner Stahl“, die sich nun mal zweifelsfrei im Antifeminismus tummeln, angezweifelt wird. Da ist von „Strohmännern“, „Scheinriesen“, oder gar „Erfindung“ die Rede. Ich kann dir entgegenhalten, dass solche „Werner Stahls“ so ziemlich jeder Frau und jedem Mann bekannt sind, die es wagen, sich profeministisch zu positionieren (und ich unterstelle, auch jedem Maskulisten, der nicht völlig blind durch die Welt zieht). Aber im Gegensatz zu Frau Simon ist Herr Hurtz in seinem Pöbelmasku-Artikel wenigstens so ausgewogen, die Sache nicht nur einseitig zu betrachten. Unterm Strich hast du also Recht. Der Hurtz-Text ist keine reine Schimpftirade (denn das ist ein Rant eigentlich), sondern wie du schon gesagt hast, eine „überspitzte, im Kern aber schon korrekte und im Rahmen der journalistischen Ermessensspielräume zulässige Darstellung des Themas“. Was daran jetzt Problem ist, sehe ich aber nicht. Ist es vielleicht nicht genehm, die Schattenseiten des Maskulismus zu beleuchten? Ist Maskulismuskritik etwa ganz allgemein nicht erlaubt? Ich finde diese Beobachtungen interessant und eigentlich eines eigenen Artikels würdig, denn hier geht es etwas am Thema vorbei. Mal schauen.

Amüsiert haben mich aber die Spekulationen, wie ich wohl andere Texte bezeichnen würde. Aber lassen wir das…

Und daß der Text zugespitzt formuliert, ist eben dem Unterhaltungsfaktor geschuldet und gut fürs Clickbaiting.

Das scheint ja beim Pöbelmasku-Text hervorragend funktioniert zu haben, wenn man sieht, wie sich Maskulisten und Antifeministen darüber empören und so gar nicht wahrhaben wollen, dass diese „Werner Stahls“ in ihren Reihen existieren.“

Und @ mitm anwortete darauf:

„Beim Hurtz-Papier ist dies völlig anders. Nach meiner Erinnerung zitiert er überhaupt keine Statistik, die die Häufigkeit der Werner Stahls seriös benennen würde, ich kenne auch keine (und bezweifle, daß es eine gibt. Rosenbrock et al. sind keine seriösen Analysen). Werner Stahl ist keine Veranschaulichung trockener Fakten, er ist selber das Faktum, das sich ein Leser zusammenreimt. Die Botschaft, die beim Leser ankommt, hat keine Grundlage, insofern erfindet das Hurtz-Papier das unbewiesene Faktum, Werner Stahl sei ein typischer, repräsentativer Masku.

„…ist Herr Hurtz in seinem Pöbelmasku-Artikel wenigstens so ausgewogen, die Sache nicht nur einseitig zu betrachten“

Von ausgewogen kann keine Rede sein, s. hier meine quantitative Textanalyse.

„Ist es vielleicht nicht genehm, die Schattenseiten des Maskulismus zu beleuchten? Ist Maskulismuskritik etwa ganz allgemein nicht erlaubt?“

Nein, ist erlaubt, und Kritik finde ich sogar gut, wenn was dran ist, kann man nur besser werden. Aber eine so einseitige Darstellung sollte dann auch die Überschrift haben „Die Schattenseiten des Maskulismus“ und nicht so tun, als sei sie ausgewogen. Wenn ich einen Text a la Hurtz über den Feminismus schreiben würde, würde ich 60 % über Solanas mit eine Reihe von Zitaten aus dem SCUM-Manifest schreiben und dann am Rande noch mal 2 Klassiker zitieren, und natürlich #killallmen – das wäre komplett unseriös.

„… so gar nicht wahrhaben wollen, dass diese „Werner Stahls“ in ihren Reihen existieren.“

Das ist den meisten Leuten, mit denen ich in der Blase rund um genderama und alles evo. Kontakt habe, sehr genau bewußt, und man vermeidet jeden Kontakt zu den Werner Stahls. Die Existenz dieser Stahls streitet niemand ab.

Wir hatten uns übrigens vor rund einem Jahr schon mal darüber unterhalten, ob es Sinn macht, bevorzugt auf die Extremfiguren der anderen Seite zu fokussieren – nein – das bringt nichts. U.a. die damalige Diskussion mit Dir und Margret sind ein Grund, warum mir der Hurtz-Text so sauer aufstößt.“

Jetzt also hier weiter.

@ mitm

Werner Stahl ist keine Veranschaulichung trockener Fakten, er ist selber das Faktum, das sich ein Leser zusammenreimt.

Ein Leser hat sich Werner Stahl zusammengereimt?

Nein, ist erlaubt, und Kritik finde ich sogar gut, wenn was dran ist, kann man nur besser werden.

Und wo was dran ist, bestimmt wer? Diejenigen, die niemals Begegnungen mit irgendwelchen Werner Stahls hatten und darum deren Existenz negieren und leugnen? Auch ich selbst hätte zu Hurtz‘ Recherche noch einige gespeicherte Kommentare von Hatern des Schlages Stahl beisteuern können, die mir hier hinterlassen wurden. Aber klar, wer sich mit sowas nie rumschlagen mußte, darf natürlich daran zweifeln, dass es das tatsächlich in nennenswerter Form gibt, und dass das ein Problem sein könnte. Man sollte aber sinnvollerweise besser denen glauben, die ihre Erfahrungen gemacht haben, meinst du nicht? „Was ich nicht kenne, gibts nicht!“ war noch nie ein ernstzunehmendes Argument.

Wenn ich einen Text a la Hurtz über den Feminismus schreiben würde, würde ich 60 % über Solanas mit eine Reihe von Zitaten aus dem SCUM-Manifest schreiben und dann am Rande noch mal 2 Klassiker zitieren, und natürlich #killallmen – das wäre komplett unseriös.

Witzig. Das passiert doch ohnehin dauernd. Und schon weit länger als das Thema in der SZ aufgegriffen wurde. So dauernd, dass es mich längst langweilt. Aber eine antifeministische Extremfigur zu beleuchten, ist dann plötzlich unerhört und „Hetzpropaganda“. Na sowas.

Die Existenz dieser Stahls streitet niemand ab.

Das ist nicht wahr. Es gibt mehrere Äußerungen, dass Hurtz‘ Darstellung für „nicht glaubwürdig“ und Stahl für eine „Erfindung“ gehalten wird. Andere Äußerungen gehen in die Richtung, dass das alles ja sicher nicht ernst gemeint sei. Insgesamt wird also schlicht geleugnet, dass es Menschen da draußen gibt, die den Maskulismus für sich in einer Weise beanspruchen, die menschenverachtend ist. Aber ich sehe zum Glück auch andere Stimmen, die immerhin einräumen, dass Personen wie Stahl durchaus ein Problem sind, wie @ chrima, der da in den Kommentaren bei Schoppe sagt:

„Einer unter vielen Gründen für meinen Rückzug war, dass Leute wie dieser Stahl (mag er nun tatsächlich existieren oder nicht) im Begriff waren die „Masku-Szene“ zu dominieren und einstmals durchaus lesenswerte Foren (ja auch wgvdl gehörte einmal dazu) zu übernehmen.
An Typen wie diesem Stahl herrscht leider kein Mangel.

Eigentlich ein gutes Zeichen, wenn heute einige bezweifeln, dass es diese „Stahls“ gibt und dass sie es Ernst meinen könnten.
Mann sollte aber nie vergessen, dass es sie gibt und sie in ihrer destruktiven Kraft nie unterschätzen.“

Du selbst bezeichnest den ganzen Artikel sogar als „Hetzpropaganda“, was nun wirklich maßlos übertrieben ist, wie sogar deine Maskulismusfreunde bestätigen. Sei ehrlich, dich ärgert doch nur, dass diese Seite des Maskulismus überhaupt öffentlich breit gemacht wird. Und darum lieferst du eine Milchmädchenrechnung darüber, wie gar schrecklich ganze 40% des Artikels Stahl galten. Weiterhin schreibst du:

„Bei den Kolleginnen aus der SZ-Redaktion erzeugt der Text vermutlich nur zustimmendes Nicken, weil er die sowieso vorhandenen Vorurteile bestätigt.“

Wie kommst du darauf, dass es nur Vorurteile sind? Vielleicht sind es auch handfeste Erfahrungen, die du nur einfach nicht kennst, weil du nicht betroffen bist?

Jeder Feministin darf man permanent unterstellen, dass Scum ihre heimliche Bibel sei, aber Maskulismus darf nicht danach bewertet werden, welche Irrlichter sich darunter tummeln? Höchst fragwürdige Einstellung. Sieh es einfach mal so: wer für sich beanspruchen will, dass Feminismuskritik erlaubt sein muß und im Rahmen dessen irgendwelche Extremfiguren hochstilisiert, muß auch akzeptieren, dass der Maskulismus eine ebensolche Kritik erfährt. Alles andere ist Heuchelei.

Emanzipation zerstört Erotik? Nope.

Die SZ hat während ihrer Recherche-Reihe zur „Gleichberechtigung heute“ ja schon einige recht lesenwerte Artikel hervorgebracht. ZB

zur Aufgabenverteilung bei der Haus- und Familienarbeit.

zur Lebenserwartung von Männern und Frauen

über sexuelle Gewalt

ein Rant über pöbelnde Maskulisten

oder ein Videoquiz über Sexismus

Es wird natürlich auch Unsinn geschrieben, wie jüngst von Violetta Simon, die da behauptet, dass „Emanzipation die Erotik tötet“.

Untermauert mit einer Menge an bekanntem biologistischem Kram, und der unterschwelligen, oder eigentlich vielmehr sehr deutlichen Botschaft, dass Frauen häuslich, sanft und submissiv, und Männer dagegen wild, stark und dominant sein müssen, wenns im Bett laufen soll. So weit, so langweilig.

Dieses Bild, dass Sex nur dann sexy ist, wenn der starke Mammutjäger seine Beute an den Haaren ins Bett zerrt, mag ja partiell anregend sein, aber daraus die plumpe Idee zu stricken, dass gelebte Emanzipation die Erotik töten würde, und einer ja immer die Führung übernehmen müsse, erinnert eher an den Versuch, irgendwelche 50 Shades of Schwachsinn-Phantasien krampfhaft als das einzig selig machende NonplusUltra darstellen zu wollen. Und bei solchen penetranten Versuchen, wenns darum geht, eine Lebensweise als optimal zu glorifizieren, und jede andere daneben als Frustgarant zu verteufeln, sollte doch jeder Mensch mit Verstand mißtrauisch werden. Kennen wir alles schon zur Genüge von Hermann, Kelle & Konsorten. Warum soll es denn nicht möglich sein, sich vorzustellen, oder – welch rebellischer Gedanke – es sogar zu akzeptieren, dass es unzählige Facetten und Möglichkeiten gibt, Sex und Erotik im kommunikativen Austausch auszuleben? So, Augenhöhe, Gleichberechtigung, Emanzipation und so. Jeder kann machen, worauf alle Beteiligten Bock haben. So verrücktes Zeug halt. Ich finde ja nichts langweiliger und unerotischer als Menschen, die meinen, zu wissen, was andere geil oder ungeil finden müssen. Woher kommt dieser Drang danach, die Welt in schwarz und weiß einzuteilen, und praktischerweise gleich zu verurteilen, wenns nicht in den eigenen Kram passt? „Tradition“ = yay, Emanzipation = pfuibäh. Ist es irgendeine irrationale Angst vor Veränderung? Oder davor, selbst nicht in irgendeine wie auch immer gepresste Norm zu passen? Ich weiß es nicht. Und ehrlich gesagt, will ich es auch nicht wissen. Weil diese Art Denke so gar nichts mit meiner Lebensrealität zu tun hat und ich kenne auch niemanden, bei dem das signifikant anders ist. An alle Violetta Simons da draußen: Es gibt ganz andere Baustellen da draußen, an die wir ran müssen. Emanzipation als Lustkiller zu verkaufen, ist mal ein gründlich überflüssiger Backlash in die 50er. Das brauchen wir wie Fußpilz.

Daher mein Fazit: Nicht Emanzipation, sondern Engstirnigkeit und fehlende Kommunikation zerstören die Erotik.

Sehr schön und weit ausführlicher hat dazu Svenja Gräfen bereits treffende Worte gefunden.
http://svenjagraefen.de/liebe-violetta-simon-lassen-sie-uns-ueber-sex-reden/

Abtreibungsrecht für Männer?

Auf dem Blog fischundfleisch habe ich einen Artikel gefunden, in dem der Autor das Abtreibungsrecht für Männer fordert. Ich wollte dort erst kommentieren, hatte aber Schwierigkeiten mit dem Laden der Seite, also mache ich einfach einen eigenen Post draus. Ich weiß nicht, ob die geneigte Leserschaft den Link abrufen kann. Falls nicht, kurz zur Argumentation des Autors:
Er fordert das Recht für Männer, sich im Fall einer ungewollten Schwangerschaft rechtlich von jeglichen Rechten und Pflichten einer Vaterschaft lösen zu können. Also kein Unterhalt, kein Sorgerecht, kein Umgangsrecht, nix, niente, nada. Papa quasi nicht existent. Dass Männer zwangsweise die Entscheidung der Frauen mittragen müssen, egal wie diese ausfällt, nennt der „Fremdbestimmung“.
Er fordert keine „Zwangsabtreibung“ und auch keine „Zwangsaustragung“, aber er fordert, dass er, wenn eine Schwangerschaft entstanden ist, ganz selbstbestimmt entscheiden kann, dass er kein Vater sein will. Er will „konsequente Gleichberechtigung“, indem nicht nur die Frau, sondern auch der Mann selbst entscheiden kann, ob ein Kind erwünscht ist.

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#HolocaustMemorialDay #Auschwitz #NieWieder

Anlässlich des heutigen (oh fuck, gestrigen, ist spät geworden…) Gedenktages der Opfer von Auschwitz vor 71 Jahren, und parallel dazu des erschreckend aufkeimenden Rassismus in der Gesellschaft und der Politik, besonders hinsichtlich der Flüchtlingsdebatte hier die komplette Rede des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert und der Gastrednerin Ruth Klüger, einer Holocaust-Überlebenden. Möchte nicht viel dazu sagen. Außer meiner Verachtung und meines Ekels diesen unverbesserlichen Leuten gegenüber, die es offenbar total witzig und ok finden, die Vergasung von Flüchtlingen zu fordern, Ausdruck zu geben…
Ich möchte von dem Dreck nichts verlinken, mit 2 Minuten Recherche kann sich jeder selbst vom rassistischen Hass überzeugen. Hört und seht euch lieber die Bundestagsrede an.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2654852/Holocaust-Gedenken-im-Bundestag

Zum nachlesen gibt die Rede von Ruth Klüger auch:

„Der Winter von 1944/45 war der kälteste Winter meines Lebens und blieb sicher unvergesslich für alle, die ihn damals im kriegserschütterten Europa erlebten. Ich bin jetzt 84 Jahre alt und war damals gerade erst 13 Jahre alt geworden, aber auch die vielen anderen Winter, die noch folgen sollten, waren für mich nie wieder so kalt wie dieser letzte Kriegswinter.

Kälte, der man hilflos ausgesetzt ist, bleibt für mich auf immer verbunden mit Zwangsarbeit im Frauenlager Christianstadt, ein Außenlager des KZ Groß-Rosen in Niederschlesien, wie es damals hieß. Heute liegt der Ort in Polen.

Bei Zwangsarbeitern denkt man an erwachsene Männer, nicht an unterernährte kleine Mädchen. Aber ich war nicht bemitleidenswert, im Gegenteil, ich hatte großes Glück gehabt und war stolz darauf. Denn es war mir gelungen, mich im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im Sommer 1944 – das war eine Saison, in der die Gaskammern und Kamine auf Hochbetrieb liefen – in eine Selektion einzuschmuggeln, die arbeitsfähige Frauen im Alter von 15 bis 45 Jahren zum Kriegsdienst auswählte.

LÜGE Ich hatte mich in eine Warteschlange gestellt und auf die Frage eines SS-Manns mein Alter – damals noch zwölf Jahre – als 15 angegeben. Eine sehr unwahrscheinliche Lüge, denn ich war nach fast zwei Jahren Theresienstadt unterernährt und unentwickelt. Die Lüge war mir von einer freundlichen Schreiberin, ein Häftling wie ich, fünf Minuten früher eingeflüstert worden, und ich hatte sie tapfer wiederholt.

Der SS-Mann betrachtete mich und meinte, ich sei aber sehr klein. Die Schreiberin behauptete kühn, ich hätte starke Beine: »Sehen Sie doch nur, die kann arbeiten!« Er zuckte die Achseln und ließ es gelten. Einem Zufall von Minuten und einer gütigen Frau verdanke ich mein Weiterleben, denn der Rest des Transports von Theresienstadt, mit dem ich gekommen war, wurde in den nächsten Tagen vergast. Wir Ausgewählten wurden in Waggons verfrachtet und ins Arbeitslager verschickt.

Die ersten Tage in Christianstadt waren für mich der Inbegriff von Erleichterung, um nicht zu sagen Glück. Es war warm, es gab Gras und Bäume im Wald, die Luft war klar, eine Wohltat nach dem kadaverartigen Dunst, der in Auschwitz, von den Kaminen ausgehend, über dem Lager hing. Vor allem war die Todesangst vorbei.

Die positiven Gefühle dauerten jedoch nicht lange. Es wurde nass, dann sehr kalt. Wir wurden morgens durch eine Sirene oder Pfeife geweckt und standen im Dunkel Appell. Stehen, einfach stehen, ist mir noch heute so widerlich, dass ich manchmal aus einer Schlange ausscheide und weggehe, wenn ich schon fast dran bin, einfach weil ich keinen Augenblick länger in einer Reihe bleiben möchte.

WIDERSTAND Wir bekamen eine schwarze, kaffeeartige Brühe zu trinken, eine Portion Brot zum Mitnehmen, und marschierten in Dreierreihen zur Arbeit. Neben uns lief eine Aufseherin, die uns mit ihrer Pfeife im Gleichschritt halten wollte. Alles Pfeifen nützte nichts, den Gleichschritt haben wir trotz des Ärgers der Aufseherinnen nicht gelernt. Es freute mich in meinem kindlichen vorfeministischen Widerstand, dass man jüdische Hausfrauen nicht veranlassen konnte, im Schritt zu gehen. Wir waren nicht aufs Marschieren gedrillt worden. Männer konnte man leichter dazu trainieren.

Die Mehrzahl der Frauen, darunter auch meine Mutter, arbeitete in einer Munitionsfabrik, zusammen mit verschleppten Franzosen, Männern, die besser ernährt wurden als wir, weil sie für diese Arbeit besser ausgebildet und daher wertvoller waren. Dafür konnten sie auch besser Sabotage treiben. Wenn sie grinsend zu den Frauen geschlendert kamen, so konnte man sich darauf verlassen, dass sie eine Maschine stillgelegt hatten, indem sie die richtigen Schrauben lockerten oder sonstwas Unauffälliges anstellten, das die Deutschen erst finden und richten mussten. Sklaven- oder Zwangsarbeit hat ihre Tücken, und für die Nazis ist wohl oft weniger dabei herausgesprungen als sie ursprünglich am Reißbrett errechneten. Leider immer noch zu viel.

Genau gesehen ist Zwangsarbeit insofern schlimmer als Sklavenarbeit, weil der leibeigene Sklave einen Geldwert für seinen Besitzer hat, den dieser verliert, wenn er den Sklaven verhungern oder erfrieren lässt. Die Zwangsarbeiter der Nazis waren wertlos, die Ausbeuter konnten sich immer noch neue verschaffen. Sie hatten ja so viel »Menschenmaterial«, wie sie es nannten, dass sie es wortwörtlich verbrennen konnten.

Und erst die Frauen! Die konnten ja nicht einmal so gut arbeiten wie die Männer. Manche Männer, wie die eben erwähnten Franzosen, waren ausgebildet in Berufen, die für den Kriegseinsatz brauchbar waren. Doch die Frauen? Man konnte sie ruhig bis zum Verhungern ausnützen. Fast niemand im Lager menstruierte, dazu braucht’s ein gesünderes Leben. Sie hatten fast nichts zu bieten als ihre beschränkte Geschicklichkeit und die verminderte Körperkraft der Hungernden.

MAUTHAUSEN Ich sage »fast«, denn etwas können Frauen doch ausüben, was man als einen weiblichen Beruf bezeichnet hat, nämlich die Prostitution. In manchen Konzentrationslagern für Männer, darunter das KZ Mauthausen – das mit seinen Dutzenden Außenlagern mein Geburtsland Österreich wie der Emmentaler mit seinen Löchern überzog – gab es »Sonderbaracken«, wo Frauen, die hauptsächlich im Frauenlager Ravensbrück rekrutiert wurden, gewissen bevorzugten Häftlingen zur Verfügung standen.

Die Frauen waren in ständiger Gefahr, krank oder schwanger zu werden, durch einen serienmäßigen Geschlechtsverkehr, der je höchstens 20 Minuten dauern durfte, während draußen vor der Baracke schon eine Schlange wartender Männer stand. Das ist nicht eine »Arbeit«, die man sich freiwillig aussucht, wie den missbrauchten Frauen nach Kriegsende manchmal zynisch vorgeworfen wurde. Die Prostituierten wurden später auch nicht als Zwangsarbeiter eingestuft, und sie hatten keinen Anspruch auf Restitution oder erhoben keinen Anspruch darauf. Wenn wir heute hier der Zwangsarbeiterinnen von damals gedenken, so müssen wir sie miteinschließen.

Zurück zu meiner eigenen Geschichte. Beim Roden und Schienenlegen hatten wir öfters Kontakt mit deutschen Zivilisten, die auch unsere Vorarbeiter waren. Einmal saß ich in einer Pause auf einem Baumstamm neben einem dicken, vierschrötigen Mann, der mich angesprochen haben muss, denn aus eigenem Antrieb hätte ich mich nicht neben ihn gesetzt.

Er war neugierig, es war klar, dass ich nicht in die Vorstellungen passte, die man sich von Zwangsarbeitern machte. Ein schwarzhaariges, verhungertes Sträflingskind, das aber einwandfreies Deutsch sprach, noch dazu ein Mädchen, ungeeignet für diese Arbeit, eine, die in die Schule gehörte. Wie alt ich denn sei, fragte er. Ich beantwortete seine Fragen mit äußerster Zurückhaltung, denn nichts lag mir ferner, als mich mit einem fremden Deutschen aufs Glatteis zu begeben.

SCHAUERMÄRCHEN Er hingegen erzählte mir, auch die deutschen Kinder gingen jetzt nicht mehr zur Schule, sie würden alle eingezogen. In seiner Erinnerung, stelle ich mir vor, war ich auch nach dem Krieg eine kleine Jüdin, der es gar nicht so schlecht ging, denn sie hat keine Schauermärchen erzählt, obwohl er sie in seiner aufmunternden Art geradezu aufforderte, über ihr Leben zu plaudern. Und Angst hatte sie auch keine, sonst hätte sie nicht so frisch von der Leber weg geredet. Und vielleicht benutzt er unsere Begegnung als einen Beweis, dass es den Juden im Krieg nicht schlechter ging als anderen Leuten auch. (…)

Das Lager Christianstadt wurde Anfang 1945 aufgelöst und die Häftlinge in ein weiteres, nämlich nach Bergen-Belsen, überführt. In den ersten paar Tagen ging der Transport zu Fuß, dann wurde er in einen Zug verladen, wie ich nach dem Krieg erfuhr. Denn da waren wir nicht mehr dabei. Meine Mutter, meine Freundin Susi und ich sind am zweiten Abend, als wir noch im Freien waren und es dunkel wurde, geflohen – und haben überlebt. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Jahrzehnte später in Göttingen höre ich einem Mann im Rentneralter zu, wie er sich in Schmidts Drogerie-Markt den Mund über die »schmarotzenden Ausländer« zerreißt. »Die Ausländer, die sollt’ man vergasen und die Politiker gleich dazu«, meinte er. Der Satz trifft mich wie ein Schlag. Ich schau hin zu ihm, schätze sein Alter, ja der ist alt genug, der könnte damals Aufseher im Lager gewesen sein. »Solche Sprüche!«, sag ich beklommen zu ihm, wir sehen uns in die Augen, Freunderl, wir kennen uns. Da sagt er mit festem höhnischem Blick: »Ja, ja, Sie haben schon richtig gehört.«

Wenn die deutsche Zivilbevölkerung später beteuerte, sie hätte nichts über den Massenmord gewusst, so kann man sich darüber streiten, ob das stimmt, doch die massenhafte Ausbeutung durch Zwangsarbeit war sehr wohl bekannt. Viele Jahre später, als ich oft in Deutschland war und auch wieder viele Freunde hier hatte (und noch habe), stieß ich gelegentlich auf Menschen, deren Familien Zwangsarbeiter während der Nazizeit im Hause hatten.

AUSFLÜCHTE Meine Freunde erinnerten sich an diese verschleppten Menschen mit Behagen und großer Zuneigung. Die hatten es gut bei uns. Die haben mit uns Kindern gespielt und gelacht und gesungen. Die wohlmeinenden Erzähler wussten nicht, oder wollten nichts wissen, von der wachen Zurückhaltung, dem Misstrauen, der Verachtung, der Über- oder Unterschätzung des Feindes, die in diesen unbezahlten Haushaltshilfen gesteckt haben muss. (…)

Verehrtes Publikum, ich habe jetzt eine ganze Weile über Versklavung als Zwangsarbeit in Nazi-Europa gesprochen und Beispiele aus dem Verdrängungsprozess nach 1945 zitiert. Aber eine neue Generation ist seither hier aufgewachsen, und dieses Land, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie Flüchtlinge aufgenommen haben. Ich bin eine von den vielen Außenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind.

Das war der Hauptgrund, warum ich die Gelegenheit wahrgenommen habe, in Ihrer Hauptstadt über die früheren Untaten sprechen zu dürfen, hier, wo ein gegensätzliches Vorbild entstanden ist und trotz Hindernissen, Ärgernissen und Aggressionen noch weiter entsteht, mit dem schlichten und heroischen Slogan: Wir schaffen das.

Thumbs up! Happy New Year! Ich danke Ihnen für diese Einladung.

Die Autorin wurde 1931 in Wien geboren und lebt in Kalifornien und Göttingen. Sie zählt zu den bekanntesten Germanistinnen in den USA. Zugleich machte sie sich als Schriftstellerin einen Namen. In »weiter leben« beschreibt sie ihre Kindheit in Wien und in den Lagern Theresienstadt und Auschwitz.“

Die Anderen.

Muschimieze hat die Silvesternacht in Köln und die Folgen darauf in paar sehr lesenswerte Zeilen gepackt

MUSCHIMIEZE

Männlichkeitskultur. So nennen sie es, „das Fremde“, das sich langsam, aber unausweichlich, auf völlig überfüllten Booten über das Mittelmeer in unser schönes Deutschland einschleppt und sich nun in unsere Gesellschaft zu fressen scheint, wie eine plötzliche Krankheit oder ein lästiger Parasit.

Die Silvesternacht in Köln sitzt dem gegenwärtigen Diskurs in den Knochen. Eine junge Frau, unter dem Pseudonym „Anja Meier“, rekonstruiert bei „Hart aber fair“ die Ereignisse der Nacht: Sie war eine jener Frauen, die von einer großen Gruppe Männer umzingelt, angefasst und anzüglich beschimpft, ausgelacht und bedrängt worden ist. Es gehen Anzeigen wegen Diebstahl, Körperverletzung und Vergewaltigung ein. Die Bilanz einer beschämenden Nacht: Mehr als 650 Anzeigen meldete die Kölner Staatsanwaltschaft bezüglich jener Übergriffe, die die Boulevardpresse medienwirksam als „Schande von Köln“ oder besonders reißerisch als „Sex-Mob“ bezeichnete. Dass das, was da in dieser Nacht in Köln passiert ist, nichts mit „Sex“ zu tun hat, sondern, wie bei jeder…

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Die Übergriffe von Köln und die Scheinheiligkeit der neuen „Frauenrechtler“

Ich will dazu gar nicht viele Worte machen, sondern verweise einfach auf diesen Artikel der „Wienerin“, die gut zusammenfasst, was mich an der Debatte darum stört.

Alle sind sich einig, dass die Silvesternacht in Köln traurige Schlagzeilen macht und sind alle über die Brutalität der Vorfälle betroffen. Besonders laut ist aber die Betroffenheit interessanterweise gerade bei denen, die sich bisher nicht mit dem größten Verständnis für die seit Jahren gegen sexuelle Gewalt kämpfenden Menschen hervorgetan haben. Um es mal vorsichtig auszudrücken.
Wo waren diese neuen Betroffenen, als Tausende Frauen unter #Aufschrei das Thema endlich populär gemacht haben? Wo sind sie, wenn irgendwo ein Fall von Vergewaltigung durch die Medien geistert? Da sind sie still oder verfallen in altem Beißreflex in das Herunterbeten sämtlicher Vergewaltigungsmythen oder bezeichnen Frauen, die über diese Vorfälle berichten, kurzerhand als hysterische Männerhasserinnen oder Lügnerinnen.

Aber jetzt werden sie auf einmal laut. Weil ihnen das Thema sexuelle Gewalt und Frauenrechte auf einmal so am Herzen liegt? Oder nicht doch eher, weil diesmal „die Täter und somit die Feinde gleichzeitig die „Fremden“ sind“ und „sich auch weiße westliche Hetero-Männer damit identifizieren können“, wie es die Wienerin so schön formuliert?

Ich unterstelle, keinem von denen geht es tatsächlich um die Opfer. Es gibt unzählige Möglichkeiten, seine Solidarität mit Betroffenen zu beweisen. Lediglich auf einen Zug aufzuspringen, der nur das Ziel hat, rassistische Ressentiments zu bedienen, ist da wenig hilfreich.